»Also … ? Willst du aufgeben?«
»Stell dir vor, wir würden den gleichen Weg zurückgehen, den wir gekommen sind. Vorbei an all diesen entsetzlich missgestalteten und kranken Menschen. Stell es dir nur einmal vor: Wir gehen hindurch, vielleicht deine Schwester im Schlepptau, vorbei an diesen Menschen, die uns ihre Arme entgegenstrecken, die uns anflehen, sie zu retten, und wir gehen an ihnen vorbei und verschwinden durch das Erdloch. Also, ich kann das nicht.«
Juli lächelte, auch wenn sie wusste, dass Tom es nicht sehen konnte.
»Was ich sagen will«, fuhr Tom fort, »ist, dass ich hier nicht unverrichteter Dinge gehen kann. Ich wollte nur herausfinden, was hier läuft, Fotos machen, Belege sammeln. Aber das reicht mir nicht mehr.« Seine Stimme klang nun sehr klar. »Ich möchte diese Menschen befreien. Und ich möchte größtmöglichen Schaden anrichten, um diesen Laden hier kleinzukriegen.«
Juli trat an Tom heran und küsste ihn auf den Mund.
»Lass uns genau das tun«, sagte sie.
Tom wandte sich noch einmal dem Rechner zu, schaltete den Monitor ein und öffnete mit ein paar Mausklicks ein Programm.
»Wer so blöd ist, nicht einmal einen Bildschirmschoner mit Passwortschutz einzurichten, der muss bestraft werden«, sagte er. »So, fertig.« Auf dem Bildschirm war zu sehen, dass der Rechner nun etwas verarbeitete.
»Was hast du gemacht?«
»Ich habe den Computer angewiesen, seine Daten zu überschreiben und dann seine Festplatte neu zu formatieren. Ist natürlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein, aber zumindest an diesem Arbeitsplatz wird vorläufig gar nicht mehr gearbeitet werden. Wenn der seine Daten nicht im Netzwerk gesichert hat, sind sie auf Nimmerwiedersehen futsch. Und nun los. Wir haben noch einiges vor.«
Sie verließen den Raum, schlichen sich auf den Flur und eilten durch das gedämpfte Licht. Sie blieben erst stehen, als sie eine Tür mit der Aufschrift »Surgery« lasen: Chirurgie.
Sie betraten einen kargen Trakt des Gebäudes. In der Luft hing ein Geruch nach frischem Gummi und Chlor. Auch hier brannte nur eine sparsame Nachtbeleuchtung.
»Okay, jetzt wird’s spannend«, sagte Tom. Er versuchte, sich einzureden, dass er einer heißen Fährte folgte, dass sie großartige Entdeckungen machen würden. Aber tatsächlich war dieses der Teil des Gebäudes, von dem er am liebsten am weitesten entfernt wäre. Der Gestank, der Unrat und die verformten und mit Geschwüren übersäten Menschen im Keller stellten schon die Grenze dessen dar, was er ertragen konnte. Aber was er sich am wenigsten ausmalen mochte, das waren Krankenhäuser, Skalpelle, Knochensägen, geöffnete Bauchhöhlen, Operationen am pulsierenden Herzen, Blut und abgetrennte Körperteile, die von Gliedmaßen zu Fleischklumpen wurden. Und trotzdem mussten sie auch hier nach Julis Schwester suchen. Vielleicht sogar gerade hier.
»Vielleicht solltest du die Führung übernehmen«, schlug er Juli vor. »Du kennst dich mit solchen Sachen besser aus.«
Die ersten beiden Räume, die sie sich ansahen, waren Krankenzimmer mit jeweils vier Betten, die an hochmoderne Ausrüstung angeschlossen waren. Die Geräte waren nicht eingeschaltet, aber Juli erklärte, dass man hiermit Vitalfunktionen überwachen konnte. Außerdem gab es Beatmungsgeräte, Defibrillatoren und Monitore.
»Willst du das fotografieren?«, fragte Juli.
»Es ist zu dunkel, und ich will uns nicht durch das Blitzlicht verraten. Wer weiß, von wo man es sehen könnte.«
Sie setzten ihren Weg fort und kamen in ein chromglänzendes Labor, das von Stahlschränken dominiert wurde. Einige erinnerten beunruhigend an liegende Sarkophage, andere standen an der Wand. Juli öffnete einen davon. Eine Wolke kalten Dampfes waberte ihr entgegen. Aus dem Eisnebel ragten weiß verkrustete Behälter und Reihen von Reagenzgläsern heraus.
»Hier werden Proben aufbewahrt«, erklärte Juli. »Gewebe, Blut, Samen, solche Sachen.«
Juli wies auf einen anderen der Schränke, der ein Warnzeichen mit der Aufschrift »Biohazard« trug.
