»Es sind wieder nur Bohnen geworden«, hörte sie Tom plötzlich neben sich und schreckte auf. Sie musste eingenickt sein. Tom stand neben ihrer Hängematte und sah sie an.
»Tut mir leid, ich hatte nicht gesehen, dass du geschlafen hast«, sagte er. »Willst du dich noch weiter ausruhen? Oder hast du ein bisschen Hunger?«
Juli richtete sich auf und massierte ihre Stirn.
»Doch, etwas zu essen, wäre jetzt ganz gut. Das hier zehrt ganz schön an den Kräften.«
»Ja, das kann man wohl sagen. Mir läuft auch schon das Wasser im Mund zusammen, obwohl …«
»Ja, ich weiß«, sagte sie. »Die Menüauswahl im Camp war wirklich mies. Ich werde mich beim Management beschweren.«
Sie verzehrten ihr Mahl und machten sich kurz darauf wieder auf den Weg. Als der Wald immer undurchdringlicher wurde, suchten sie erneut einen Zugang zum Fluss. Am Nachmittag fanden sie schließlich ein sandiges und sanft abfallendes Ufer, das so in einer Biegung gelegen war, dass sie weit in beide Richtungen sehen konnten. Das Wasser floss träge dahin, und von Booten war weder etwas zu sehen noch zu hören.
Tom warf seine Taschen in den Sand, und während Juli ihn belustigt beobachtete, zog er sich bis auf seine Boxershorts aus und stürzte sich in den Fluss. Prustend und lachend kam er wieder an die Oberfläche und winkte Juli herbei. Die ließ sich nicht lange bitten, und kurz darauf badeten sie beide und erholten sich im lauwarmen Wasser von der Anstrengung des schweißtreibenden Gewaltmarsches durch das Dickicht des Regenwaldes.
Kurz vor Beginn der Dämmerung begannen sie, sich erneut einen Lagerplatz für die Nacht zu suchen. Tom sah dabei nach oben und hielt nach etwas ganz Bestimmtem Ausschau.
»Ich suche Bäume, in denen wir höher hinaufklettern können«, erklärte er, als Juli ihn darauf ansprach. »Ich glaube, ich fühle mich wohler, wenn wir nicht so sehr in Bodennähe schlafen.«
»Du denkst noch an letzte Nacht?«
»Ja. Oder ist das eine blöde Idee? Ich meine, was gibt’s denn hier für Tiere? Tiger? Können die klettern?«
Juli lachte auf. »Tiger wohl kaum. Jaguare vielleicht. Aber ob die gut klettern, weiß ich nicht. Ich denke, ein bisschen sicherer ist es allemal. Vorausgesetzt natürlich, du fällst nachts nicht aus der Hängematte.«
Kurz bevor es gänzlich dunkel wurde, hatten sie einen Baum gefunden, der ihnen geeignet erschien. Während die meisten der Urwaldriesen keine Äste in Bodennähe aufwiesen, an denen man hätte hinaufklettern können, war dieser von einer gewaltigen Würgefeige befallen, die ihn mit ihren Luftwurzeln wie mit einem dichten Netzgeflecht umschloss. Darin konnten sie mit etwas Mühe hinaufklettern und entdeckten in fünf Metern Höhe eine Stelle, an der sie ihre Hängematten nebeneinander aufspannen konnten. Das Wurzelgeflecht unter ihnen gab ihnen ein gewisses Gefühl von Sicherheit, anders, als wenn darunter gähnende Leere gewesen wäre.
Zum Essen begaben sie sich noch mal auf den Boden, erhitzten eine weitere Dose und verzogen sich danach wieder in ihr luftiges Nest. Tom erschien die Hängematte himmlisch bequem. Seine Beine waren bleischwer, und die körperliche Erschöpfung übermannte ihn. Juli schien es nicht anders zu gehen, denn auf sein gemurmeltes »Schlaf gut« antwortete sie schon nicht mehr. Kurz darauf war Tom selbst eingeschlafen.
Der unheimliche Schrei ließ Tom wie elektrisiert auffahren. Ein kreischendes Brüllen, halb menschlich, halb animalisch. Das Wesen musste ganz in der Nähe sein.
»Juli?«, zischte er.
»Es ist wieder da«, kam die halblaute Antwort aus der Hängematte neben ihm.
Tom streckte seinen Arm zu ihr hinüber und berührte sie. Sie ergriff seine Hand und hielt sie fest.
»Das ist kein Jaguar«, sagte er.
