Выбрать главу

Tom sah sich um. Juli saß noch immer in das Tagebuch vertieft unter dem Baum. Toms Blick wanderte umher, und etwas weiter abseits, am Rand des Waldes, erkannte er den Schatten des gekrümmten Indios, der sie weiterhin beobachtete. Er bezweckte etwas. Vielleicht wollte er sehen, wie sie auf das Geschenk reagierten.

Tom ging zurück zum Schatten des Baums. Neben Juli auf dem Boden lag der Speer, den sie als Wanderstab verwendete. Er nahm ihn auf. Sie sollten damit nicht töten, hatte ihnen der Schamane gesagt. Der Speer sei für das Leben. Er war also nicht als Kriegswaffe gedacht. Er und Juli konnten nicht viel mit ihm anfangen. Aber der Indio vielleicht schon. Vielleicht konnte er sich damit verteidigen oder zur Jagd gehen. Vielleicht konnte er ihn zum Überleben verwenden.

Tom ging zum Waldrand, dorthin, wo er den Indio zuletzt gesehen hatte. Der Mann war verschwunden, aber dort, wo er gestanden hatte, lag ein umgestürzter Baum. Das Sonnenlicht fiel hier in einem dünnen Strahl durch die dichten Kronen und erhellte eine Astgabel, an der eine goldene Kette mit einem glitzernden Medaillon hing. Es war eine moderne Kette, und der Anhänger zeigte das Sternzeichen Zwilling. Sehr wahrscheinlich war die Kette ebenfalls von Julis Schwester.

Tom nahm die Kette vom Ast und lehnte stattdessen den Speer dort an. Der Indio würde verstehen, dass sie ihm nichts Böses wollten, wenn sie ihm eine Waffe hinterließen. Er würde sie als Geschenk erkennen, das für ihn viel wertvoller war als für Tom und Juli.

Er sah sich um, aber im Zwielicht des Unterholzes war der Mann nirgendwo zu erkennen. Tom konnte nur vermuten, dass er dennoch nicht weit entfernt war und ihn beobachtete. Also ließ er den Speer zurück und ging zurück zu Juli, die noch immer über das Tagebuch ihrer Schwester gebeugt war.

Als er näher kam, sah sie zu ihm auf.

»Du musst das lesen!«, sagte sie. Sie reichte ihm das Buch, aufgeschlagen auf einer der letzten Seiten, bei einem Eintrag vom zwölften Mai.

Tom nahm das Buch entgegen und setzte sich zu ihr. Maries Handschrift war eine Mischung aus Schreibschrift und Druckbuchstaben, die dennoch harmonisch und geschwungen aussah. Sie wirkte weiblich, aber ohne schulmädchenhafte Schleifen. Es war Schrift von jemandem, der viel und schnell schrieb und einen ganz eigenen Stil entwickelt hatte. Vielleicht interpretierte er zu viel hinein, aber die Seiten sahen aus, wie von jemandem geschrieben, der selbstbewusst und zielstrebig war, ganz wie Juli ihre Schwester beschrieben hatte. Tom fragte sich kurz, wie Julis eigene Handschrift wohl aussah, aber dann las er die ersten Worte und versank in der Lektüre der Einträge.

Als er fertig war, sehnte er sich nach etwas zu trinken, als müsse er einen üblen Geschmack hinunterspülen. Er nahm einen tiefen Schluck aus ihrer Wasserflasche. Dann stand er auf und ging zu Juli, die am Flussufer saß und auf das Wasser sah.

»Deine Schwester hat eine recht plastische Ausdrucksweise«, sagte er.

»Missverständnisse gab es mit ihr nie.«

»Eines ist jetzt klar geworden: Die Vorfälle hängen zusammen. Und die Dorfbewohner wissen Bescheid, dass hier etwas läuft, ebenso wie der Schamane und die Campleiterin.«

»Ich habe Angst«, sagte Juli halblaut. »Was hat es zu bedeuten, dass wir jetzt den Rucksack bekommen haben? Heißt das nicht, dass sie verunglückt ist? Oder dass etwas anderes Schlimmes passiert ist? Warum sonst sollte sie den Rucksack und ihr Tagebuch zurückgelassen haben?«

Tom stellte sich vor sie und ergriff ihre Hände. Sie sah zu ihm auf. »Wir werden Marie finden«, sagte er noch einmal. »Ich bin ganz sicher.«

Juli schlang ihre Arme um seine Hüfte und legte ihren Kopf auf seine Brust. Sie atmete tief durch.

»Der Indio wird uns zu ihr führen«, sagte Tom nach einer Weile. »Er hat uns das hier hinterlassen.« Er zeigte ihr die goldene Kette. Juli nahm sie mit zitternden Fingern entgegen, betrachtete sie kurz und schloss dann die Hand fest darum.

