»Ich bin mir nicht sicher, ob uns das alles nun wirklich geholfen hat.«
Der Kreis der Indios um sie herum löste sich auf. Jeder, der ging, ließ beim Vorbeigehen eine Hand an Juli und Tom vorbeistreichen. Als Letzte passierte sie die Alte. Sie lächelte, und als sie das Band von Toms Kette entdeckte, fasste sie sich selbst an den Hals und nickte. Tom lächelte fast unmerklich.
»Er ist weg«, bemerkte Juli.
»Wer?«
»Der Schamane. Hast du gesehen, wo er hingegangen ist?«
Tom zuckte mit den Schultern. »Sich heimlich zu verdrücken, gehört vermutlich zu den ersten Tricks, die man auf der Schamanenschule lernt.«
Sie standen inzwischen allein auf der Straße. Die Indios waren in ihren Häusern verschwunden.
»Also gut.« Tom stemmte die Hände in die Hüften. »Jetzt wissen wir, dass wir deine Schwester suchen sollen, dass sie mit den Geistern des Waldes weggegangen ist oder so, wir sind rituell gereinigt, und wir haben eine Waffe, die wir nicht benutzen sollen, und Wasser, das genauso wenig für etwas gut ist. Irgendwie eine recht dürftige Ausgangssituation, findest du nicht?«
»Lass uns noch mal mit der Alten reden«, schlug Juli vor. »Dass wir uns irgendwie auf den Weg machen sollen, scheint ja klar zu sein. Nur wohin, das müssen sie uns noch sagen.«
Sie fanden die Alte erwartungsgemäß auf ihrem Stuhl vor ihrer Hütte vor. Sie sah sie mit demselben Lächeln an, das sie ständig trug und das im Laufe der Jahre so unzählige Falten in ihr Gesicht gegraben hatte. Es verlieh ihr einen Ausdruck von Abgeklärtheit und Zufriedenheit, der zugleich den Verdacht erweckte, sie könnte naiv sein und in Wahrheit gar nicht wissen, was um sie herum vor sich ging.
Juli sprach mit ihr und versuchte, aus den holprig formulierten und undeutlich artikulierten Antworten so gut es ging schlau zu werden.
»Sie sagt, wir sollen dem Fluss folgen«, erklärte sie schließlich. »Flussaufwärts, am Ufer entlang, also nicht mit dem Boot. Und in ein paar Tagen würden wir die Geister des Waldes finden.«
»Hat sie mal beschrieben, was sie mit diesen Geistern meint?«
»Nein, ich verstehe sie nicht. Jedenfalls scheint es etwas zu sein, das die anderen Dorfbewohner fürchten, nur sie selbst nicht. Aber was auch immer es ist, dort scheint auch meine Schwester hingegangen zu sein.«
»Klingt ja verlockend.«
Juli bedankte sich bei der Frau, die nur nickte und lächelte.
»Auf eine Urwaldexpedition sind wir ja nicht gerade eingerichtet«, bemerkte Tom, als sie zurückgingen. »Dann lass uns das Camp noch einmal nach brauchbarer Ausrüstung absuchen. Verpflegung brauchen wir auch. Und wenn wir nicht genug zusammen bekommen, müssen wir noch mal nach Manaus und übermorgen wiederkommen.«
»Ich möchte nicht noch mehr Zeit verlieren«, entschied Juli. »Da lag noch genug herum, ich bin sicher, wir bekommen alles zusammen, was wir brauchen. Wir wollen ja auch nur ein paar Tage in den Wald, keine zwei Wochen.«
Eine Stunde später begutachteten sie ihr gesammeltes Beutegut. Sie hatten Konserven für mehrere Tage gefunden, einen Campingkocher mit zwei Gaskartuschen, Hängematten, Moskitonetze, eine Wasserflasche zum Umhängen, zwei Wegwerffeuerzeuge, ein Mehrzweckwerkzeug, das Messer, Zange, Schraubenzieher und allerlei anderes zugleich war, und eine Machete. Sie hatten auch eine Taschenlampe entdeckt, aber keine Batterien. Nachts würden sie auf Licht verzichten müssen.
Tom drehte eine Rolle Toilettenpapier in den Händen, die Juli dazugelegt hatte. »Und wofür ist das?«
»Damit wir nicht auf giftige Efeublätter zurückgreifen müssen.«
»Hm.« Er legte die Rolle zurück.
