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»Äh, ja, kann ich dir etwas zu trinken bringen?«

»Muss dir ja wichtig sein.«

»Keine Ahnung. Sollte es?«

»Deine Entscheidungen musst du schon selbst treffen.«

Perplex wandte er sich ab und entschied sich, sie einfach sitzen zu lassen. Aber natürlich nagte es an ihm, und eine Viertelstunde später passte er eine Pause ab, in der gerade niemand in ihrer Nähe stand und sie gelangweilt aus einem Fenster sah. Mit zwei Flaschen Bionade ging er zu ihr.

»Ihre Bestellung, Miss Untouchable.«

Sie nahm die Flasche entgegen. »Das war ja irre witzig.«

»Ist mir nicht aufgefallen«, gab er zurück. Dann setzte er sich ihr gegenüber in ein Fat-Boy-Kissen und starrte wortlos aus dem Fenster.

Nach fünf schweigsamen Minuten stellte sie ihre leere Flasche auf den Tisch.

»Das war gerade das intelligenteste Gespräch heute Abend«, sagte sie. »Danke für die Limo.«

»Muss dir ja wichtig sein«, entgegnete er mit einem Seitenblick auf sie.

Sie lachte auf. »Oh, ein Elefantenhirn. Was meinst du denn?«

»Dass du intelligente Gespräche führen kannst, ist dir wohl wichtig.«

»Dir nicht?«

»Ich höre mir den ganzen Tag intelligente Gespräche an, da kann ich abends gerne mal drauf verzichten.«

»Tja, tut mir leid, wenn ich dich langweile.«

Jetzt wandte sich Ben ihr zu. »So meinte ich es nicht.«

»Nein?«

»Ich studiere Jura und werde den ganzen Tag zugequatscht.«

»Medizin. Ich bin Juli.«

Er lächelte. »Nett. Heißt das, wir unterhalten uns jetzt?«

»Sieht wohl so aus, hm?«

»Ich frage mich, was du hier machst. Hast du etwas mit der Agentur zu tun? Ein Partytiger scheinst du ja nicht gerade zu sein.« Augenblicklich biss er sich auf die Zunge. Aber sie blieb gelassen.

»Bin ich nicht, stimmt. Und die Agentur kenne ich auch nicht. Im Programmkino ist ein tschechischer Kunstfilm mit finnischen Untertiteln ausgefallen, also wusste ich nicht, was ich sonst tun sollte.«

Ben zögerte. »Das meinst du jetzt nicht ernst.«

Juli sah ihn ausdruckslos an. »Meine ich nicht?«

Abermals stockte er. Dann sah er, wie Juli zwinkerte und grinste. »Nein, meinst du nicht!«

»Stimmt«, gab sie zu. Es folgte eine Pause. Dann setzte sie nach: »Es waren slowakische Untertitel.«

Nun lachte Ben auf, und so hatten sie sich kennengelernt.

In den folgenden Monaten waren sie in losem Kontakt geblieben und hatten sich immer mal wieder getroffen und sogar das eine oder andere Mal verabredet. Niemals allein, so weit ging die Freundschaft nicht, aber wenn sich eine kleine Gruppe fand, die im Stadtpark grillen wollte oder sich ein paar Kajaks für die Fleete auslieh, rief er sie an, und manchmal kam sie mit.

Ganz schlau war er nie aus ihr geworden. Er stellte nur fest, dass sie ebenso intelligent wie kritisch und äußerst zielstrebig war und auf lose Beziehungen und oberflächliche Freundschaften wenig Wert legte. Er hatte sich schnell eingestanden, dass sie ihm in ihrer Art überlegen und irgendwie eine Nummer zu groß war. Was sie suchte oder gebraucht hätte, war nichts, das er ihr bieten könnte, obwohl sie nur wenig älter war als er selbst, sechsundzwanzig höchstens. Er schätzte sie als Person, und wenn er ehrlich war, war sie die einzige Frau in seinem Bekanntenkreis, mit der er nicht verwandt war und die er trotzdem nie ins Bett bekommen wollte. Nun hatte er seit langer Zeit nichts mehr von ihr gehört, und als er sie im Café sitzen sah, musste er sie begrüßen.

»Hey, Juli. Wie geht’s?«

Sie schreckte auf. »Hi.«

»Arbeit für die Uni?«

Sie klappte das Notizbuch zu. »Nein, eigentlich nicht.«

Ben deutete hinter sich. »Wir sitzen dahinten, willst du nicht zu uns kommen?«

»Danke, aber heute nicht.«

»Ich habe lange nichts mehr von dir gehört«, sagte er, setzte sich und zündete sich eine Zigarette an. »Ich dachte schon, du bist gar nicht mehr in Hamburg.«

»Doch, bin ich. Aber ich bin die meiste Zeit am UKE.«

Er nickte.

