Ich mache nun eine Pause, sitze hier am Fluss, schreibe in mein Tagebuch und überlege, wie lange ich noch weitergehen soll. Wasser gibt es genug, und mit meinen Vorräten könnte ich noch zwei Tage auskommen und hätte noch genug für den Rückweg.
Ich frage mich, was ich zu finden hoffe. Einen Hinweis? Was für einen Hinweis sollte ich mitten im Urwald finden können? Der Fluss mag mir eine Richtung vorgeben, aber ich könnte nur wenige hundert Meter an einer tiefer im Wald gelegenen Siedlung vorbeilaufen und würde sie nicht sehen. Meine ganze Expedition ist nicht mehr als der Versuch, wenigstens etwas zu tun, statt die Ereignisse und die offenen Fragen einfach zu akzeptieren.
Ich mache mir Sorgen über die kommende Nacht. Wird das Wesen, das mich verfolgt, mich aufspüren? Versuchen, mich anzufallen? Sicherheitshalber werde ich mir rechtzeitig vor Beginn der viel zu kurzen Dämmerung einen Schlafbaum suchen. Hoffen, dass das Tier nicht zu mir hinaufklettert.
Vielleicht sollte ich jetzt lieber umkehren. Der Rückweg wird noch einmal genauso weit. Wenn ich jetzt abbreche, liegt nur eine Nacht vor mir, die mich schon wieder näher an das Camp bringt. Wenn ich erst morgen umkehre, liegt nicht nur die heutige Nacht noch vor mir, dann sind es auch zwei Nächte auf dem Rückweg.
Im Grunde ist es doch vollkommen irrwitzig, was ich hier tue! Und trotzdem habe ich das Gefühl, ich muss das tun. Juli würde das verstehen. Außerdem: Wenn ich jetzt zurückgehe, war alles vollkommen sinnlos. Im Grunde besteht doch keine Gefahr. Vielleicht ist das bloß ein Wildschwein oder so was, das zufällig demselben Weg folgt, irgendein Tier, das gar nichts von mir will, das viel mehr Angst vor mir hat als ich vor ihm.
Ich werde bis morgen Mittag weitergehen. Vielleicht finde ich ja noch eine Siedlung am Flussufer. Irgendwoher muss der Tote ja gekommen sein. Es sei denn, er wäre aus einem Boot gefallen. Aber auch das muss ja flussaufwärts etwas gesucht haben.
So, mein Wasser hat ausreichend gekocht. Ich werde es noch durch den Filter gießen, meine Flasche auffüllen, und dann geht’s weiter. Camp der Ärzte ohne Grenzen, 29. Juli
Zwar waren alle Türen verschlossen, aber Tom hatte ihnen mit ein wenig Kraftaufwand Zugang zum Hauptgebäude verschafft, und im Büro hatten sie einen Bund Schlüssel gefunden, der ihnen ohne weitere Schwierigkeiten Zutritt zu sämtlichen Bereichen ermöglichte.
Während sie durch die Räume streiften, machte Tom Fotos, in der Hoffnung, sie für einen späteren Artikel verwenden zu können. Sie fanden heraus, dass das Camp tatsächlich nicht nur kurzzeitig verlassen wurde. Der Generator lief nicht, die Kühlschränke waren aus, warm und leer. Bis auf einige kleinere Gerätschaften und Konserven gab es keine umfangreichen Vorräte und erst recht keine medizinischen Ampullen oder Medikamente, die gekühlt werden mussten. Einen Hinweis darauf, weswegen die Ärzte gegangen waren, fanden sie nicht. Die Schlafräume waren allesamt leer, von Marie gab es keine Spur. Ein Kalender enthielt noch zahlreiche Einträge, die bis in die nächsten Wochen reichten. Offenbar war die Schließung also kurzfristig erfolgt.
»Was jetzt?«, fragte Tom. »Wollen wir noch einmal versuchen, die Dorfbewohner zu befragen?«
»Eine andere Möglichkeit haben wir nicht«, gab Juli zurück.
Sie verriegelten alle Türen wieder und deponierten den Schlüsselbund dort, wo sie ihn gefunden hatten. Dann machten sie sich auf den Weg zum Dorf der Indios.
Schon von Weitem sahen sie, dass die Alte wieder auf ihrem Stuhl vor der Hütte saß. Toms Hand fuhr zu seiner Brust, wo er den geschnitzten Anhänger der Kette spürte, den die Frau in der Nacht vorbeigebracht hatte. Würde sie es freuen, wenn sie sah, dass er ihn trug? Oder sollte es geheim bleiben, sollte er ihn lieber verstecken? Warum sonst hätte sie ihn heimlich überbracht? Er entschloss sich, das Medaillon unter seinem T-Shirt zu verstecken.
