Выбрать главу

»Da versperrt etwas die Sicht«, erklärte er. »Aber ich kann auch die anderen Steine rausziehen, ohne gesehen zu werden.«

Er begann damit, die Steine nach und nach zu entfernen. Als das Loch ausreichend groß war, schob er sich mit dem Oberkörper hindurch und legte die verbleibenden Steine auf den Boden unter dem Gestell. Dann war es geschafft, und er krabbelte hindurch. Er blieb auf allen vieren unter dem Gestell und sah sich um.

Der bestialische Gestank erfüllte den Raum, und das Heulen, Klagen und Schreien schien von überall und nirgendwoher zu kommen. Etwas war hier, nur Bewegungen konnte er von hier unten nicht ausmachen. Er krabbelte ein Stück weiter und sah, dass Juli ihm aus dem Loch folgte.

Sie kamen unter dem Gestell hervor. Tom half Juli auf die Beine, und als sie sich aufgerichtet hatten, brach das Chaos um sie aus.

Lautes Gekreische ertönte, und von allen Seiten tauchten mit einem Mal aus dem Zwielicht und den Schatten Kreaturen auf, hüpfend, rennend, schlurfend, als würde sich der ganze Raum in Bewegung setzen. Alles brüllte und schrie und stürmte auf Juli und Tom zu. Tom streckte seinen Arm vor Juli, als könne er sie beschützen, Juli ergriff ihn an der Schulter.

»Mein Gott«, keuchte Tom. Die Wesen, die sie angriffen, waren Menschen. Aber sie bewegten sich wie Tiere. Ihre größtenteils nackten und mit Fäkalien und Blut verdreckten Körper waren missgestaltet und verwachsen, mit schuppigen Flechten und Pusteln bedeckt, einige hatten verkrüppelte oder aufgedunsene Gliedmaßen, sie geiferten und spuckten. Diese Menschen schienen keinen Funken Verstand mehr zu haben, sie wurden nur noch von Schmerzen beherrscht und von ihren Instinkten getrieben. Sie würden sie mit bloßen Händen und Zähnen zerreißen.

Aber die Wesen kamen nicht näher.

Sie prallten in einiger Entfernung an Gitterstäbe, klammerten sich fest, rüttelten, brüllten und streckten ihre Arme hindurch.

Der gewölbeartige Raum, in dem sie sich befanden, war in zahlreiche große und kleine Zellen unterteilt, die mit bis zur Decke reichenden Gittern voneinander getrennt und verriegelt waren. Überall waren Menschen eingepfercht; missgebildete, kranke, irrsinnige, und sie verkamen in ihrem Dreck.

Doch als Tom nach und nach alle Details erfasste, stellte er mit Schrecken fest, dass sich keinesfalls alle Angreifer in sicherer Entfernung hinter Gittern befanden. Er und Juli waren in einer ebensolchen Zelle herausgekommen, wie sie überall zu sehen waren. Und ein halbes Dutzend Entstellter befand sich hier, direkt bei ihnen, und sie kamen kreischend und stöhnend näher.

Als der erste der Angreifer seinen Arm nach Tom ausstreckte, zerrte Juli Tom an der Schulter zurück. Der oberste Knopf seines Hemdes riss ab, und plötzlich blieb der Angreifer stehen.

Tom sah direkt in seine weit aufgerissenen Augen, erfasste die geplatzten Äderchen, die blutig entzündete Bindehaut, sah die eitrigen Pickel auf Stirn, Wange und in den Mundwinkeln, roch den käsig-fauligen Atem des Mannes, der plötzlich innegehalten hatte.

Ein laut grunzendes Geräusch entwich den aufgesprungenen Lippen des Mannes, und er ruderte heftig mit einem Arm, woraufhin die anderen Kreaturen ebenfalls stehen blieben. Dann legte er den Kopf schief und streckte seine Hand nach Toms Hals aus. Die dunkel verfärbten Finger zitterten in der Luft. Er wollte nach Toms Halskette greifen, deren Amulett nun frei auf seiner Brust lag. Doch er berührte die geschnitzte Maske, die der Anhänger darstellte, nur flüchtig mit den Fingerspitzen. Dann legte er seine Hand auf Toms Brust und neigte den Kopf vor ihm. Die anderen taten es ihm gleich, und in Windeseile verbreitete sich die Bewegung durch den ganzen Raum, einer nach dem anderen verneigte sich, so gut es seine Missbildungen zuließen, und für einen Moment verstummten auch die Schreie. Eine ehrfürchtige Stille legte sich über den Raum.

»Die Kette von der Alten aus dem Dorf«, raunte Juli. »Sie war nicht so verrückt, wie sie aussah. Vielleicht war sie selbst eine Schamanin oder eine heilige Frau.«

»Was tun diese ganzen Menschen hier?«, fragte Tom, als der Mann vor ihm einen Schritt zurückwich. Langsam erhoben alle anderen wieder ihre Köpfe, und nach und nach setzte auch das allgemeine Wehklagen wieder ein.

Der Mann vor Tom legte seinen Kopf wieder schief und streckte einen Arm aus. »Salva-nos!«, kam es rau aus seinem Mund.

