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»Was ist?«, fragte Juli.

»Der Rechner verbindet sich mit dem Netzwerk, noch bevor das Betriebssystem geladen wird. Und dafür verlangt er ein Passwort. Ich komme also gar nicht erst an die Daten ran, die hier drauf sind.«

»Kann man das nicht umgehen?«

»Nicht auf die Schnelle und ohne Zusatzsoftware.«

»Tja«, sagte Juli. »Das hätte man eigentlich erwarten können, dass sie wenigstens ihre Daten einigermaßen sichern.«

»Wenn ich wenigstens eine Bootdisk hätte! Oder eine All-you-can-eat.«

»Was ist denn das?«

»Ist von einem Kollegen von mir. Hat sich einmal jährlich eine aktuelle CD-ROM zusammengestellt mit sämtlichen wichtigen Tools, um auf einem Rechner herumzufummeln, an den man sonst nicht rankommt. Alles, was man nur braucht, auf einer Disk. Daher All-you-can-eat.«

»Vielleicht hilft dir dieser Rechner hier weiter.«

»Hm?«

Tom ging zu Juli hinüber. Sie stand an einem anderen Arbeitsplatz, der mit Papierstapeln und losen Zetteln übersät war. Dazwischen standen zwei leere Kaffeetassen. Die Tastatur lehnte hochkant an einem Papierstapel. Der Flachbildschirm war ausgeschaltet, aber darauf klebte ein großer Post-it-Zettel mit einem handschriftlichen Vermerk: »Don’t turn off! – Não desligar!« Darunter waren ein rotes Ausrufezeichen und ein krakeliger Totenkopf gezeichnet.

Tom blickte unter den Tisch. Auf dem Computergehäuse klebte ein weiterer solcher Zettel, und tatsächlich leuchtete am Rechner ein blaues Licht, und eine andere grüne Lampe blinkte hektisch.

»Super! Genau das, was wir brauchen!«

Tom schaltete den Monitor ein und bemühte sich sofort, die Helligkeit zu reduzieren.

Auf dem Bildschirm erschien eine kleine Anzeige mit einem horizontalen Balken.

»Processing Data«, las Tom vor. »Die Kiste berechnet etwas. Fortschritt siebenundachtzig Prozent. Verbleibende Zeit: Achtzehn Stunden. Tja, das müssen wir jetzt leider abbrechen.«

»Bist du verrückt?«

»Wieso?« Tom bewegte den Mauszeiger auf die Schaltfläche, die für den Abbruch des Vorgangs zuständig war. Dann klickte er darauf. »Wollen Sie wirklich abbrechen? Ja. Und zack.«

»Wer weiß, was du da gerade unterbrochen hast.«

»Ach, dann müssen sie es eben noch mal neu starten. Viel wichtiger ist, dass wir jetzt an die Maschine kommen.«

Tom setzte sich und begann, verschiedene Programme und Speicherorte auf dem Rechner zu durchsuchen.

»Weißt du, was du da tust?«

»Wer suchet, der findet«, meinte er, während er in diversen Menüs des Rechners herumklickte. »Na ja, keine Ahnung, ehrlich gesagt, aber Projektunterlagen, Protokolle und Dokumente sollten eigentlich erkennbar sein. Wir wollen ja keine Spezialdaten klauen, mit denen wir ohnehin nichts anfangen könnten, sondern Präsentationen, Handbücher, Berichte oder etwas in dieser Art, aus dem klar wird, an was die hier eigentlich arbeiten. Und wer diese Leute sind.«

Tom hantierte kurz an seiner Kamera und holte die Speicherkarte heraus. Dann beugte er sich unter den Tisch und schob sie in einen winzigen Schlitz des Rechners.

»Wer sagt’s denn«, rief er aus. »Jetzt können wir einfach alles, was interessant aussieht, auf meine Speicherkarte kopieren und es uns später angucken. Das spart uns Zeit.«

Während Tom mit dem Computer beschäftigt war, schlich Juli durch den Raum und sah sich um, so gut es das spärliche Licht zuließ. Hier arbeiteten Wissenschaftler und Techniker, ohne Frage. Nichts, was zu sehen war, ließ auf die Art ihrer Arbeit schließen. Wenn diese Anlage war, was sie vermuteten, musste es Operationssäle geben und so etwas wie eine Krankenstation. Vielleicht waren sie gar nicht weit davon entfernt, aber sie konnten unmöglich jeden einzelnen Raum untersuchen, den sie fanden. Das wichtigste war, so viele Daten zu sammeln wie nur möglich und unbeschadet hier herauszukommen, um alles den Behörden zu melden. Doch dann stutzte sie. Wen würden diese Dinge hier in Brasilien interessieren? Und wie lange würde es dauern, irgendjemand davon zu überzeugen, hier nach dem Rechten zu sehen? Bis dahin wären die Verantwortlichen längst über alle Berge. Es war sinnlos zu hoffen, dass sie dem Leid hier so schnell ein Ende setzen konnten. Sicher, Unterlagen, Namen und Beweise waren wichtig für alles Spätere. Aber wenn sie hier und heute unmittelbar etwas bewirken wollten, mussten sie selbst tätig werden. Es führte kein Weg daran vorbei. Und so traf Juli eine Entscheidung.

