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»Warum nicht? Was glaubst du, was es ist?«

»Gesund ist es sicher nicht. Er sagte, es sei für den Tod. Vermutlich ist es vergiftet.«

Tom schloss die Flasche eilig und legte sie weg. »Warum um Himmels willen sollte er uns vergiftetes Wasser mitgeben?«

»Ich habe keine Ahnung«, sagte Juli. Sie ergriff die Flasche, roch ebenfalls daran, dann hängte sie sie sich an ihren Gürtel. »Wer weiß, wofür sie einmal gut ist. Vielleicht, damit wir uns notfalls selbst vergiften können, bevor wir von einem wilden Tier gefressen werden.«

»Na, sehr beruhigend.« Er verzog den Mund. »Was glaubst du, wie weit wir schon gekommen sind?«, fragte er dann, um das Thema zu wechseln.

»Nicht sonderlich weit. Fünf oder sechs Kilometer vielleicht. Sieh doch auf dem GPS-Gerät nach.«

Tom suchte das Gerät heraus. Als Ziel war immer noch die Lage des Camps hinterlegt. Zwar gab es hier keine Straßen, aber das Gerät konnte dennoch ihre augenblickliche Position erfassen und berechnete eine Luftlinie.

»Viereinhalb«, las Tom ab. »Etwas entmutigend, wenn ich ehrlich bin.«

»Viel schneller geht es nicht. Dazu bräuchten wir einen Führer, der bessere Wege durch den Wald findet. Aber hier am Wasser kommen wir ja zügiger vorwärts.«

»Immerhin so lange, bis der Weg … warte mal!« Tom hob eine Hand und neigte seinen Kopf. »Hörst du das? Auf dem Fluss!«

Juli hielt den Atem an und lauschte. Zwischen dem Schnarren und Zirben der Insekten und dem ständigen Vogelgezeter war ein brummendes Geräusch zu hören. Wie von einem Motor.

»Es kommt von dort«, sagte Tom und deutete flussabwärts. »Ein Boot! Lass uns verschwinden!«

»Wieso verschwinden? Was meinst du?«

»Nur ein paar Schritte in den Wald. Damit wir außer Sichtweite sind. Wir wissen nicht, wer das ist, und wenn wir entdeckt werden, möchte ich keine komischen Fragen beantworten müssen. Los, komm!«

Tom stand auf, ergriff seine Fotoausrüstung und die Reisetasche und verschwand zwischen den Bäumen. Dann kam er noch einmal heraus und half Juli, den Rest ihrer Ausrüstung aufzuraffen und mitzunehmen. Wenig später standen sie im Schutz der Blätter und Büsche. Tom holte seine Kamera aus der Tasche und setzte mit flinken Fingern das Teleobjektiv auf. Dann sah er durch den Sucher der Kamera auf den Fluss. Er musste nicht lange warten, bis das Boot erschien. Es war keiner der auf dem Amazonas üblichen mehrstöckigen Kähne und auch kein alter Nachen mit kleinem Außenborder. Was hier durch das Wasser pflügte, war ein modernes und sehr schnelles Motorboot. Es war grau gestrichen und machte einen paramilitärischen Eindruck. Tom riss die Blende auf, schoss einige Fotos und hoffte, dass sie trotz der Geschwindigkeit des Boots scharf würden. Er erkannte deutlich drei einheitlich gekleidete Männer, südländisch wirkend, und einen nordeuropäisch aussehenden Mann mit Kinnbart, vielleicht der Anführer des Trupps. Mit einem Zischen zog das Boot an ihnen vorbei und verschwand so schnell, wie es gekommen war. Wenig später schwappten die Wellen des Kielwassers an das Ufer.

»Jetzt können wir also sicher sein, dass es flussaufwärts etwas gibt«, meinte Juli.

»Nun ja, ein paar hundert Kilometer Fluss, da wird schon noch das ein oder andere Indiodorf zu finden sein.«

»Nur sahen die nicht wie Indios aus.«

»Nein, wohl nicht. Gut, dass wir uns versteckt haben, wer weiß, was das für Leute waren.«

»Ja, du hast recht.« Juli trat einen Schritt zurück. »Also dann weiter jetzt. Und am besten nicht mehr direkt am Ufer.«

Sie machten sich wieder auf den Weg, mal näher am Fluss entlang, mal tiefer durch den Wald. Tom ging voran, versuchte, mit der Machete die gröbsten Hindernisse zu entfernen, aber bald schon ging sein Arm nur noch halbherzig, er suchte stattdessen einfachere Wege. Pausen machten sie in immer kürzeren Abständen, bis sie sich eingestehen mussten, dass sie der Tag erheblich mehr angestrengt hatte, als sie es zunächst für möglich gehalten hatten.

