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»Vermutlich haben wir nur eine Möglichkeit, auch wenn sie mir überhaupt nicht gefällt …«

»Mir auch nicht«, gab Tom zu und stand wieder auf. »Aber wir müssen es versuchen. Und zwar sofort. Bevor der Ausbruch und der Tunnel entdeckt werden. Bleib hier, ich hole meine Kamera.«

Kurz darauf war er wieder da, schraubte ein kurzes Objektiv auf und hängte sich die Tasche um. »Lass mich voran«, sagte er. »Wir können das Licht meiner Kamera verwenden, damit wir nicht in völliger Dunkelheit herumtasten müssen. Ich hoffe, der Akku hält es ein paar Minuten lang aus.«

Er ging auf alle viere und schaltete das Licht ein. Der Tunneleingang gähnte vor ihnen wie ein Schlund, etwa einen Meter im Durchmesser. Der intensive Geruch feuchter Erde stieg vor ihm auf, und Tom musste unwillkürlich an ein frisch ausgehobenes Grab denken. Um nichts in der Welt würde er üblicherweise in so eine finstere und enge Höhle kriechen. Aber gerade erst waren vier Menschen hier herausgekommen, also musste es möglich sein. Und es war der einzige Weg.

Er kroch voran. Als er kurz darauf in dem engen Gang verschwunden war, überkam ihn eine plötzliche Welle von Panik. Der schwache Schein seiner Kamera verlor sich an der nächsten Biegung der unregelmäßigen Röhre. So würde es nun fünfzig oder hundert Meter weitergehen. Über und um ihn bedrängte ihn das nasse Erdreich, der Gang konnte immer enger zusammenrücken, die Luft würde knapp werden, und es gab vielleicht keine Möglichkeit, zu wenden und umzukehren. Sie könnten ersticken oder stecken bleiben, der Waldboden über ihnen konnte nachgeben und sie lebendig begraben.

»Ich bin da«, hörte er Julis Stimme hinter sich. »Kannst weitergehen.«

Langsam krabbelte Tom weiter, versuchte, seine furchtbaren Gedanken zu verdrängen.

»Willst du was Verrücktes hören?«, sagte Juli. »Ich habe so was noch nie gemacht!«

Tom musste lächeln. »Ach, tatsächlich nicht? Nun, dann wird’s aber Zeit. Früher bin ich immer so zur Schule gegangen.« Er hoffte, dass sein Scherz kein Zittern in seiner Stimme verriet.

»Ich doch auch!«, gab Juli zurück. »Aber nicht um diese Uhrzeit.«

Julis Stimme klang amüsiert und wärmte Tom für einen Moment. Er wünschte sich, dass er ebenso unbeschwert sein könnte. Aber der Gang schien schmaler zu werden, die Wände fühlten sich weich und bröckelig an. Und sie hatten erst ein winziges Stück der Strecke zurückgelegt. Er bemühte sich, schneller voranzukommen, um so bald wie möglich diesem Grab entfliehen zu können.

»Soll ich dir noch etwas erzählen?«, fragte Juli.

»Nur zu.«

»Dieser Gang hier macht mir eine Scheißangst. Ich bin leider nicht so mutig wie du. Also werde ich jetzt einfach ein bisschen herumplappern, okay? Denk dir nichts dabei.«

Erneut lächelte Tom, dieses Mal aus Zuneigung. »Was auch immer du plapperst«, sagte er, »es erhellt meinen Weg, mehr als es das Licht meiner Kamera jemals könnte.«

»O weh. Schreibst du auch so deine Artikel?«

»Nun ja … ehrlich gesagt …«

»Versuch’s besser nicht«, meinte Juli. »Nach Shakespeare klang es nicht gerade. Aber ich schätze mal, es war nett gemeint, also sei dir verziehen.«

Während sie vorangingen, redete Juli beständig weiter, und tatsächlich half es auch Tom, die drohenden Gedanken fernzuhalten. Sie waren schon eine Weile unterwegs, aber die Zeit war unmöglich abzuschätzen und die Entfernung schon gar nicht. Auch wenn Tom sich anstrengte, kam er auf Händen und Füßen nicht sonderlich gut voran, und die unbequeme Haltung ließ ihn mehrfach einige Augenblicke verschnaufen. Möglich, dass sie den Sicherheitszaun schon hinter sich gelassen hatten.

Der Gang verlief unregelmäßig, wand sich stellenweise um herabreichende Wurzeln, schien aber weitestgehend in gerader Linie auf die Anlage hin zu verlaufen. Immer wieder sah er seltsame Rillen in den Wänden, wo die Erde etwas fester war, und er meinte, darin Spuren von Krallen zu erkennen. Was ihn zu der Überlegung führte, wie dieser Gang wohl geschaffen worden war. Mit Schaufeln sicherlich nicht. Dafür war er zu niedrig. Er wirkte, als hätte man ihn mit bloßen Händen und Krallen gegraben. Dann erinnerte er sich an den Toten mit den abgewetzten Fingern. Vielleicht hatte er hier gearbeitet? Oder andere wie er?

