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Tom schwieg.

Der Mann zog an seiner Zigarette. »Nun, das klären wir vielleicht später, nicht wahr? Wie gefällt Ihnen unser Labor?«

»Es ist entsetzlich!«, platzte Juli heraus.

»So, entsetzlich?« Der Mann schmunzelte. »Dabei haben Sie nicht einmal die Hälfte gesehen. Ich gebe zu, dass es auch einige unschöne Anblicke gibt. Das hat die Biologie so an sich. Gewebe, Sekrete und so weiter. Aber wissenschaftlich betrachtet, ist diese Anlage ein Wunder. Wissen Sie, was wir hier tun?«

»Sie machen Menschenversuche«, antwortete Juli.

Der Mann schüttelte den Kopf. »Nein, wir verändern die Welt. Sehen Sie, das ist der Unterschied zwischen Wissenschaftlern und normalen Menschen wie Sie, Ihr Freund dort oder ich. Ich schließe mich da durchaus mit ein, schließlich habe ich das auch erst gelernt. Während normale Menschen ihr direktes Umfeld erfassen, denkt die Wissenschaft in viel größeren Zusammenhängen.«

»So groß können Zusammenhänge nicht sein, dass sie die Moral außer Kraft setzen könnten«, hielt Juli dagegen.

»Moral?« Der Mann lachte auf. »Etwas Besseres fällt Ihnen nicht ein? Das ist es, was ich meinte, als ich sagte, Menschen beschränkten sich auf ihr direktes Umfeld. Mit Moral können Sie in jede Argumentation einsteigen, gewinnen werden Sie damit aber niemals. Ist es gegen die Moral, Medikamente an einem Dutzend Tieren zu testen, um damit Tausende von Menschen zu retten? Ist es gegen die Moral, einen Menschen zu töten, der ansonsten Zehntausende in den Krieg führen würde? Ein Dilemma, dem Sie, Frau Thomas, mit Ihrer eingeengten Betrachtungsweise nicht entfliehen können. Wie niemand in der christlichen Welt. Wäre es denn nicht auch gegen die Moral, ein Menschenopfer zu fordern, um Loyalität auf die Probe zu stellen? Und wäre es nicht auch unmoralisch, den eigenen Sohn am Kreuz sterben zu lassen, um die Menschenrasse zu erlösen?«

Luc stand auf und ging auf Juli und Tom zu.

»Nein, mit Moral werden Sie nicht weiterkommen. Wie auch die Menschheit nicht weiterkommt. Die ganze Wissenschaft wäre schon erheblich weiter, wenn wir uns nicht von moralischen Fragen bremsen lassen würden. Sie sind das Einzige, das zwischen uns und den größten Errungenschaften stehen. Errungenschaften, die unser aller Leben, das von Millionen und Milliarden Menschen verbessern könnte. Leben retten könnte. Nur, indem wir uns von moralischen Betrachtungen befreien, indem wir ungehemmt über das ›Waswärewenn?‹ nachdenken und mutig handeln, können wir unser Potenzial befreien.«

»Waren Sie früher einmal Wanderprediger?«, fragte Tom. Aber der Mann ignorierte ihn.

»Aber natürlich haben Sie keine Ahnung, was wir hier leisten, dafür war Ihr Besuch ja bisher viel zu kurz. Ich erzähle Ihnen einfach ein bisschen. Ich weiß natürlich, dass es schon spät ist. Bitte unterbrechen Sie mich, wenn Sie das Gefühl haben, ich würde Sie langweilen. Ja?«

Er lächelte und sah von einem zum anderen.

»Gut, Ihr Schweigen fasse ich als Interesse auf.« Er ging zum Schreibtisch zurück und setzte sich dort wieder auf die Ecke der Tischplatte. »Ich würde Ihnen gerne eine tolle multimediale Präsentation vorführen oder mit Ihnen eine Tour durch unsere Labore machen. Aber wie mir scheint, sind Sie beide etwas zart besaitet, sodass es vermutlich wenig gewinnbringend wäre. Bleiben wir also hier in diesem Büro. Und am Ende des Gesprächs überlegen wir gemeinsam, wie es weitergehen soll, einverstanden?«

Er drehte sich halb herum und drückte seine Zigarette in einem Aschenbecher aus.

»Angefangen hat unsere Arbeit bereits vor Jahrzehnten. Damals mit Grundlagenforschung, wenn Sie so wollen. Und noch dazu zunächst auf einem ganz anderen Gebiet: Krebsforschung. Wir investieren auch heute noch viel in diesen Sektor, müssen Sie wissen. Krebs. Der ewige Feind des Menschen, nicht wahr? So unendlich viele Formen bösartiger Wucherungen, die erst einzelne Organe befallen und dann den ganzen Körper mit Metastasen überschwemmen und auffressen.