»Also, alles zusammen ist das nicht schlecht«, meinte Juli zufrieden. »Und es passt in unsere große Reisetasche.«
»Nicht schlecht, aber auch nicht großartig«, wandte Tom ein. »Ich würde mich wohler fühlen, wenn wir ein bisschen professionelleres Equipment hätten, muss ich sagen. Im Nirgendwo nützt uns auch der GPS-Empfänger nichts. Wir bräuchten ein paar Karten, ein Satellitentelefon, Gegengifte für Schlangenbisse, solche Sachen.«
»Solange wir dem Fluss folgen, ist das alles halb so wild. Wir planen ja keine mehrwöchige Expedition quer durch den Kongo. Das reicht schon alles.« Sie grinste. »Und aus dem Wagen nehmen wir noch den Verbandskasten mit, dann kann ich dir auch mal ein Pflaster aufkleben, wenn du dir wehgetan hast, okay?«
»So siehst du das, ja?« Er drückte die Schultern nach hinten. »Na, dann wollen wir mal sehen, wer als Erster von uns schlappmacht.«
»Verdammt!«, stieß Tom drei Stunden später aus und setzte sich auf eine Mangrovenwurzel. Die Reisetasche, die er wie einen Rucksack auf seinen Rücken geschnallt hatte, wuchtete er herunter und ließ sie auf den Boden sinken. Seine Fototasche behielt er quer über der Schulter.
»Ruh dich aus, solange du musst«, scherzte Juli. Sie stand neben ihm und machte ein entspanntes Gesicht. Aber auch ihr standen die Schweißperlen auf der Stirn. Sie stützte sich auf dem Speer auf, den sie als Wanderstab verwendete.
»Über und durch diese verflixten Mangroven zu klettern«, sagte Tom, während er nach der Wasserflasche griff, »nur, damit wir in der Nähe des Flusses bleiben, halte ich für eine ziemlich miese Idee.«
»Was sollten wir denn sonst tun?«
»Entweder etwas tiefer in den Wald …«
»Meinst du denn, das wäre dort besser? Da gibt es auch Unterholz.«
»… oder wir hätten uns ein Kanu oder so was suchen können. Auf dem Fluss wäre es am sinnvollsten gewesen.«
»Wir sollten der Frau vertrauen. Immerhin hat sie es extra betont. Sie wird sich schon etwas dabei gedacht haben.«
»Ich wäre mir da nicht so sicher. Besonders helle wirkte die alte Schachtel nicht gerade.«
»Was bist du denn so grantig?«
»Weil mir warm ist, deswegen!«
»Nun, dann erhol dich erst einmal.« Juli grinste.
»Ich muss mich nicht erholen. Ich möchte nur ein paar Fotos von unserer Tour machen.« Er holte seine Kamera aus der Tasche und fotografierte die Umgebung. »So, es kann weitergehen«, sagte er, als er fertig war.
Er schlug einen Weg ein, der sie etwas näher in Richtung des Flusses bringen sollte. Er hoffte, dass es dort eine Art Ufer gab. Die Mangroven, die ein unmöglich verknotetes Wurzelgeflecht bildeten, mussten irgendwann einmal aufhören.
»Vielleicht können wir die nächste Etappe, also bis zum nächsten Fotostopp, etwas ruhiger angehen lassen«, schlug Juli vor. »Nicht, dass es dich zu sehr anstrengen würde. Nur, um die Landschaft zu genießen.«
»Ist das nur ein Gefühl, oder machst du dich über mich lustig?«
»Höchstens ein kleines bisschen.«
»Na gut, ich schätze, das ist ein Ausdruck deiner Zuneigung.«
»So, meinst du das?« Juli lachte leise auf. »Was für ein Glück, dass dein Selbstbewusstsein so gut ausgeprägt ist.«
»Es ist nur eine einigermaßen fundierte Beobachtung.«
Juli lächelte in sich hinein. Sie allein wusste, wie sehr er ihr wirklich gefiel, und sie wusste auch, dass er trotz seiner lockeren Sprüche niemand war, der in so einer Sache den ersten Schritt machen würde. Diese Mischung machte ihn interessant.
Der Weg blieb beschwerlich. Die Hitze des Urwalds war fast unerträglich. Die Luft war schwer und feucht, das Atmen mühevoll. Ein Schwarm von Mücken folgte ihnen unablässig, und beide waren sie ständig damit beschäftigt, sie aus dem Nacken und aus dem Gesicht zu streichen. Am frühen Nachmittag fanden sie einen sandig und flach abfallenden Zugang zum Fluss, wo sie im Schatten der Bäume Rast machten. Sie teilten sich eine Konservendose mit Chili con Carne und kochten Wasser aus dem Fluss ab, um ihre Wasserflasche zu füllen.
Tom holte das Gefäß hervor, das der Schamane ihnen mitgegeben hatte. Er öffnete es und roch daran.
»Das würde ich lieber nicht probieren«, sagte Juli.