»Der einzige Grund, weswegen er uns aufgesucht hat und uns Hinweise gibt, muss sein, dass er uns etwas Wichtiges zeigen will.« Er hätte die Kette wohl kaum einer Toten entwendet, dachte Tom, aber er wagte nicht, es auszusprechen. »Wahrscheinlich ist sie in dem Dorf des Indios und braucht Hilfe.«

Juli nickte kaum merklich.

»Wir sollten uns auf den Weg machen«, meinte Tom. »Bessere Chancen, sie zu finden, hatten wir nie. Wir sollten froh sein und uns jetzt beeilen.«

Juli fuhr sich mit dem Handrücken über die Augen. »Ja«, sagte sie schließlich. »Sicher hast du recht.« Sie hängte sich die Kette um den Hals, steckte das Buch in den Rucksack und schnallte ihn sich um.

»Wo ist der Speer?«

»Ich habe ihn dem Indio dort hinterlassen, wo er die Kette deponiert hatte. Ich hoffte, dass er ihn als Geschenk annehmen würde.«

»Das war eine gute Idee«, sagte Juli und lächelte. »Sieh mal dort.«

Tom folgte ihrem Fingerzeig, und tatsächlich stand dort, etwas weiter flussaufwärts, erneut der Indio. Und er trug den Speer. Als er sah, dass sie ihn entdeckt hatten, winkte er mit der Waffe. Er ging ein paar Schritte, wandte sich um und winkte dann erneut. Sie sollten ihm folgen.

Kapitel 12 Urwald südwestlich von Manaus, Brasilien, 31. Juli

Der buckelige Indio eilte ihnen voraus, vom Fluss fort und durch den Urwald. Er durchbrach das Unterholz und überwand die schwierigsten Passagen ohne sichtliche Anstrengung. Er blieb immer wieder stehen, um zu warten, bis sie ihn entdeckt, den Weg gefunden und sich ihm genähert hatten. Allerdings ließ er sie nie so nah herankommen, dass sie ihn sich hätten genauer ansehen können. Er blieb kaum mehr als ein dahineilender Schatten, eine Figur in der Ferne.

Dem Mann zu folgen, war anstrengend, und sein Weg wirkte ziellos, schien bisweilen regelrecht in Kreisen zu führen. Aber wenn zu beiden Seiten die Brettwurzeln meterhoch emporragten und Baumstämme, Unterholz und Wurzelgeflechte alles andere um sie herum versperrten, stellte Tom fest, dass sie offenbar die einzig gangbare Passage verwendeten und dass der Indio sehr genau wusste, wo er sie entlangführte.

Eine Stunde später mussten Tom und Juli verschnaufen und etwas trinken. Als der Indio sich das nächste Mal umsah, streckte Tom den Arm in die Höhe, dann blieben sie stehen und legten eine Pause ein. Der Indio wartete in einiger Entfernung. Tom hob die Wasserflasche an, um sie ihm zu zeigen und ihm anzubieten, aber der Mann reagierte nicht.

»Er will wohl nicht, dass wir ihm zu nahe kommen«, meinte Juli. »Ich habe das Gefühl, er ist ganz furchtbar missgestaltet. Nicht nur der Buckel, meine ich. Seine ganzen Proportionen stimmen irgendwie nicht. Und manchmal sieht seine Haut ganz uneben aus, je nachdem, wie das Licht darauf fällt.«

»Ja, das ist mir aufgefallen. Aber er ist so flink … Er wirkt nicht krank, sondern so, als sei er schon von Geburt an fehlgebildet gewesen und hätte sich daran gewöhnt.«

Sie wagten nicht, allzu lange zu pausieren, und machten sich nach einigen Minuten auf den Weg.

»Ich hoffe, dass er nicht vorhat, uns noch tagelang so zu hetzen«, sagte Tom. »Wir müssen den ganzen Weg auch noch zurück.«

»Immerhin können wir mit dem GPS-Gerät den Rückweg finden«, sagte Juli. »Sonst würde ich mir erhebliche Sorgen machen. Ich habe inzwischen total die Orientierung verloren.«

Der Indio führte sie stetig tiefer in den Regenwald. Den Fluss bekamen sie nicht mehr zu Gesicht. Stattdessen ging es durch den sich ständig ändernden Urwald, der schließlich zu einem grünen Einerlei wurde, durch das Juli und Tom sich quälten, fast willenlos, immer nur den Indio vor Augen. Am späten Nachmittag war es schließlich so weit.

Der Indio verschwand vor ihnen, und als sie die Stelle erreichten, an der sie ihn zuletzt gesehen hatten, blieben sie einen Augenblick unschlüssig stehen.