Tom hörte dem Mann zu, der sein Programm wie ein perfekt geschulter Verkäufer abspulte. Trotz seines gepflegten Aussehens und seiner flüssigen Ausdrucksweise umgab ihn eine Aura, wie er sie von manchen Cholerikern kannte. Bei aller vorgeblichen Freundlichkeit gärte etwas unter der Oberfläche, jederzeit bereit, hervorzubrechen. Diesem Mann zu widersprechen, würde nur so lange gut gehen, wie dessen unvorhersehbare Laune mitspielte. Und mit zwei bewaffneten Schlägertypen zu beiden Seiten wollte Tom ungern herausfinden, wie lange das war. Er hatte Pläne, und solange er denken und sich bewegen konnte, waren sie nicht vergessen. Also sollte der Mann alles erzählen, was er erzählen wollte. Es würde ihnen Zeit verschaffen und vielleicht sogar hilfreiche Informationen.
In der Zwischenzeit hatte Luc sich eine weitere Zigarette angesteckt.
»Da sehen Sie es, es gibt nichts zu widersprechen«, sagte er. »Tiere können verwertet werden. Wir tun es schon heute überall, auf der ganzen Welt. Aber ganz so einfach ist es natürlich nicht, wie Sie sich denken können. Zunächst einmal müssen Tiere gefunden werden, deren Organe überhaupt dieselben Funktionen übernehmen wie unsere eigenen. Die vier Mägen einer Kuh erfüllen andere Funktionen als der Magen eines Menschen, sie würden uns nichts nützen – abgesehen davon, dass in einem Mensch nicht genug Platz wäre und es gesellschaftlich fragwürdig wäre, wenn Sie Ihre Pizza im Restaurant hochwürgen und wiederkäuen würden.«
Er lachte laut auf und störte sich einige Momente lang nicht daran, dass Juli und Tom seinen Witz in keinster Weise zu würdigen wussten. Dann wurde er schlagartig wieder ernst.
»Also, nicht jedes Tier hat Organe, die mit unserem System kompatibel sind. Es gibt aber noch eine viel größere Schwierigkeit. Denn der menschliche Körper ist intelligent genug, fremdes Gewebe zu erkennen und zu bekämpfen. Das ist schon bei den unterschiedlichen Blutgruppen unter uns Menschen so, und auch transplantierte Organe von anderen Menschen müssen vielen Kriterien entsprechen, sonst werden sie abgestoßen. Transplantationspatienten müssen viele Medikamente schlucken, um ihr eigenes Immunsystem davon abzuhalten, das eingepflanzte Organ zu bekämpfen. Von tierischem Gewebe natürlich ganz zu schweigen. Wenn Sie das Herz eines Pavians in die Brust eines Kindes setzen, wird es schwarz und fault Ihnen unter den Fingern weg. Nun, und das Kind wird dabei natürlich sterben, was man ja eigentlich vermeiden möchte.
Also liegt die Lösung des Problems logischerweise drin, entweder die Organe so anzupassen, dass sie vom Menschen akzeptiert werden, oder den Menschen so anzupassen, dass er die Organe nicht abstößt. Habe ich nicht recht?« Er wartete nicht auf eine Antwort, bevor er fortfuhr. »Mit unserer Forschung tun wir beides zugleich. Im Kellergeschoss dieser Anlage züchten wir unter anderem Schweine. Ihre Organe sind dem Menschen erstaunlich ähnlich. Es sind allerdings keine normalen Schweine. Ihr genetisches Erbgut ist modifiziert worden. Fragen Sie mich nicht nach Details, ich verstehe davon zu wenig. Nun, und zugleich haben wir Methoden entwickelt, in das Erbgut des Menschen so einzugreifen, dass sich sein Immunsystem wandelt und die tierischen Organe akzeptiert. Und voilà, wir können erfolgreich die Niere eines Schweines in den Körper eines Menschen einpflanzen.«
Nun schwieg Luc zum ersten Mal längere Zeit und sah Tom und Juli eindringlich an.
»Warten Sie auf eine Antwort?«, fragte Tom schließlich.
»Dann hätte ich wohl etwas gefragt, nicht wahr? Ich warte auf Ihre Reaktion. Die neuen Möglichkeiten, die sich uns nun eröffnen, müssten Sie begeistern.«
»Was Sie hier tun, ist pervers«, stieß Juli hervor. Tom sah zu ihr hinüber und legte eine Hand auf ihr Bein, um sie zu beruhigen. Doch Juli beachtete ihn nicht.
