Am Boden angekommen atmete er tief durch und streckte sich. Er würde noch einmal hinaufsteigen müssen, erinnerte er sich, um die Hängematte und die Ausrüstung zu holen. Aber jetzt hatte er erst etwas Dringenderes zu erledigen.
Mit ungelenken Schritten ging er los, als er nur zwei Meter entfernt ein großes, dunkles Bündel inmitten von zersplittertem Unterholz, herausgerissenen Farnen und aufgewühltem Erdreich liegen sah.
Sofort waren ihm die Geräusche aus der Nacht wieder gegenwärtig. Überall um sich herum sah er nun Spuren der Verwüstung. Entwurzelte Pflanzen, herabgerissene Lianen, Kratzspuren in der Rinde des Baums hinter ihm. Und rotbraune Schlieren und Spritzer, die sich ungesund vom Grün der Blätter abhoben.
Tom stockte der Atem.
Das Wesen hatte hier gewütet und geschrien.
Und das dunkle Bündel direkt vor ihm … Es musste die Kreatur sein. Schlafend. Oder lauernd. Bereit, ihm an die Kehle zu springen.
Tom spürte, wie er sich verkrampfte, zitterte. Er wusste nicht, was er tun sollte. Instinktiv wollte er wegrennen. Oder rückwärts gehen. Abstand zwischen sich und dieses Wesen bringen. Aber er konnte sich nicht bewegen. Sein Blick hing gebannt an dem undefinierbaren Haufen zwischen dem Gestrüpp und dem verwüsteten Unterholz. Was war das?! Er musste einfach hinsehen, es ergründen.
Er machte einen langsamen Schritt nach vorn.
Aber das Wesen rührte sich nicht.
Tom sah Insekten über die Oberfläche krabbeln. Viele, geschäftige Insekten.
Dann machte er einen weiteren kleinen Schritt.
Laut surrend flog eine Wolke Fliegen auf und verteilte sich auf den Pflanzen in der Nähe.
An dem Bündel kam etwas zum Vorschein, das Tom eine eisige Kälte den Rücken hinabrieseln ließ.
Ein Arm ragte seitlich aus dem Haufen. Mit Dreck verkrustet und blutverschmiert. Ein menschlicher Arm. Und er endete in einer verkrümmten Hand, deren Finger in blutigen Hautfetzen und Spitzen von Knochen endeten.
Toms Magen rebellierte. Speichel lief in seinem Mund zusammen. Stöhnend ging er in die Hocke, stützte sich auf seine Oberschenkel. Dann erbrach er sich mit heftigem Würgen.
Mit wackeligen Beinen richtete er sich wieder auf. War dies ein Opfer, das die Kreatur in der Nacht verfolgt oder herbeigezerrt hatte? Der Chupacabra, der Menschen jagte und ausweidete?
Tom zögerte, näher an die Leiche heranzugehen. Eine abergläubische Furcht hatte ihn erfasst. Vor dem Tod und dem zerfetzten Fleisch. Vor einem Leichnam, der sich vielleicht noch einmal bewegte.
Er wandte sich ab und suchte die Sicherheit des Baums. Mit zitternden Händen ergriff er das Wurzelgeflecht und kletterte hinauf. Oben angekommen suchte er sich eine Position, in der er sitzen konnte, und lehnte sich an. Er atmete tief durch, roch sein Erbrochenes und musste ein neuerliches Würgen unterdrücken.
Als er sich gefangen hatte, weckte er Juli.
»Wir haben ein Problem«, sagte er. »Da unten liegt eine Leiche.«
»Ein totes Tier?«, fragte sie noch etwas benommen vom Schlaf.
»Nein, ein toter Mensch?«
Juli wurde schlagartig wach. »Was?!«
»Ich habe es mir nicht genau angesehen. Es ist … ziemlich ekelig.«
»Das ist doch völlig unmöglich, mitten im … Oder ist es etwa …« Sie dachte an ihre Schwester, aber sie wagte nicht, den Gedanken zu Ende zu führen. »Vielleicht ist es ein Indio?«
»Ich weiß es nicht.«
Juli richtete sich auf. »Wir müssen es uns ansehen!« Sie kletterte aus der Hängematte und begann mit dem Abstieg. Tom folgte ihr widerstrebend und in einigem Abstand.
»Wo denn genau?«, rief sie, als sie unten angekommen war. Dann stockte sie. »Oh.«
Tom schloss zu ihr auf und blieb neben ihr stehen.
»Ich wäre vorhin fast darüber gestolpert«, sagte er, bemerkte aber, dass sein Tonfall nicht so lässig klang, wie er gewünscht hätte.
