Ruckartig richtete Tom sich auf. Sie hatte recht. Dies hier war nicht einfach irgendein Missgestalteter. Diese Leiche verband den fremdartigen angespülten Fuß, das Labor auf der Elbinsel mit ihrer Suche nach Marie und Maries Bericht der Leiche, die sie gefunden hatte … Maries Brief!
»Erinnerst du dich an den Brief von deiner Schwester«, rief Tom, während er loslief, um seine Kameratasche vom Baum zu holen. »Sie beschrieb darin nicht nur das violett gefärbte Fleisch. Sondern auch Geschwüre und borstige Haare! Genau wie bei dem hier!«
Als er kurz darauf zurück war, befestigte er ein Objektiv auf seiner Kamera und begann zu fotografieren.
»Er hat keine besonderen Merkmale«, stellte er schließlich fest. »Keine Tätowierungen oder etwas, womit man ihn identifizieren könnte.«
»Wir kommen hier nicht weiter«, sagte Juli. »Wir müssen uns auf den Weg machen. Endlich herausfinden, was hier vorgeht.«
Tom nickte. Stumm packte er seine Kamera weg und gemeinsam bedeckten sie den Leichnam erst mit großen Blättern und legten schließlich so viele Stöcke darüber, wie sie finden konnten.
»Er muss auf diese Weise Teil des Kreislaufes werden«, meinte Juli. Dann holten sie ihre Ausrüstung vom Baum, und bald waren sie wieder auf dem Weg.
Sie fanden einen gut zu bewältigenden Zugang zum Fluss, der hier ein sandiges und nur niedrig bewachsendes Ufer aufwies. Inzwischen war es acht Uhr morgens, und nach den Schrecken der Nacht und des Morgens und der erdrückenden Dichte des Urwalds genossen sie den erholsamen Blick auf das offene, träge dahinfließende Gewässer. Sie nutzten die Stelle, um etwas zu frühstücken, Kaffee zu trinken und Wasser für ihre Vorräte abzukochen. Sie sprachen nur wenig und hingen ihren Gedanken nach.
»Ich schlage vor, dass wir nun am Fluss bleiben«, sagte Tom nach einer ganzen Weile. »Auch auf die Gefahr hin, dass noch mal ein Boot kommt und wir gesehen werden.«
»Ja«, sagte Juli. »Ich fühle mich hier auch wohler.«
So folgten sie dem Flussufer und kamen zügig voran.
»Was denkst du, was der Mann von uns wollte?«, fragte Juli irgendwann unvermittelt.
»Ich zerbreche mir den ganzen Morgen den Kopf darüber«, entgegnete Tom. »Was für ein Zufall kann es schon gewesen sein, dass er auf uns getroffen ist? Er muss uns den ganzen Tag schon gefolgt sein, wenn er es auch war, den wir in der Nacht zuvor gehört hatten.«
»Es klingt vielleicht komisch«, sagte Juli, »aber ich werde das Gefühl nicht los, dass er uns tatsächlich gesucht hat und dass er Hilfe brauchte.«
Ähnlich ging es Tom. Auch ihn hatte insbesondere der klagende Ton der nächtlichen Schreie an einem Nerv getroffen, auch in ihm hatte der entstellte Mann trotz allen Ekels in erster Linie Mitleid ausgelöst. Aber wie hätten sie ihm helfen können? Oder hatte er ihnen etwas sagen oder zeigen wollen? Vielleicht war er auch einfach nur wahnsinnig vor Schmerzen gewesen.
»Wir werden es nicht mehr erfahren«, antwortete er.
Juli war stehen geblieben. »Vielleicht doch«, sagte sie.
»Hm?« Tom drehte sich zu ihr.
Juli sah in Richtung der Bäume. Etwas bewegte sich dort flüchtig.
»Was ist da?«, fragte Tom.
Juli wandte sich um und sah wieder geradeaus. »Lass uns langsam weitergehen. Irgendjemand folgt uns schon eine Weile im Wald. Er bleibt immer auf unserer Höhe und beobachtet uns von dort. Verhalte dich unauffällig, damit er nicht merkt, dass wir ihn gesehen haben.«
»Ist das wahr? Und das sagst du erst jetzt?« Während Tom weiterging, schielte er aus dem Augenwinkel hinüber zu den höheren Bäumen. Jetzt sah er auch, dass sich dort, kaum zwanzig Meter von ihnen entfernt, ein Wesen zwischen den Schatten der Stämme bewegte. Leicht gebeugt, auf zwei Beinen und sehr schnell. Für einen Affen war es zu groß. Es musste ein Indio sein.
Während der nächsten halben Stunde war Toms Aufmerksamkeit vollkommen gefesselt von der unbekannten Gestalt. Gemeinsam mit Juli gingen sie am Flussufer entlang, konnten eigentlich hinter jeder Biegung auf eine kleine Siedlung oder auf ein Boot stoßen, aber er dachte kaum darüber nach. Zu sehr versuchte er auszumachen, wer ihnen auflauerte. Aber die Person war zu flink. Und irritierenderweise bewegte sie sich dabei seltsam gekrümmt, gar nicht so, wie man es von einem Indio, ob Krieger oder Fährtenleser, erwarten würde.
