»Das kann ja jetzt wohl nicht alles gewesen sein«, meinte Tom. Doch als er sich umsah, entdeckte er den Mann in einiger Entfernung auf gleicher Höhe mit ihnen. Er wies mit dem Speer in eine Richtung, deutete ihnen an, dass sie weiter geradeaus gehen sollten. Er hatte offenbar vor, zurückzubleiben.
Vor ihnen zog sich quer durch den Wald eine Mauer aus undurchdringlichem Unterholz, das sich fast vier Meter hoch auftürmte. Ein Gewirr aus abgestorbenen Ästen, Büschen und Luftwurzeln. Tom wies darauf und sah fragend zum Indio hinüber. Der zeigte weiter stoisch mit seinem Speer darauf.
»Ja, ja, lustig«, murrte Tom. »Klettern dürfen wir jetzt alleine.« Er ging an die natürliche Barriere heran. »Schaffen wir das?«, meinte er an Juli gewandt.
»Ja, vermutlich«, seufzte sie. »Scheint ja ganz wichtig zu sein. Ich will nur hoffen, dass es das auch wert ist. Danach kann ich nämlich für heute keinen Schritt weiter, das sage ich dir.«
»Also dann …« Tom begutachtete die Unterholzbarrikade und suchte nach einer geeigneten Stelle, um hinaufzugelangen. Der nur lose Zusammenhalt der Zweige auf dem unförmigen Haufen machte die Kletterei zu einer sehr wackeligen Angelegenheit. Tom kam nur langsam voran. Plötzlich rutschte er aus und versank bis zur Hüfte in einem Hohlraum zwischen den Ästen und Wurzeln, nur die Reisetasche auf seinem Rücken hielt ihn auf.
»Hast du dir was getan?«, rief Juli.
»Hänge nur ein bisschen herum«, gab er zurück und bemühte sich, sich zu befreien. Nachdem es ihm schließlich gelungen war, wandte er sich an Juli.
»Am besten kommst du jetzt hinterher. Wenn wir zusammenbleiben, geht es bestimmt leichter.«
Juli begann mit dem Aufstieg und suchte die gleichen Griffe und Trittstellen, die sich bei Tom als stabil erwiesen hatten. Als sie herangekommen war, streckte Tom seine Hand aus und zog sie hoch.
Gemeinsam kletterten sie weiter hinauf und halfen sich dabei gegenseitig. Minuten später waren sie oben angekommen und sahen zum ersten Mal auf die andere Seite des Walls.
»Das glaube ich nicht«, stieß Tom hervor.
Kurz hinter dem Wall hörte der Wald auf. Nur ein paar vereinzelte Bäume standen noch, dann dehnte sich ein weiter Streifen gerodeten Landes aus. Alle Bäume waren gefällt, alle Stümpfe und Sträucher entfernt, der Boden platt gewalzt und mit Schotter bedeckt. Der gerodete Streifen führte weiter nach links und rechts, als sie von ihrer Warte aus sehen konnten, und war mindestens fünfzig Meter breit. Dahinter verlief ein gewaltiger Zaun, der zwischen einer langen Reihe drei Meter hoher Betonpfeiler gespannt war. Die Oberkante des Zauns gabelte sich und war mit Stacheldrahtrollen bedeckt. Auf jedem zweiten Pfeiler war eine Überwachungskamera installiert, die auf das Innere des Geländes gerichtet war.
Jenseits des Zauns befand sich eine weitere mit Kies bedeckte Fläche, und inmitten dieses Geländes lag ein geduckter Gebäudekomplex aus Beton. Die Anlage verfügte über nur wenige Fenster, die mit stabilen Außenjalousien versehen waren. Aus den flachen Dächern ragten lange Antennen, und an einer Stelle stand eine Satellitenschüssel mit außergewöhnlich großem Durchmesser, offenbar ein Sender.
Tom nahm die Kameratasche von seiner Schulter, balancierte sie auf einigen Ästen, schraubte das Teleobjektiv auf und begann, Fotos zu schießen.
»Das ist unglaublich«, sagte er. »Eine streng gesicherte Anlage mitten im Urwald! Es muss mit den Vorfällen in dieser Gegend zusammenhängen.«
»Kannst du irgendwelche Menschen erkennen?«
»Nein. Aber an einigen Stellen sehe ich kleine, rot blinkende Lichter an den Kameras und an den Bewegungssensoren unter der Dachkante. Das Ganze ist also in Betrieb.«
»Was sollen wir jetzt tun? Hineinspazieren wird vermutlich nicht funktionieren.«
Tom suchte das Gelände noch eine Weile mithilfe des Objektivs ab, dann legte er die Kamera zurück in die Tasche.