Juli ging näher an das dunkle Bündel heran. Fliegen stoben auf. In einem Meter Abstand ging sie in die Hocke, legte ihren Kopf ein wenig schief und betrachtete die Leiche. Nach einer Weile griff sie neben sich, suchte etwas im Laub. Als sie nicht fündig wurde, stand sie auf, ging ein bisschen umher und kam schließlich mit einem kräftigen Stock zurück. Sie ging um die Leiche herum.
»Meine Güte, sieh dir das an«, stieß sie aus.
Tom zögerte. »Nun komm schon«, wiederholte sie.
Tom ging zu ihr hinüber und folgte ihrem Blick. Er spürte, wie sich sein Magen neuerlich zusammenkrampfte.
Der gekrümmt daliegende Tote war nackt und mit Schlamm und anderen Substanzen verschmiert. Die Hände waren bis auf die Fingerknochen abgewetzt und glichen blutigen Krallen. Überall aus der Haut ragten borstige Haare wie Flecken bizarrer Parasiten. Faustgroße Beulen und offene, eitrige Geschwüre bedeckten den Brustkörper, der Bauch war zum Platzen aufgebläht und mit einem Geflecht fingerdicker, dunkelblauer Adern überzogen. Am grausamsten aber war das Gesicht des Toten. Es war teigig zugeschwollen und so verformt, dass kaum menschliche Züge zu erkennen waren. Auch hier wucherten die schwarzen Borsten, die untere Lippe war aufgerissen, hatte sich nach unten gerollt und entblößte entzündetes Zahnfleisch, aus dem gelbe und verschmierte Zähne herausstachen.
Juli hob den Stock an.
»Halt«, rief Tom. »Was machst du da?!«
»Ich will ihn herumdrehen, sehen, ob er eine Verletzung hat. Woran er gestorben ist.«
»Machst du Witze?! Guck dir das doch an. Ein Wunder, dass er gestern noch die Kraft hatte, so herumzubrüllen.«
»Meinst du, die Schreie waren von ihm?«
»Ich wüsste nicht … he, lass das!«
Juli versuchte, die Spitze des Stockes unter die Leiche zu schieben.
»Der hat vielleicht irgendeinen Urwaldvirus oder so«, fuhr Tom fort. »Wir sollten lieber von ihm fernbleiben!«
»Ich kenne kein Virus, der so etwas verursacht«, sagte Juli und schüttelte den Kopf. »Sieh dir diese merkwürdigen Haare in seinem Gesicht an. Und wie verformt er ist. Als ob er mutiert wäre. Er hat seine Hände vollkommen abgewetzt, die Lippe hat er sich vielleicht selbst heruntergerissen. Und überall diese tiefen Kratzer an seinem Körper und in seinem Gesicht. Als hätte er aus seinem Körper fliehen oder ihn sich abreißen wollen.«
»Du glaubst, er hat sich selbst so zugerichtet?«
Juli zog den Stock zurück und stützte sich darauf. »Er muss furchtbar gelitten haben. Jetzt verstehe ich seine Schreie in der Nacht …« Sie schloss die Augen.
Tom wandte sich vom Anblick der entstellten Leiche ab. Seine Blase drückte nun wieder, und ihm war flau im Magen. Er ging einige Schritte fort und stellte sich hinter einen Baum. Kaum vorstellbar, dass ein so deformierter, aufgedunsener und verletzter Mensch sie durch den Urwald verfolgt und in der Nacht derart gewütet haben sollte. Falls doch, musste das Wesen über eine außergewöhnliche körperliche Konstitution verfügt haben. Was sollten sie nun tun? Mussten sie den Toten irgendwo melden? Sollten sie ihn begraben? Oder ihn einfach liegen lassen?
»Tom, du musst noch mal herkommen!«
Als Tom zu Juli zurückkehrte, war sie tief über die Leiche gebeugt und stocherte mit einem kleineren Stock an ihr herum.
»Was tust du da?«
»Du musst dir diese Verletzung ansehen.«
»Ähm, ich …«
»Wir sind auf der richtigen Spur!«
Tom trat näher heran und konzentrierte sich auf das Detail, das Juli ihm zeigte. Er versuchte zu vergessen, dass er eine Leiche betrachtete, blendete alles andere aus, sah nur den Stock, die Spitze des Stocks und die kleine Stelle, wo die Haut aufklaffte und das blanke Fleisch darunter zum Vorschein kam.
Es hatte einen violetten Schimmer.
»Du musst das fotografieren!«