Tom schoss Fotos, während er das Geschehen durch den Sucher verfolgte.
Der affenartige, nackte Mann hüpfte und krabbelte mit erstaunlicher Geschwindigkeit an den anderen beiden vorbei und erreichte den Zaun als Erster. Er setzte zum Sprung an und krallte sich in anderthalb Metern Höhe in das Gittergeflecht. Augenblicklich brach er in schrille Schreie aus, die die Alarmsirene übertönten. Er zuckte spastisch, blieb aber krampfhaft in den Zaun gekrallt. Er brüllte und schrie, während offenbar heftige Stromstöße durch seinen Körper jagten.
Die anderen beiden Flüchtlinge sahen sich gehetzt um, als ihnen klar wurde, dass der Zaun eine tödliche Falle war.
Der halbseitig gelähmte Mann machte gerade einen unbeholfenen Schritt, als ein Schuss durch die Nacht peitschte. Ein roter Sprühregen blitzte auf, und der Mann wurde von der Wucht eines Treffers beiseitegerissen. Er drehte sich und taumelte, blieb aber stehen, als könne er nicht verstehen, was geschehen war. Seine rechte Schulter war durchschlagen worden. Blut strömte heraus, und aus dem zerfetzten Fleisch ragten scharfkantige Knochensplitter.
Jetzt sah Tom, dass aus der Tür Männer in dunkler Uniform und mit angelegten Waffen getreten waren. Drei standen bereits im Schein der Flutlichter, zwei weitere kamen hinterher.
Sie zielten auf die Frau und den Angeschossenen, während sie den dritten ignorierten. Der hatte inzwischen aufgehört zu schreien, nur sein Körper zuckte noch stumm in den Krämpfen der durch die Hochspannung erzeugten Muskelkontraktionen.
Die Wachmänner riefen den beiden Nackten etwas zu, das Tom nicht verstand. Aber als er sich die Bewaffneten näher ansah, erkannte er einen von ihnen wieder.
»Da ist der Brasilianer«, sagte er zu Juli. »Der kahlköpfige von der Insel und der uns am Flughafen gefolgt war!«
Juli schwieg. Zu sehr nahm sie das Geschehen gefangen. Wenngleich sie ohne Zuhilfenahme des Teleobjektivs keine Details ausmachen konnte, sah sie doch genug, um ihr Herz stocken zu lassen.
»Hier, willst du mal sehen?«, sagte Tom und bot ihr die Kamera an. Aber Juli lehnte ab. Dieser Brutalität hilflos zusehen zu müssen, war schlimm genug, da wollte sie nicht noch näher heran.
Tom sah, dass die beiden Nackten vor den Wachleuten zurückwichen. Die Männer hatten zwar ihre Waffen auf sie gerichtet, wollten sie aber offenbar nicht erschießen. Wieder riefen sie etwas, aber die beiden wichen nur Schritt für Schritt zurück, die Frau mit sicheren Schritten, während der Angeschossene deutlich schwankte, als würde er jeden Moment zusammenbrechen. Sie ergriff ihn an der Hand und zog ihn.
Die Bewaffneten kamen nun näher, redeten auf die beiden ein, aber diese wichen abermals zurück, und plötzlich ging alles ganz schnell. Die Frau riss den angeschossenen Mann mit so unmenschlicher Kraft herum, dass er fünf Meter voran stolperte, in den Zaun stürzte und sich unwillkürlich mit seiner funktionierenden Hand daran festklammerte.
Wie sein unglücklicher Kamerad zuvor brach er in gellende Schreie aus, als der tödliche Strom durch seinen Körper brandete.
Die Männer stürzten nun vor, wollten etwas unternehmen, aber im selben Augenblick wandte sich auch die Frau um, machte zwei Sätze und sprang in den Zaun. Mit weit ausgestreckten Armen krallte sie sich fest. Ein tiefes Stöhnen entrang sich ihrer Kehle im Todeskampf. Wie eine Gekreuzigte hing sie im Elektrozaun, während ihr Körper einen geradezu blasphemischen, zuckenden Tanz aufführte.
Tom, der kurz zuvor noch einige Male auf den Auslöser gedrückt hatte, legte mit zitternden Fingern die Kamera beiseite. Kalter Schweiß lief über seinen Rücken. Er ging in die Knie, stützte sich auf beiden Händen auf und erbrach sich.
Er brauchte eine Weile, bis er sich gefangen hatte und Julis Hand auf seiner Schulter spürte. Die Rufe der Wachleute hörte er nur gedämpft.
»Sie haben sich lieber selbst getötet«, brachte er hervor, »als sich den Männern zu ergeben …«
»Wir sind hier«, sagte Juli an seinem Ohr, »um diesem teuflischen Treiben ein Ende zu setzen.«
Tom nickte nur erschöpft.