Es dämmerte noch nicht, als Juli haltmachte.

»Lass uns hier das Lager aufschlagen«, sagte sie zu Tom, der sich verwundert umsah.

»Jetzt? An dieser Stelle?«

»Hier haben wir ein bisschen Platz, nur wenig Unterholz, und zwischen den Bäumen dort können wir unsere Hängematten aufspannen. Wir können sogar noch ein bisschen Holz sammeln, bevor es dunkel wird.«

Tom sah sich um. »Einverstanden. Dieser Platz ist vermutlich so gut wie jeder andere.« Er stellte seine Fototasche und die große Reisetasche ab. »Und viel weiter könnte ich ehrlich gesagt auch nicht.«

Sie schlugen ihr Lager auf, befestigten die Hängematten, und während Juli eine Konservendose erhitzte, suchte Tom Holz für ein kleines Lagerfeuer. Es stellte sich als schwierig heraus, denn was auf dem Boden lag, war feucht, unter Blättern und Pflanzen begraben und meist schon halb vermodert. Was auch immer im Regenwald abstarb, wurde schnellstmöglich wieder zum Teil des ewigen Kreislaufs. Als Tom schließlich mit einem Arm voll hauptsächlich dürrer Äste zurückkehrte, dämmerte es bereits, was hier in Äquatornähe innerhalb von einer halben Stunde zu völliger Dunkelheit führte.

Das Essen war wenig schmackhaft und leidlich nahrhaft, aber trotz des kräftezehrenden Marsches waren sie nicht sonderlich hungrig. Viel stärker war ihr Durst. Die Hitze hatte ihnen zugesetzt, und so tranken sie fast ihr gesamtes Wasser, bis sie schließlich ein wenig zur Ruhe kamen, nebeneinandersaßen und in die Flammen ihres kleinen Feuers sahen. Immer wieder zuckten dabei ihre Hände, verscheuchten Moskitos, die sich auf ihren Beinen niederließen und durch den Stoff der Hosen stachen.

»Lange wird es nicht brennen«, meinte Tom.

»Nein, aber wenn wir schlafen, brauchen wir kein Licht. Und der Geruch hält viele Tiere fern.«

Tom sah auf seine Uhr. »Acht Uhr. Und ich könnte umfallen.«

»Ich auch. Das hat man davon, wenn man aus der Stadt kommt. Wir sind entwöhnt. Dabei ist das hier doch so viel natürlicher, so viel lebendiger. Aber wir kommen damit nicht mehr zurecht.«

»In zehntausend Jahren haben wir nur noch kurze Stummelbeine, kaum noch Muskeln und riesige Köpfe.«

Juli lachte auf. »Und fette Ärsche vom ganzen Herumsitzen.«

Tom legte ein paar Zweige auf das Feuer. »Nun, ich schätze, uns beiden wird das so schnell nicht passieren. Wenn man überlegt, wie sehr wir in der letzten Zeit unterwegs sind.« Er sah Juli an und lächelte. »Ich habe bisher noch keine Frau kennengelernt, die so aktiv war wie du. Wie halten es deine Freunde mit dir aus?«

»Oh, nicht viel anders als du: Sie setzen sich erschöpft hin und fragen, wie die anderen es mit mir aushalten.« Dann lachte sie. »Nein, im Ernst, ich bin nicht immer so. Neugierig oder unternehmungslustig, ja, aber wenn du mich in den letzten Wochen kennengelernt hättest, wäre ich dir reichlich apathisch vorgekommen. Es ist der Gedanke, jetzt endlich etwas tun zu können, die Spur von Marie suchen und finden zu können, der mich antreibt.«

»Und Marie? Wie ist sie? Erzähl mir von ihr.«

»Stark«, sagte Juli. »Sie war immer die stärkere von uns. Nicht körperlich, meine ich, sondern willensstark. Und mutig. Wenn etwas schwierig oder riskant war, hat sie sich davon nie abschrecken lassen, hat die Dinge angepackt. Schon damals, wenn es Ärger in der Schule gab, ist sie hingegangen und hat die Leute zur Rede gestellt, auch wenn sie größer und älter waren als sie. Sie hat Zustände nie einfach hingenommen, sich nie etwas sagen lassen, sondern immer alles hinterfragt und für das gekämpft, was ihrer Meinung nach richtig war.«

»Das klingt nicht so viel anders als du selbst.«

»Ja, du kennst sie eben nicht. Sie an meiner Stelle hätte sich viel mehr Mühe gemacht, mich zu finden. Sie hätte niemals so viele Wochen gezögert, um selbst in Brasilien nachzusehen …« Julis Stimme wurde leiser. »Sie hätte die Welt auf den Kopf gestellt für mich. Und ich … ich habe nur gewartet.«