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Tom legte behutsam eine Hand auf ihre Schulter.

»Nun mach dir keine Vorwürfe«, sagte er. »Wir sind hier, oder? Wir suchen sie. Wir sind auf ihrer Spur!«

Juli drehte sich weg und stand auf.

»Lass uns schlafen gehen«, sagte sie.

»Hab ich etwas Falsches gesagt?« Tom stand auf. »Wenn ja, tut es mir leid!«

»Nein, nein.« Julis Stimme war matt. »Ich bin nur müde und brauche Zeit für mich.«

Tom nickte. »Okay.« Er legte die restlichen Äste auf das Feuer und kletterte in seine Hängematte, die auf Brusthöhe über dem Boden hing. Juli hatte ihm geraten, seine Schuhe anzubehalten oder zumindest mit nach oben zu nehmen, damit keine Insekten hineinkriechen konnten. Einmal in der wackeligen Matte angekommen, musste er dann das Moskitonetz über sich spannen und darauf achten, dass sich keine Mücken im Inneren verfingen. Tom ächzte und fluchte eine Weile, bis es geschafft war, dann lag er endlich leicht schaukelnd auf dem Rücken. Aber so ging es nicht. Er rappelte sich noch einmal auf und drehte sich auf den Bauch, versuchte seinen angewinkelten Arm als Kissen zu verwenden, was in der durchhängenden Konstruktion fast unmöglich war. Schließlich gab er es auf und rollte sich auf die Seite. Er würde kein Auge zutun können.

Tom wachte von einem gellenden Schrei auf. Er meinte, sich nur ständig hin und her gewälzt zu haben, aber die tiefe Ohnmacht, aus der ihn der Schrei gerissen hatte, verriet ihm, dass er sehr wohl geschlafen hatte.

Er sah nur Schwärze um sich herum, und einen Augenblick lang drohte ihn Panik zu befallen wie in einem Albtraum, der ihm vorgaukelte, lebendig begraben worden zu sein und in einem verschlossenen Sarg tief unter der Erde aufzuwachen. Er war blind, die Luft ließ sich kaum atmen, wirkte dumpf und schwer. Dann nahm er aus dem Augenwinkel schwache Lichtpunkte wahr, und als er sich zur Seite drehte, erkannte er, dass es kleine Reste glühender Kohle waren, die aus dem Aschehaufen des Lagerfeuers herausragten.

Tom fragte sich, ob die Geräusche des Waldes in der Nacht tatsächlich etwas gedämpfter waren als tagsüber. Vereinzelte Insekten zirpten leise, aber das allgegenwärtige Durcheinander an Pfeiftönen, Flöten und Zischen, das Gezeter der Vögel und Affen, alles war verstummt. Dass der Wald nachts schlief, konnte Tom nicht glauben, es war, als hielte er den Atem an.

Plötzlich ertönte erneut ein Schrei. Er klang fremdartig hohl, als wären die Bäume Säulen einer gewaltigen Halle. Der Schrei war unmenschlich kreischend, wehklagend und bedrohlich zugleich. Tom spürte, wie sich die Haare an seinem Körper aufrichteten. Was auch immer diese Geräusche von sich gab, war nichts, dem man begegnen wollte. Schon gar nicht in völliger Dunkelheit, wehrlos eingerollt in einer baumelnden Hängematte.

»Juli?«, rief Tom halblaut.

»Ja?«, kam die Antwort.

»Hast du das gehört?«

»Ja …«

»Was war das?«

»Ich weiß es nicht … Vielleicht ein Nachtvogel. Oder ein Affe, der gerissen wurde.«

Tom zögerte einen Moment. »Ich fühle mich etwas unwohl«, sagte er dann.

»Ich auch«, antwortete Juli. »Aber selbst wenn es eine Raubkatze war, dann ist sie bestimmt jetzt satt.«

»Du hast eine seltsame Art, einem Mut zu machen.«

»Ich versuche mich abzulenken und wieder einzuschlafen. Etwas anderes können wir nicht tun.«

Tom antwortete nicht. Mochte auch Juli sich selbst leicht auf andere Gedanken bringen können, er war dazu nicht in der Lage. Er fühlte sich schutzlos und allem ausgeliefert. Eine quälende Rastlosigkeit befiel ihn, und vor seinem geistigen Auge vermischten sich die Geschichten über den Chupacabra mit dem Gefasel der Alten von den Geistern des Waldes. Tom belächelte die menschlichen Urahnen nicht mehr, die, nur in Tierfelle gehüllt, ohne mächtige Waffen oder Licht durch die nächtlichen Wälder und Savannen gestreift waren und sich abends am Feuer Geschichten über Monster und Dämonen erzählt hatten. Wenn es Orte und Momente gab, in der sich Aberglaube manifestierte, dann waren es Situationen wie die, in der Tom sich gerade befand.