»Wir müssen es«, sagte Juli. »Wir sind hergeführt worden. Und wir können etwas verändern.«
Langsam richtete Tom sich auf. »Ja … nur was? Was können wir gegen eine solche Anlage ausrichten? Flutlichter, Bewegungssensoren, Stacheldraht, Elektrozaun, bewaffnete Wachleute … Das ist eine Hochsicherheitsanlage, vielleicht militärisch. Wer auch immer das hier betreibt, weiß verdammt gut, wie er sich zu schützen hat. Die Fotos allein nützen uns nicht viel.«
»Vielleicht finden wir doch noch Hinweise, wem das hier gehört. Irgendwo gibt es vielleicht Schilder, vielleicht Autos oder Mülltonnen mit Adressetiketten.«
Tom schüttelte den Kopf. Er wollte gerne glauben, dass es so leicht war, aber solche Recherchen in der Großstadt waren etwas anderes als hier draußen im Nirgendwo, an einer hermetisch abgeschirmten Anlage, die von Kriminellen betrieben wurde.
Ein leiser Ruf ertönte hinter ihnen aus dem Wald.
Als sie sich umsahen, blickten sie in die Dunkelheit und erkannten erst gar nichts. Dann schälte sich die Gestalt des Indios aus der Schwärze. Der diffuse Schein der entfernten Flutlichter erhellte ihn stellenweise. Er stand nur wenige Meter entfernt. Nun sahen sie, was sie schon den ganzen Tag vermutet hatten. Er war ebenso verkrüppelt und verformt wie die anderen Gestalten, die sie gesehen hatten. Die Rippen stachen kränklich aus seinem Brustkorb hervor, der Bauch war angeschwollen, seine Haltung war gebeugt, als sei seine Wirbelsäule verkrümmt. Er stand da und wies mit seinem Speer ein Stück beiseite. Allerdings war er schräg auf den Boden gerichtet.
Tom und Juli wussten nicht, ob sie zu ihm gehen sollten, und zögerten, als sie eine Bewegung ausmachten, dort, wo der Indio hinzeigte. Die schmalen Lichtfinger, die vom gleißenden Leuchten der Scheinwerfer bis hierher drangen, schienen sich zu bewegen, als sich der Waldboden erhob. Und dann löste sich aus dem Boden eine Gestalt, krabbelte wie eine Spinne aus dem Loch, erhob sich zur Hälfte und lief in die Finsternis des Waldes. Eine weitere Gestalt erschien, dann eine dritte, schließlich eine vierte. Sie alle hielten sich nicht auf, sondern rannten und stolperten eilig und so gut es ihre Körper zuließen in den Wald.
Der Indio blieb noch einen Moment zurück, als wolle er sicherstellen, dass keine weitere Gestalt dem Erdloch entstieg. Oder vielleicht wollte er auch prüfen, ob Tom und Juli die Szene gesehen hatten. Er machte noch eine unbestimmte Geste zu ihnen hinüber, dann wandte er sich ebenfalls ab und verschwand im Wald.
»Was war denn das?«, fragte Tom.
Juli machte einen zögerlichen Schritt. »Die sind auch aus der Anlage geflohen! Bestimmt hat er uns hergeführt, weil er wusste, dass es heute Nacht geschehen würde.«
Tom folgte Juli, und gemeinsam gingen sie zu der Stelle, aus der die Gestalten gekommen waren. Aus der Nähe erkannten sie, dass es weit mehr als nur ein Erdloch war. Der Boden war in großem Umfang aufgewühlt. Eine gewaltige Menge von Erde, die ringsherum verstreut und zu beträchtlichen Haufen aufgeworfen war, ließ erkennen, dass das Loch von dieser Seite aus geschaufelt worden war. Es war eine geplante Befreiungsaktion, kein zufälliger Ausbruch gewesen.
»Wenn das hier so gezielt organisiert wurde, wie es aussieht«, überlegte Tom, »dann haben die drei auf dem Gelände vielleicht nur für eine Ablenkung gesorgt. Während sie vorgaben zu fliehen, konnten andere durch einen geheimen Tunnel entkommen.«
»Auf die Gefahr hin, dass sie sterben würden?«
»Überleg maclass="underline" Wir haben es hier mit entsetzlich Verkrüppelten, Entstellten zu tun. Erinnere dich an den Toten im Wald heute Morgen. Wenn diese Anlage für ihre Leiden verantwortlich ist, möchten sie vielleicht lieber sterben, als noch länger dort zu bleiben.«
»Und sie opfern sich füreinander auf …«
Tom kniete sich vor die rabenschwarze und wenig einladende Öffnung. »Wenn dieser Tunnel wirklich bis zu der Anlage führt, dann muss er unglaublich lang sein … Was machen wir jetzt?«