»Was sagt er da? Kannst du ihn verstehen?«, fragte Tom.

»Er sagt: ›Rette uns‹«, übersetzte Juli.

Tom ging vorsichtig einige Schritte durch den Raum, während die Missgestalteten und Verletzten in respektvollem Abstand vor ihm und Juli zurückwichen. Der Boden war mit zerrissenen Lumpen, stinkenden Pfützen und undefinierbaren Haufen aus Speiseresten, Erbrochenem und Kot bedeckt. Die Zelle, in der sie sich befanden, maß höchstens fünfzehn Quadratmeter und war an drei Seiten von Gitterstäben umgeben. An zwei Seiten grenzte sie direkt an weitere Käfige, die dritte Seite war auf die Mitte des Gewölbes hin ausgerichtet und verfügte über eine Tür.

»Das Schloss ist offen!«, rief er erstaunt aus, als er sich die Tür ansah. »Die könnten jederzeit raus.«

»Einige sind ja auch geflohen. Aber scheinbar können das nicht alle. Oder sie wollten nicht auf sich aufmerksam machen. Deswegen haben sie vielleicht auch das Loch in der Wand wieder verschlossen.«

Tom drückte versuchsweise an der Tür. Sie bewegte sich, ließ sich öffnen. Dann ging er hindurch, dicht gefolgt von Juli.

Sie standen wie gelähmt auf einem Mittelgang. Links und rechts von ihnen bildeten die bis zur Decke reichenden Gitterstäbe ein Spalier. Zelle reihte sich an Zelle, überall streckten sich Arme in verzweifelten, bittenden und krallenden Bewegungen durch die Spalten. Es mussten Hunderte sein. Tom sah Frauen und Männer, junge und alte gleichermaßen, die schwachen kauerten oder lagen auf dem Boden. Zwischen den Gefangenen entdeckte er auch zahlreiche Kinder, ausgemergelt und krank, und Toms Hals schnürte sich zu.

Während sie sich umsahen, trat der Mann, der Toms Kette erkannt hatte, aus der Zelle, kam auf den Gang und ging zur gegenüberliegenden Zelle, wo er ein paar Arme ergriff, die sich ihm entgegenstreckten. Er drehte sich zu Tom um. Seine Stimme war kratzig und gurgelte. »Nossas Famílias«, brachte er über seine zerschundenen Lippen. »Liberta-nos.«

»Wir sollen sie befreien, sagt er«, erklärte Juli. »Das ist wohl seine Familie. Es sind alles Familien.«

»Deswegen sind sie nicht geflohen. Weil sie zusammenbleiben wollen …« Er holte seine Kamera hervor und wechselte den Akku. Aber Juli fasste ihn an der Schulter. »Mach keine Fotos hier. Es ist so … unwürdig.«

Tom zögerte einen Moment. Dann hängte er sich die Kamera um. »Ja. Und wir haben auch keine Zeit. Wir müssen hier raus, bevor die Wachleute nach dem Rechten sehen.«

Sie gingen den Mittelgang entlang zum Ende des Gewölbes. Eine Stahltür versperrte den Weg. Als Tom sie untersuchte, stellte er fest, dass auch sie unverschlossen war. Wie die Geflohenen es geschafft hatten, ihre Zelle und diesen Raum zu öffnen, blieb vermutlich ein Geheimnis. Aber noch kümmerten sich die Wachleute offenbar um die unmittelbaren Probleme draußen am Zaun.

Sie verließen den Zellentrakt und traten auf einen schmucklosen Gang. Der schlichte Betonboden war sauber, und nachdem sie die Tür hinter sich geschlossen hatten, war der Gestank erheblich erträglicher. Sie gingen an mehreren identischen Stahltüren vorbei, die mit Zahlen beschriftet waren, die man mit einer Schablone und Sprühfarbe aufgebracht hatte.

Tom öffnete eine der Stahltüren. Warme, stinkende Luft schlug ihnen aus der Dunkelheit entgegen. Scharrende und grunzende Geräusche waren zu hören. Tom tastete an der Innenseite der Wand nach einem Lichtschalter. Unter der Decke erwachten flackernd mehrere Leuchtstoffröhren zum Leben und erhellten einen langen Raum von antiseptischer Sauberkeit. Nicht nur die Beleuchtung und der glänzend saubere Boden bildeten einen größtmöglichen Gegensatz zu dem Gewölbe, aus dem sie gerade gekommen waren. Auch war dieser Raum erheblich moderner ausgerüstet. Eine Konsole mit Bildschirm und Schaltern stand direkt neben der Tür, unter der Decke verliefen unzählige chromglänzende Rohre und bildeten ein kompliziertes Geflecht. Im Innenraum befanden sich Pferche aus Stahl, die von den jeweils aus der Decke herabreichenden Rohren mit irgendetwas versorgt wurden. Die Pferche waren regelmäßig angeordnet. Tom zählte vier Reihen mit jeweils sechs oder sieben solchen Gebilden. Als sie näher herantraten, erkannten sie, dass es sich bei den Stahlkonstruktionen um niedrige Käfige handelte, die mit Glaswänden hermetisch versiegelt waren. Und in den Käfigen befanden sich Schweine.