Er lag noch lange wach und wusste nicht, wann er die Augen geschlossen hatte oder in das Dunkel des Waldes starrte. Aber es ertönte kein weiterer Schrei. Irgendwann setzten die normalen Geräusche des Waldes wieder ein, und Tom fiel in einen leichten und unruhigen Schlaf.

Der Morgen begann mit dem Krakeelen unbekannter Vögel in den hohen Baumkronen des Dschungels. Tom schlug die Augen auf und sah die Bäume im Zwielicht liegen. Ein fast unwirklich schöner Anblick, aber der Gedanke währte nur kurz, bevor ihm sein entsetzlich schmerzender Rücken bewusst wurde und die Tatsache, dass er bereits jetzt schwitzte, obwohl er sich noch keinen Schritt bewegt hatte.

»Hey, guten Morgen«, hörte er Juli, und als er zur Seite blickte, sah er, dass sie gerade zwischen einigen Bäumen auftauchte.

»Wo warst du?«, fragte er und versuchte, sich in der Hängematte aufzurichten.

»Fragt man das eine Dame, die in den Büschen verschwunden ist?« Sie schien erstaunlich gut gelaunt zu sein.

»Entschuldige …«

»Ich wollte dich bloß ärgern. Ich war am Fluss.« Sie schwenkte die Wasserflasche.

Tom schwang seine Beine über den Rand der Hängematte und ließ sich hinunter. »Ganz allein?«

»Vielleicht ist ja Feiertag, und alle schlafen noch. Jedenfalls habe ich sonst niemanden getroffen.«

»Es hätte dir doch was passieren können!«

»Ach Tom …« Sie lachte leise. Während Tom sich streckte, baute sie den Campingkocher auf.

»Äh, das ist ja ganz nett«, meinte Tom, »aber so früh morgens für mich bitte noch kein Chili.«

»Quatsch, kein Chili. Kaffee!«

»Was?!«

Juli hielt ein kleines Schraubglas hoch. »Mein geheimer Vorrat Instantkaffee. Ich hoffe, du verzeihst, wenn wir auf Milch und Zucker verzichten müssen.«

Tom zog die Augenbrauen hoch. »Das … Das ist die beste Neuigkeit des Tages!«

»Der allerdings auch gerade erst angefangen hat.«

»Ach, sonst bin ich doch immer der Zyniker.«

»Es wäre ja schön, wenn der heutige Tag weniger mühsam würde als gestern, bloß weil ich Kaffee dabeihabe. Ich fürchte nur, dass wir uns darauf nicht verlassen können. Und wenn du jetzt schon Gicht im Rücken hast …«

»Gicht? Mir geht’s prima!«

»Na, umso besser.«

Juli sollte recht behalten. Der Urwald blieb fast undurchdringlich, und ihr Weg führte sie durch dichtes Unterholz, zwischen herabhängenden Lianen und Luftwurzeln hindurch und durch ein Dickicht von meterhohen Farnen. Zeitweilig musste Tom die Machete an Juli abgeben, um seinen rechten Arm zu schonen. Immer wieder suchten sie die Nähe des Flusses, um ihn nicht durch eine plötzliche Biegung aus den Augen zu verlieren. Als es Mittag wurde und sie ihre dritte Pause an diesem Tag einlegten, waren sie bereits erschöpfter als am Abend zuvor.

»Lass uns ein bisschen länger ausruhen«, schlug Tom vor. »Du legst dich in deine Hängematte, und ich sehe mal, ob wir nicht vielleicht doch eine Konservendose mit Pfeffersteak und Pommes frites haben.«

Ohne Widerrede befestigte Juli ihre Hängematte und legte sich hinein. Sie war todmüde. In der Nacht hatte sie kaum Ruhe gefunden, und sie fragte sich, wie Tom in der Lage gewesen war, nach dem grauenvollen Kreischen in der Nacht wieder einzuschlafen. War er wirklich so leicht zu beruhigen? Oder war er so mutig? Vielleicht bemühte er sich auch, keine Schwäche zu zeigen, ähnlich wie er versuchte, sich seine Erschöpfung nicht anmerken zu lassen. Ein nicht sehr erfolgreiches Unterfangen, das Juli amüsiert zur Kenntnis nahm, aber sie rechnete es ihm an, dass er sich nicht hängen ließ. Ihre kleine Expedition war anstrengend genug. Waghalsig und nur wenig Erfolg versprechend. Die Suche nach Marie unternahm er auch ihr zuliebe – seiner Story über die Verflechtungen der Pharmafirma und ihrer illegalen Menschenexperimente könnte er in Manaus viel sinnvoller nachgehen. Indem Tom sich zusammenriss, half er auch Juli, stark zu bleiben und durchzuhalten. Möglich, dass es in der Nacht nicht anders gewesen war. Nicht auszudenken, wenn sie sich gegenseitig mit ihrer Unruhe angestachelt hätten und hysterisch geworden wären. So aber stützten sie sich gegenseitig. Fast ein wenig so, wie es mit Marie immer gewesen war. Auf ihre Kraft und ihren unbeugsamen Willen hatte sie sich immer verlassen können …