Und mit einem Mal war die Gestalt verschwunden.
»Er ist weg«, bemerkte Juli. Sie blieb stehen und sah in den Wald. Auch Tom stoppte und versuchte, zwischen den Bäumen etwas zu erkennen. Aber der Wald war reglos.
»Hast du etwas erkennen können?«, fragte Tom. »Er war immer so schnell. War das überhaupt ein Mensch? Er ging so merkwürdig.«
»Ich konnte sehen, dass er etwas trug. Eine Schärpe oder Tasche. Ein Tier war es also nicht. Aber ich wollte auch nicht hinüberstarren.«
»Nun, offenbar hat er jetzt genug von uns. Entweder er ist zufrieden und bleibt fort, oder er ist zu dem Schluss gekommen, dass wir feindlich oder ganz schmackhaft aussehen, und kommt gleich mit seinem ganzen Dorf zurück.«
Als sich auch nach einer Weile nichts regte, setzten sie ihren Weg fort. Aber schon kurz darauf blieben sie stehen. Vor ihnen am Flussufer, keine fünfzig Meter entfernt, stand jemand und schien auf sie zu warten. Er befand sich im Schatten eines weit über den Fluss ragenden Baumes, sodass er nur als Silhouette zu sehen war. Sein Oberkörper war zur Seite gebeugt, ein Arm hing fast bis auf den Boden.
»Er ist es …«, raunte Tom. »Was hat er vor?«
Der Mann bewegte sich umständlich. Nach einer Weile hielt er einen Beutel in der Hand, den er über der Schulter getragen hatte. Er streckte den Arm seitlich aus und hielt ihn so, als wolle er sichergehen, dass sie sahen, was er tat. Dann setzte er den Beutel langsam auf dem Boden ab. Als er fertig war, richtete er sich wieder auf und lief mit überraschend gelenkigen Bewegungen in den Wald.
»Los, das müssen wir uns ansehen«, rief Juli und lief eilig los. Als Tom mit der schweren geschulterten Tasche zu ihr aufschloss, saß Juli bereits auf dem Boden und hielt einen kleinen Rucksack in den Händen. Sie sah zu ihm auf.
»Der gehörte Marie«, sagte sie mit bebender Stimme.
Tom setzte seine Tasche ab und ließ sich neben Juli nieder, die den Rucksack öffnete. Sie zog ihn auf und sah hinein. Er war fast leer. Sie griff hinein und holte ein T-Shirt heraus. Sie ergriff es mit beiden Händen, hielt es an ihre Nase und vergrub ihr Gesicht darin.
Tom sagte nichts, als Julis Schultern sich zu heben und zu senken begannen. Er hörte sie leise schluchzen und legte eine Hand auf ihren Arm.
Nach einigen Minuten ließ Juli das T-Shirt sinken, legte es sich in den Schoß und atmete tief durch.
»Wir finden sie«, sagte Tom halblaut, und er sagte es nicht, um sie zu beruhigen. Er wollte es.
Juli griff ein weiteres Mal in den Rucksack. Dieses Mal holte sie ein Notizbuch hervor und schlug es auf.
»Ihr Tagebuch …«, sagte sie und begann, es zu lesen.
Tom stand auf. Er wollte sie eine Weile allein lassen. Er ging zum Ufersaum und sah auf den träge dahinziehenden Fluss. Welch ein abgeschiedener Ort dies war und wie unwahrscheinlich, dass er nun hier stand, irgendwo im Urwald, an einem Fluss, dessen Namen er nicht kannte, der vielleicht nicht einmal einen Namen hatte. Und hier fanden sie die Spur einer Vermissten. Wenn auch finden nicht das richtige Wort war. Man hatte sie beobachtet und sie auf die Spur gesetzt.
Hatten also auch die Geschenke des Schamanen einen tieferen Sinn? Hatte er gewusst oder geahnt, was sie finden würden? Und hatte auch die Alte im Dorf mehr gewusst? Offenbar benötigten die Leute Hilfe von ihnen, aber vielleicht wussten sie nicht, ob sie ihnen trauen konnten. Man setzte sie also auf die Fährte in der Hoffnung, dass sie etwas erreichen konnten, aber man hielt sich zurück. Vielleicht aus Zweifel, vielleicht aus Angst?
Der Missgestaltete in der Nacht … Hatte er sie angreifen wollen oder tatsächlich ebenfalls Hilfe gesucht, wie Juli vermutete? Und der Mann, der ihnen nun den Rucksack überlassen hatte; versuchte er, mit ihnen zu kommunizieren? Wollte er ihnen noch mehr zeigen? Benötigte er ebenfalls ihre Hilfe?