»Wie sieht’s denn am Wochenende aus, hast du vielleicht mal Lust, mitzukommen, wenn etwas läuft?«

»Ehrlich gesagt … vermutlich nicht.«

»Ist was los?«

»Nein, ich habe im Moment nur wirklich keinen Kopf für Ablenkungen. Tut mir leid.«

Er zuckte mit den Schultern. Da war nichts zu machen. Sie zu überreden, würde nicht gelingen, und im Grunde wollte er ihr auch nicht hinterherlaufen.

»Darf ich?«, fragte er und streckte seine Hand nach ihrem Stift aus. Er schrieb seine Telefonnummer auf ein Streichholzbriefchen aus seiner Tasche. »Wenn du mal wieder Lust hast, kannst du ja anrufen, okay?«

Sie nahm das Briefchen und den Stift entgegen. »Alles klar, ich werde dran denken.«

Ben stand auf. »Gut, ich gehe dann mal wieder zu meinen Leuten. Mach’s gut und lass dich nicht stressen.«

»In Ordnung. Bis dann.«

Als Ben gegangen war, sah Juli ihm nur kurz hinterher. Dann schloss sie die Augen und suchte Anschluss an die Gedanken, die sie zuvor beschäftigt hatten. Tatsächlich wünschte sie nichts lieber, als sich den unbeschwerten Studentenvergnügungen hingeben zu können. Ben war ein netter Kerl, und die meisten Leute, mit denen er seine Zeit verbrachte, waren halbwegs vernünftig und nicht allzu simpel gestrickt. Aber nicht nur war ihr Studium anspruchsvoller geworden, auch hatten sich die Sorgen der letzten Wochen wie eine alles erstickende Decke um sie gelegt. Die praktische Arbeit im Krankenhaus half ihr zwar, einen geregelten Tagesablauf einzuhalten und sich zu konzentrieren, aber in den Zeiten dazwischen fühlte sie sich haltlos. Sie schlafwandelte durch den Tag, ihre Gedanken kreisten immer wieder um Maries Briefe, ihre Begeisterung, ihre Gedanken, Ideen, Erlebnisse und schließlich ihr entsetzliches Schweigen. Die Behörden, die Kollegen und auch ihre Eltern beruhigten sie, aber Juli fühlte, dass etwas nicht stimmte. Die besondere Verbindung zu ihrer Schwester war gekappt. Und es schien nichts zu geben, das sie tun konnte.

Juli blickte ziellos umher, bis ihr eine Tageszeitung ins Auge fiel, die jemand auf dem Tisch neben ihr liegen gelassen hatte. Sie nahm sie an sich und blätterte hindurch. Das Tagesgeschehen der Stadt ließ sie unberührt, ebenso wie die internationalen Meldungen über Krisenherde und politische Gespräche. Automatisch nahm sie die zunehmende Zahl von Werbeanzeigen zur Kenntnis, die sich um Medikamente, neue Therapiemethoden und private Kliniken drehten, Schönheitschirurgie, Augenlaser und Ganzkörper-Epilationslabors. Man bereitete sich offenbar auf die kommende Medizin- und Gesundheitsmesse vor.

Und dann blieb ihr Blick an einem Artikel hängen, der ihr einen Schauer über den Rücken jagte.

Sie las ihn, studierte das Bild und las ihn ein zweites Mal. Es waren nur wenige Zeilen, und sie fragte sich, ob ihre Verzweiflung sie Gespenster sehen ließ. Dennoch schrie etwas in ihr auf. Es war, als seien diese Zeilen nur für sie geschrieben, als höre sie Maries Stimme.

Hastig legte sie ein paar Münzen auf den Tisch, raffte ihre Sachen in ihre Tasche, stopfte die Zeitung dazu und machte sich auf den Weg zum Auto.

Die Plätze auf der Sonnenterrasse des Beachclubs waren schon wieder zur Hälfte gefüllt, obwohl es noch nicht Mittag war. Tom hatte erwartet, nach dem Vorfall am Tag zuvor irgendwelche Absperrungen vorzufinden, aber das war nicht der Fall; das Leben nahm hier weiter seinen Lauf, als sei nichts passiert. Nun, vielleicht war man hier sogar ganz froh, dass der Klub mal wieder in der Presse erwähnt wurde, und die jetzigen Besucher waren aus Sensationsgier gekommen. In der morbiden Hoffnung, noch einen zweiten Schuh vorbeitreiben zu sehen.