»Nein …«
Wieder ertönte ein Schrei. Langgezogen, heulend, wie unter unirdischen Qualen. Es klang näher diesmal. Wie am Abend zuvor bemerkte Tom mit Schaudern, dass die Geräusche des Urwalds nahezu verstummt waren. Als zögen sich alle Tiere zurück, versteckten sich vor dem, was nun durch das Unterholz streifte.
Einen Augenblick lang war es ruhig, dann hörte Tom das Rascheln von Laub, das Knacken kleiner Hölzer. Schwere und ungleichmäßige Schritte, hastend, verharrend, weitereilend. Sie zogen Kreise um den Baum, in dem sie übernachteten. Und sie kamen rasch näher. Bis die Geräusche direkt unter ihnen waren.
Ein feuchtes Schnaufen war zu hören, das bald in ein gutturales Knurren überging.
Tom spürte, wie sich Julis Hand verkrampfte. Er drückte ebenfalls zu, wie um ihr zu versichern, dass er bei ihr war.
Die Kreatur war stehen geblieben. Sie hörten, wie sie am Fuß des Baumes wütete, berstendes Holz und ein heftiges Kratzen, so als versuche sie, über das Wurzelgeflecht nach oben zu klettern. Dann ein dumpfes Poltern und im selben Augenblick ein Aufschrei. Das Wesen brüllte, schien um sich zu schlagen.
Juli und Tom wagten nicht, laut zu atmen, hilflos und vollkommen erstarrt vor diesem mörderischen Untier, das jederzeit drohte, zu ihnen heraufzukommen.
Immer wieder raschelte und kratzte das Wesen, heulte laut auf. Die Töne, die es von sich gab, waren so fremdartig wie grauenerregend, nicht unähnlich denen eines Tiers, das in äußerster Erregung und größtem Schmerz ein fast menschliches Schreien ausstieß.
Es schien eine Stunde vergangen zu sein, eine endlose Zeit, in der sich Tom und Juli nicht bewegten und nicht den kleinsten Laut von sich gaben, als das Wüten der Kreatur nachließ. Das Wesen lungerte und strich noch immer um den Fuß des Baums herum, aber seine Bewegungen waren langsamer, Schübe plötzlicher Aggression kamen seltener, und ihr Brüllen war einem klagenden Heulen gewichen, das beständig leiser wurde.
Als lange Zeit nichts mehr zu hören war, spürte Tom, wie sich Julis Hand aus seiner löste. Er konnte nicht ausmachen, ob sie sich nun etwas entspannte oder ob sie erschöpft eingeschlafen war. Aber er wagte nicht, sie anzusprechen. Er zog seinen eigenen Arm langsam zurück. Dann lauschte er wieder in die Nacht, lenkte alle seine Sinne auf den Boden, ob er von dort etwas hörte. Aber alles blieb ruhig. Als die ersten Vogelstimmen einsetzten, wusste er nicht, ob es daran lag, dass die Kreatur abgezogen war, oder ob der Tag anbrach. Aber er fühlte sich befreit, und endlich sank er in den Schlaf.
Als Tom erwachte, konnte er sich kaum rühren. Seine Glieder fühlten sich schwer an, und als er sich versuchsweise bewegte, meinte er, jeden Muskel zu spüren. Nicht nur die Strapazen des vergangenen Tages, auch die Anspannung in der Nacht hatten ihm zugesetzt. Er sah zu Juli hinüber. Sie lag auf der Seite und schlief noch.
Es war hell geworden, jedenfalls so hell, wie es tief unter dem Blätterdach des Regenwalds wurde. Es war ein grünbraunes Zwielicht, das durch die feuchte Wärme umso dichter wirkte.
Tom hatte kein gutes Gefühl dabei, den Baum zu verlassen, aber er musste dringend pinkeln, und so setzte er sich mühsam in seiner Hängematte auf. Augenblicklich wurde es ihm schwarz vor Augen. Er sank zurück. Die Nacht war weder kühl noch erholsam gewesen, und sein Kreislauf sandte ihm massive Alarmsignale. Es wurde höchste Zeit, etwas zu trinken, etwas Herzhaftes zu essen, oder besser noch, etwas mit viel Zucker, und den Körper dann behutsam wieder in Bewegung zu bringen.
Nach einigen Momenten ging es ihm etwas besser. Vorsichtig kletterte er aus der Hängematte und achtete beim Abstieg über das verknotete Wurzelgeflecht auf jeden Tritt, jeden Griff. Er dachte daran, wie gut es war, dass ihn jetzt niemand sah, wie er im Zeitlupentempo einen lächerlichen Baum herunterkrabbelte. Er musste aussehen wie ein behindertes Faultier, das sich nach jeder Bewegung neu erinnern musste, was es als Nächstes tun wollte.