Während sie näher kamen, begann die Alte, mit schwerfälligen Bewegungen aufzustehen, trat ein paar Schritte von ihrer Hütte weg auf die Straße und winkte ihnen zu. Dann wandte sie sich ab und ging die Straße entlang.
Tom und Juli sahen sich kurz an und folgten ihr.
Ein Stück weiter die Straße hinunter ging es um eine Biegung, hinter der sie auf einen kleinen Platz kamen, auf dem ein mächtiger Baum stand. Dort hatte sich ein Dutzend Indios versammelt, allesamt ältere Menschen, die ihnen entgegensahen. In ihren Gesichtern stand eine Mischung aus Neugier, Zweifel und Erwartung. Tom hob seine Kamera an, er wollte das Szenario fotografieren, aber Juli legte ihre Hand auf seine Schulter und bedeutete ihm, dies zu unterlassen. Als sie herantraten, wichen die Männer und Frauen beiseite und bildeten einen Halbkreis, in deren Mitte ein einzelner Mann stand. Er trug einen mehrfarbigen Schulterüberwurf aus Stoff mit darin eingewebten Perlen und eine kronenartige Kopfbedeckung mit Federn. In seiner Hand befand sich ein Stab, der in einer Klaue endete.
Unsicher blieben sie stehen.
»Ist das ein gutes Zeichen?«, raunte Tom.
»Ich hoffe es«, gab Juli halblaut zurück.
»Sentem-se«, sagte die Alte, die im Halbkreis der anderen stand, und wies auf den Boden vor dem einzelnen Mann, der nichts anderes als ein Schamane sein konnte.
»Wir sollen uns setzen, sagt sie«, erklärte Juli und nahm im Schneidersitz Platz. Tom tat es ihr gleich, während er sich umsah und die Leute beäugte. Waren sie feindselig? Was erwarteten sie?
»Vai afugentar os espíritos malignos«, sagte die Alte nun, als würde es alles erklären.
»Sie sagt, er will die bösen Geister vertreiben«, übersetzte Juli.
»Und was sollen wir machen?«
»Nichts, vermute ich. Einfach stillhalten.«
Der Schamane sah zu ihnen herab und sprach sie nun an. Er redete schnell und mit grimmigem Gesicht, und als er nach einer Weile noch keine Pause machte und auch keine Antwort erwartete, dämmerte es Tom, dass er sie gar nicht ansprach, sondern predigte, dass er einen Schwall von Beschimpfungen oder Beschwörungen losließ, der nicht an sie gerichtet war, sondern an irgendwelche Wesenheiten, die er vermutlich vertreiben wollte.
Schließlich begann er einen merkwürdigen Singsang, der unangenehm schief und fremdartig klang, aber doch einem Muster zu folgen schien, denn die Umstehenden stimmten regelmäßig in ihn ein.
Während des Singens schwang er seinen Krallenstab über ihren Köpfen, als fegte er etwas hinweg, seine Augen rollten sich in den Höhlen nach oben, was seinem Gesicht etwas grauenvoll Manisches verlieh.
Die Prozedur dauerte an, und Toms Beine schmerzten allmählich, weil er nicht wagte, eine bequemere Haltung einzunehmen. Nach weiteren qualvoll langen Minuten verstummte der Mann schließlich, und kurz darauf hörte Tom, wie die Alte etwas sagte. Daraufhin stand Juli auf, und Tom folgte dankbar ihrem Beispiel.
Der Schamane sah sie an, blickte ihnen zum ersten Mal mit klarem Blick direkt in die Augen. Er sagte etwas, dann reichte er Tom einen Speer, der hinter ihm an einem Baum gelehnt hatte. Die Alte erklärte etwas, und Juli übersetzte: »Du sollst damit nicht töten.« Tom nahm die Waffe unschlüssig entgegen. Es war ein einfacher, aber sehr gerader Holzstab mit einigen geflochtenen Bändern direkt unterhalb einer scharfkantigen Spitze aus dünnem Metall. Tom verneigte sich leicht.
Als Nächstes sprach der Schamane Juli an und reichte ihr eine Trinkflasche, die aus einer Tierblase oder dünnem Leder gefertigt war. Nachdem die Alte die Anweisungen des Schamanen übersetzt hatte, erklärte Juli an Tom gewandt: »Und mir sagt er, ich soll nicht daraus trinken. Wir sind nun gereinigt, wir haben eine Waffe für das Leben und Wasser für den Tod. Und wenn wir wissen, wie wir beides richtig verwenden, werden wir Erfolg haben.«
»Wie bitte?«
Juli zuckte mit den Schultern. »Mehr weiß ich auch nicht. Das ist das, was er gesagt hat.«