Als Tom schon meinte, der Gang würde kein Ende mehr finden, nahmen seine Sinne zweierlei Dinge wahr. Er hörte Stimmen. Gedämpft, entfernt, aber es waren Stimmen. Er hoffte jedenfalls, dass es Stimmen waren, tatsächlich hörte er zunächst nur verschiedene Laute, die unregelmäßig aufklangen, und er konnte sie nicht näher identifizieren.

Das andere, das er wahrnahm, war ein Geruch. Er war nur ganz leicht, aber er veränderte das dichte, feuchte Aroma der Erde. In der schweren, sauerstoffarmen Luft lag eine neue Note, säuerlich und schwach faulig.

»Wir müssen jetzt leise sein«, sagte er. »Ich glaube, wir sind gleich da.«

Sie krochen weiter, noch behutsamer als zuvor. Tom entschloss sich, die Kamera auszuschalten. Ihr Licht war ohnehin schon fast verblasst, und je nachdem, wo sie herauskamen, wollte er sie nicht verraten.

Die Laute wurden mit jedem Meter deutlicher. Aber Stimmen waren es keine. Es war ein Stöhnen und Heulen aus unzähligen Kehlen, stoßweise, unkontrolliert, es waren plötzliche Schmerzensschreie und getragenes Jammern auszumachen, eine Kakophonie unsäglicher Pein, die geradewegs aus der Hölle kommen mochte.

Der Geruch hatte sich zu einem kaum erträglichen Gestank ausgewachsen. Es war die essigsaure Penetranz von faulendem Abfall, gemischt mit der süßen, dunklen Fäulnis von Fäkalien und verwesendem Fleisch. Es war, als stiegen sie geradewegs in die Gedärme der Unterwelt hinab.

Tom spürte, wie sich Julis Hand auf sein Bein legte und verharrte.

»Ich habe Angst«, sagte sie leise.

»Ich auch«, gab er zurück. »Mehr, als du ahnst. Aber bisher hast du mir Mut gemacht. Ohne dich wäre ich niemals so weit gekommen.« Er streckte seinen Arm nach hinten und ergriff ihre Hand. »Ich weiß nicht, was uns erwartet. Es wird vielleicht schlimmer sein als alles, was wir uns vorstellen können. Aber wir müssen es tun. Wir tun es für die Gestalten, die wir gesehen haben, und wir tun es für Marie. Und dafür, dass eine so großartige Frau wie du nirgendwo Angst haben muss.«

»Du bist süß«, sagte Juli, und Tom konnte das Lächeln in ihren Worten spüren. »Also dann«, fuhr sie fort, »weiter mit uns Angsthasen. In die Höhle des Löwen!«

Nach wenigen Metern stieß Tom abrupt an das Ende des Gangs. Die Wand vor ihm war fest, gerade und rau. Er schaltete das Licht seiner Kamera noch einmal ein und stellte fest, dass sich vor ihm eine Wand aus Mauersteinen befand. Er drückte versuchsweise dagegen. Die Steine ließen sich etwas bewegen. Der Mörtel, der sie einmal zusammengehalten hatte, war entfernt worden.

»Wir sind da«, sagte er. »Hier ist eine Mauer aus losen Steinen. Jemand hat das Loch wieder verschlossen.«

»Ist es zugemauert?«

»Nein, ich glaube, man hat die Steine einfach nur wieder reingesetzt, um das Loch zu verbergen.« Er schaltete die Kamera aus und betastete die Wand an der oberen Kante, um eine geeignete Stelle zu finden. »Ich werde versuchen, einen Stein rauszuziehen.«

»Sei vorsichtig!«

Tom fand eine schmale Kante, die er greifen konnte, und rüttelte an dem Stein, der sich so millimeterweise herausarbeiten ließ. Nach einer Weile ging es immer leichter, und schließlich konnte er den Stein herausziehen.

Gedämpftes Licht drang aus der Lücke, ebenso wie ein Schwall der übel riechenden Luft. Tom schlug eine Hand vor Mund und Nase.

»Puh, ist das widerwärtig«, stieß er hervor.

»Kannst du etwas sehen?«, fragte Juli leise.

Tom drückte sein Gesicht in die obere Kante des Gangs und bemühte sich, durch die Lücke zu gucken. Aber viel war nicht zu erkennen. Sie befanden sich auf Bodenhöhe, und offenbar stand ein hochbeiniges Gestell direkt an dieser Stelle. So sah er nur Teile eines Metallrahmens über ihm und erahnte einen großen, hallenartigen Raum dahinter, der nur stellenweise von kärglichem Neonlicht erhellt wurde.