»Ich weiß es nicht. Der Buckelige muss sich doch irgendetwas gedacht haben … Oder wollte er uns das nur zeigen, weil er hoffte, dass wir eine Idee dazu haben?«
»Er winkt uns«, sagte Juli und deutete in den Wald, wo der Indio stand und den Speer gehoben hatte.
Tom sah hinüber. Der Mann machte ihnen unbeholfene Zeichen. Sie sollten ihm erneut folgen. Es gab offenbar noch mehr zu sehen. Also schulterte Tom seine Kameratasche und suchte einen Weg, um von dem hölzernen Wall nach unten zu gelangen. Nun wurde ihm auch klar, wie dieser entstanden war. Er bestand zu einem großen Teil aus den Stämmen der gerodeten Bäume, die man in den Wald geschoben hatte.
Es dauerte eine Weile, bis sie den wackeligen Abstieg geschafft hatten. Der Indio lief ihnen voraus und führte sie zur Rückseite des Geländes. Von Weitem sahen sie, wie er stehen blieb und mit seinem Speer mehrfach in den Boden stach. Als sie dort ankamen, erkannten sie, dass es sich um eine winzige Lichtung mit fast ebenem Boden handelte, einen perfekten Platz, um in der einsetzenden Dämmerung ihr Lager aufzuschlagen. Von hier aus konnten sie einen großen Teil des abgesperrten Geländes einsehen, waren aber selbst durch dichtes Unterholz vor Blicken geschützt.
Als Tom und Juli sich umsahen, konnten sie ihren unbekannten Führer nirgendwo entdecken.
»Und jetzt? Campen wir hier?«, fragte Tom.
»Es wird dunkel, und ich bin total geschafft«, sagte Juli. »Es sieht mir aus wie eine gute Stelle, und der Indio wollte wohl, dass wir hierbleiben. Also ja, ich finde schon.«
Tom nickte. »Okay. Aber das Lagerfeuer sollten wir uns wohl sparen.«
Sie legten ihre Ausrüstung ab und suchten sich geeignete Stellen für ihre Hängematten. Sie erhitzten eine Dose auf dem Campingkocher und verbargen die kleinen Flammen hinter einem gewaltigen Baumstamm.
Als es dunkel war, schien Licht aus einigen Fenstern des Gebäudekomplexes. Die Außenjalousien verhinderten die Sicht ins Innere, aber ab und zu wanderten Schat-ten dahinter vorbei. Tom beobachtete alles mithilfe seines Teleobjektives, aber von außen ließ nichts auf die Funktion der Gebäude schließen. Einmal hörten sie, wie ein Wagen wegfuhr, aber da sie sich an der Rückseite der Anlage befanden, konnten sie nichts sehen. Die Lichter im Inneren blieben erhellt, hier wurde nicht nur am Tag gearbeitet. Vermutlich wohnten die Menschen auch hier, alles andere wäre an diesem abgelegenen Ort auch unsinnig gewesen. Das bedeutete aber auch, dass man nachts genauso wenig einsteigen konnte wie tagsüber.
Tom wollte sich gerade resigniert abwenden, als eine Alarmsirene aufgellte. Fast zeitgleich flammten Flutlichter rund um die Anlage auf, die von den Dachkanten aus das Gelände bis zur Umzäunung in gleißende Helligkeit tauchten.
An einer Gebäudeseite hatte sich eine Tür geöffnet, und drei Gestalten eilten ins Freie. Sie blieben einen Augenblick geblendet stehen, und Tom konnte sie genau erkennten. Es waren zwei Männer und eine Frau. Der eine Mann war vollkommen nackt und wie ein Affe nach vorn gebeugt, sodass er auf allen vieren lief. Sein Rücken war unnatürlich gebogen, Schulterblätter und Wirbel stachen deutlich aus seiner Haut hervor, die mit blutigen Striemen und Pusteln übersät war. Der andere Mann stand auf zwei Beinen, war aber zur Seite gebeugt und schleifte sein rechtes Bein nach, dessen Fuß in einem falschen Winkel verdreht war. Sein rechter Arm baumelte ebenso nutzlos an ihm herunter. Auch er war fast nackt und trug lediglich Reste eines Hemds, das er jedoch falsch herum angezogen hatte. Sein Bauch war aufgebläht wie ein Ballon und stand im krassen Gegensatz zu seinen spindeldürren Gliedmaßen. Die Frau war von allen dreien die am wenigsten verformte Gestalt und schien die anderen anzuführen. Sie war ebenfalls fast völlig nackt, hatte sich aber ein Hemd um die Hüfte geknotet, das ihr wie ein Lendenschurz den Schritt notdürftig bedeckte. Sie rief etwas und lief auf den Zaun zu, während die anderen beiden ihr folgten.