Wie verhindert man das Wachstum ausgerechnet dieser Zellen, wie findet man einen Wirkstoff, ein Werkzeug, das nichts anderes schädigt und ganz selektiv nur das vernichtet, das uns schadet – obwohl auch das nichts anderes als lebendes, wachsendes, körpereigenes Gewebe ist? Ein Stein der Weisen ist bisher nicht gefunden, auch von uns nicht, und neben unzähligen Therapieformen, die in nur wenigen Fällen anschlagen, bleibt im Grunde der nachhaltigste Eingriff der, das befallene Gewebe – oder Organ – einfach zu entfernen.

Aber man kann nicht einfach Blasen, Hoden, Nieren, Lungen, Blut und alles, was von Krebs befallen wird, nach und nach entfernen, bis nur noch eine menschliche Hülle übrig ist. Die entsprechenden Teile müssten schließlich auch ersetzt werden. Dass dies nicht nur medizinisch problematisch ist, wissen Sie selbst. Es gibt schlicht nicht ausreichend Ersatzorgane auf der Welt, nicht einmal für diejenigen Menschen, die bereits monate- und jahrelang auf ein neues Herz hoffen. In Osteuropa, Afrika und Asien blüht der Schwarzmarkt mit illegalen Organen, die in Krankenhäusern Lebenden und Toten entfernt und unter der Hand weiterverkauft werden.

Also haben wir vor einigen Jahren einen Forschungszweig eröffnet, der sich mit der Frage beschäftigt, wie Ersatz für menschliche Organe geschaffen werden könnte. Sicher haben Sie von der Stammzellenforschung gehört. Sehr viel Genetik, sehr technisch und auch heute noch leider sehr theoretisch. Sie als Medizinerin, Frau Thomas, sind ja informiert, aber Herr Hiller weiß es vielleicht nicht: Zellen im Körper sind hochspezialisiert. Aber Stammzellen enthalten die Anlagen, sich zu jeder möglichen anderen Zelle zu entwickeln. Die Idee ist also, Stammzellen eines Patienten zu vervielfältigen und sie dazu zu bringen, sich zu exakt den Zellen und dem Zellenverbund, dem Organ, zu entwickeln, das man benötigt. So könnte man aus Ihren Stammzellen ein neues Herz züchten oder einen neuen Lungenflügel, und es bestünde aus Ihrem eigenen Gewebe, man könnte es Ihnen einpflanzen, und es würde sich nahtlos in Ihren Körper einfügen. Ist das nicht grandios?«

Wieder lächelte Luc breit, als freue er sich selbst darüber. Dann verzog er den Mund.

»Leider funktioniert es heute noch nicht. Und auch wenn Sie in der Presse einmal Bilder von Mäusen gesehen haben, denen menschliche Ohren aus dem Rücken wachsen, sind das eher universitäre Experimente und taugen bestenfalls für ein Kuriositätenkabinett. Von nutzbringender und vor allem im großen Maßstab umsetzungsfähiger Wissenschaft ist das so weit entfernt wie die Lupe in Ihrem Taschenmesser vom Hubble-Weltraumteleskop.«

Juli rutschte auf ihrem Stuhl nach vorn und wollte etwas einwenden, aber Luc hob eine Hand.

»Ja, ich weiß, ich strapaziere Ihre Geduld. Ich komme gleich zum Punkt. Also: Stammzellenforschung, um Organe zu züchten, ist vorläufig keine Alternative. Aber sie war uns nützlich, wenn auch auf eine andere Weise.

Wir haben nach neuen Wegen gesucht, Organe zu beschaffen, und dabei Forschungen aus den Achtzigerjahren aufgegriffen. Nun kommen wir zu dem Stichwort, auf das Sie warten, Frau Thomas: Xenotransplantation. Die Verpflanzung von tierischem Gewebe und tierischen Organen in den Menschen. Ohne Frage wären solche Organe viel leichter und in erheblich größerer Menge verfügbar. Schon heute züchten wir Millionen von Tieren als Rohstoffproduzenten. Wir benötigen sie für Mich, Eier, Fleisch, Wolle, Leder, unendlich viele Dinge – ohne Tiere in Massen zu halten und zu züchten, wäre unser Leben heute nicht denkbar. Also statt sie zu essen, warum nicht ihre Organe für andere Zwecke verwenden? Dieser prinzipielle Gedanke dürfte für niemanden abwegig sein. Widersprechen Sie mir, wenn Sie denken, dass die Verwertung von Tieren als solches etwas Unnatürliches wäre.«