Beim Herumstreifen hatte Juli den Raum durchquert und kam gerade an der Tür vorbei, als sie Schritte auf dem Gang hörte. Kurz darauf flammte die Beleuchtung auf und ließ die Milchglasscheibe der Tür weiß aufleuchten.

Eilig lief sie zu Tom zurück, der in seine Arbeit am Rechner vertieft war.

»Auf dem Flur ist das Licht angegangen«, sagte sie. »Da sind Leute draußen!«

Tom sah hoch. »Scheiße«, entfuhr es ihm. Er sah hektisch zurück zum Bildschirm. »Ich muss noch dieses E-Mail-Archiv kopieren!«

»Dafür ist keine Zeit«, drängte Juli.

»Es ist gleich so weit, noch ein paar Sekunden …«

Juli sah zur Tür. Durch die Scheibe konnte sie zwei Schatten erkennen, die davor haltgemacht hatten.

»Die kommen hier rein«, zischte sie gerade noch, als die Tür auch schon geöffnet wurde. Juli und Tom duckten sich blitzartig.

»I’ll be right back«, hörten sie eine Männerstimme mit starkem Akzent. Dann kamen Schritte näher.

Tom und Juli drückten sich hinter den Tisch. Noch verdeckte sie das große Regal in der Mitte des Raums, aber der Mann würde sie sehen, sobald er herum kam. Sie schoben den Stuhl weg und krochen gemeinsam unter die Tischplatte und so tief nach hinten, wie sie nur konnten. Der Mann suchte offenbar etwas und ging von einem Schreibtisch zum anderen. Direkt vor ihrem Versteck blieb er stehen und zögerte. Tom fluchte innerlich. In der Eile hatte er vergessen, den Monitor auszuschalten.

»Your computer is on, Yuri«, rief der Mann durch den Raum.

»Yes, I know. It’s working. Don’t touch it«, antwortete der andere, der offenbar an der Tür wartete.

Der Mann blieb noch einen Augenblick vor dem Schreibtisch stehen, dann wandte er sich ab und ging weiter. In einiger Entfernung hörten sie ihn in Papieren rascheln, dann wurden seine Schritte leiser, und schließlich hörten sie, wie die Tür geschlossen wurde. Sie waren wieder allein. Kurz darauf erlosch das Licht auf dem Flur.

»Verdammt«, meinte Tom, als sie unter dem Schreibtisch hervorkamen. »Es sind wohl doch noch eine ganze Menge Leute unterwegs.« Er beendete alle Programme, die er auf dem Computer gestartet hatte, versuchte, alles wieder so herzurichten, wie es gewesen war, bis auf den Rechenprozess, den er zu Beginn abgebrochen hatte. Der Besitzer würde sich zwar wundern, was passiert war, aber vielleicht würde er es auf einen Fehler im Programm zurückführen. Tom schaltete den Monitor wieder aus, beugte sich unter den Tisch und entfernte seine Speicherkarte aus dem Rechner.

»So, genug Daten haben wir jetzt. Fast acht Gigabyte an Dokumenten, Präsentationen und vor allem ein komplettes E-Mail-Archiv mit Korrespondenz, Anhängen und Adressen.«

»Gut gemacht!«

»Aber ehrlich gesagt …« Er stockte, als wisse er nicht, wie er es formulieren solle. »Ich weiß nicht, ob das reicht. Ob wir damit etwas bewirken können.«

Juli sah ihn aufmerksam an. Hatte Tom am Ende die gleichen Gedanken wie sie?

»Natürlich wollen wir noch deine Schwester suchen«, fuhr Tom fort. »Jedenfalls so gut wir können. Genug Räume gibt es ja. Aber auch dann … Wir können nicht einfach gehen und hoffen, dass man dieser Sache hier nachgeht. Ich meine, ich werde einen Artikel schreiben, und wir bringen ihn groß raus, und das wird Aufmerksamkeit erregen … Aber schlussendlich ist das hier doch viel zu weit weg von allem, und wer hier arbeitet, ist offenbar in der Lage unterzutauchen und wird kurze Zeit später irgendwo anders ein neues Labor aufbauen …«