»Den dort sollten wir in Ruhe lassen. Da sind gefährliche biologische Substanzen drin. Vielleicht kontaminiertes Material, Bakterienkulturen. Viren oder Impfstoffe.«
Tom sträubten sich die Nackenhaare. Was diese Leute hier trieben, ging offenbar weit über reguläre medizinische Arbeit hinaus. Vielleicht waren die Menschen im Keller allesamt infiziert? Vielleicht hatten er und Juli sich schon längst mit exotischen Urwaldviren angesteckt. Er bekam das dringende Bedürfnis, diesen Ort auf schnellstem Weg zu verlassen, sich zu duschen oder, besser noch, sich untersuchen zu lassen. Der Gedanke, dass ein tödlicher Erreger sich vielleicht in diesem Moment schon durch sein Blut oder sein Gehirn fraß, ließ ihn erschaudern.
Sie verließen das Labor und untersuchten den nächsten Raum. Es war ein Umkleideraum mit Spinten und Waschbecken. Tom ahnte, wo es von hier aus hinging, und tatsächlich gelangten sie hinter dem nächsten Durchgang in einen Operationssaal. Er war kalt, roch metallisch nach Desinfektionsmitteln, und er war von gewaltigem Ausmaß. An vier voluminösen OP-Tischen, die von übergroßen Scheinwerfern überragt wurden, konnte hier gleichzeitig gearbeitet werden, ohne dass sich die Teams gegenseitig behindern würden. Der Boden war gefliest, Abflussrinnen führten zu einer Senke in der Mitte des Raums, die mit einem kleinen Gitter bedeckt war.
»Raus hier«, murmelte Tom.
»Hm?«
»Lass uns raus hier«, wiederholte Tom etwas deutlicher. »Das hier ist nichts für mich …«
Juli führte Tom aus dem OP. Sie wusste inzwischen, dass er in mancher Hinsicht empfindlicher war als sie, und sie rechnete es ihm hoch an, dass er sich trotzdem mit ihr durch diese Anlage schlich, um Marie oder Hinweise auf ihr Verschwinden zu finden.
Vom Operationssaal aus gelangten sie in einen Flur, von dem aus zahlreiche Türen abzweigten, über denen jeweils eine kleine grüne Lampe pulsierte. Die Schilder neben den Türen enthielten unerklärliche Begriffe und Codezahlen, die wie Seriennummern aussahen.
Juli legte ihre Hand auf eine Türklinke und sah Tom an. »Sollen wir?«
»Wir müssen.«
Der Anblick, der sich ihnen bot, erinnerte an eine Mischung aus Intensivstation und Hightech-Labor. Unerklärliche Gerätschaften gaben leise piepsende Geräusche von sich, diverse Konsolen erhellten den Raum mit bläulich schimmernden Monitoren und regelmäßig blinkenden Lämpchen. Als sie näher traten, erkannten sie, dass sich die technische Ausrüstung um ein zentrales Objekt gruppierte. Es war ein gläserner Tank, zwei Meter lang, einen Meter breit und hoch, und darin lag ein Mensch. Es war ein nackter Mann, der in einer klaren Flüssigkeit schwamm oder in einem Gel, denn offenbar war die Flüssigkeit in der Lage, ihn darin schweben zu lassen. Der Mann trug eine Maske, die sein Gesicht vollkommen bedeckte. Von ihr gingen zahlreiche Kabel und Schläuche zum inneren Kopfende der Wanne ab. Oberhalb des Schambeins führte ein Katheter in den Körper. Auf der Brust des Mannes war ein frischer, senkrecht verlaufender Schnitt zu sehen. Die Haut war zur Mitte hin gespannt und mit Metallklammern zu einer gewölbten Naht zusammengeführt. Die Wunde war weder verkrustet noch unterlaufen, sondern sah ungewöhnlich weich und sauber aus, als hätte man lediglich zwei dünne Gummimatten zusammengeheftet.
»Lebt er?«, fragte Tom, obwohl ihm die Geräte um sie herum eine Antwort nahelegten.
»Er scheint in einer Art künstlichem Koma zu liegen. Jedenfalls sagen mir das die Werte dort auf dem Monitor. Ich frage mich, wozu die Flüssigkeit dient. Wasser scheint es jedenfalls nicht zu sein.«
»Hast du denn so was nicht schon mal gesehen?«
»Nicht nur noch nie gesehen, ich habe von so was noch nicht einmal gehört! Ich kenne japanische Versuche, in denen Ziegenembryos über Monate hinweg in einer Art künstlichem Fruchtwasser bis hin zu einer geburtsreifen Babyziege entwickelt wurden. Also außerhalb eines echten Körpers. Aber das hier muss irgendetwas anderes sein …«