»Pervers, sagen Sie? Warum denken Sie das?« Luc legte die Stirn in Falten. Seine Frage klang ehrlich interessiert.
»Tun Sie nicht so, als hätten wir Ihre unmenschlichen Experimente nicht gesehen! Missgestaltete Menschen voller Elektroden in gläsernen Tanks und bei lebendigem Leib aufgeschnitten. Ist das etwa völlig normal für Sie?«
»Sicher ist Ihnen bewusst, dass man einen Körper öffnen muss, um eine Transplantation vorzunehmen. Und die Tanks enthalten eine spezielle von uns entwickelte Nährflüssigkeit mit wachstumsbeschleunigenden Mitteln. Sie ermöglichen die zügige Modifikation des Immunsystems und unterstützen den Heilungsprozess. Sehen Sie sich Lazaro an.« Er wies auf den Wachmann neben Juli. Es war der Glatzkopf, den sie schon kannten. »Er stammt ursprünglich aus dieser Gegend hier, wussten Sie das? Als er zu uns kam, war er unterernährt und anämisch. Er litt an einem angeborenen Herzfehler. Es war nicht länger in der Lage, den Belastungen eines erwachsenen Körpers standzuhalten. Also haben wir ihn hier operiert. Lazaro, zeig unseren Gästen bitte deine Brust. Du kannst die Waffe so lange beiseitestellen, ich bin sicher, es ist kein Problem.«
Der grobschlächtige Mann behielt seine Waffe in der linken Hand, während er mit der rechten sein Hemd am unteren Saum ergriff und es nach oben zog. Sein Oberkörper war stark behaart. Unnatürlich stark und borstig.
»Keine OP-Narbe, wie Sie sehen«, sagte Luc. »Erstaunlich, nicht wahr? Und doch haben wir ihn operiert. In seiner Brust schlägt seit drei Jahren das Herz eines Ebers. Durch unsere Behandlung ist Lazaro nicht nur vollkommen regeneriert, sein Herz ist sogar besonders kraftvoll. Auch sein Blut haben wir verbessert, es kann mehr Sauerstoff aufnehmen und transportieren als herkömmliches menschliches Blut. Lazaro wurde nicht nur geheilt, wir haben mit ihm den Prototyp eines leistungsfähigeren Menschen erschaffen und ihm einen neuen Namen und eine neue Bestimmung gegeben. Und dafür ist er uns dankbar.«
»Sie erschaffen Hybriden aus Menschen und Tieren. Sie spielen Gott!« Juli spuckte die Worte geradezu aus.
»Es gibt keine Veranlassung, theatralisch zu werden, Frau Thomas. Sehen Sie, die konventionelle Medizin beschränkt sich heute darauf, Krankheiten zu heilen und zerstörte Zähne oder Knochen wiederherzustellen oder durch Prothesen zu ersetzen. Aber es ist immer nur Flickwerk, kaum ein künstlicher Ersatz kann bisher an die Leistung des Originals heranreichen. Dabei gibt es ausreichend Materialien, die durchaus stabiler wären, wie Teflon, Keramik oder Platin, und vor allen Dingen unempfindlich gegen Krankheiten, Karies, Bakterien, Knochenkrebs. Technisch könnten wir schon längst in der Lage sein, Menschen erheblich zu verbessern, auch wenn Sie es dann die Erschaffung von Cyborgs nennen würden. Was die Entwicklung hemmt, sind wie immer die sinnlosen moralischen Bedenken. Wir haben uns davon befreit, und statt auf Maschinen und künstliche Bauteile zu setzen, greifen wir auf die Vielfalt und Genialität der Natur zurück. Wir verwenden nur organische Elemente und fügen sie optimal zusammen, um etwas Neues und Verbessertes zu schaffen. Es ist nicht anders als beim Kochen, wenn Sie so wollen. Auch Kartoffeln wuchsen ursprünglich nicht in Europa, und die Natur hat ihnen auch keine Bratensoße integriert. Dennoch kochen und essen wir beides zusammen, wir haben eine neue Kombination geschaffen, die besser schmeckt und gut für uns ist.«
»Sie haben vollkommen den Verstand verloren«, sagte Juli halblaut und schüttelte den Kopf.
Luc sah sie einen Moment lang unschlüssig an. Dann wandte er sich an Tom.
»Sie scheinen mir ungewöhnlich schweigsam. Und das, obwohl Sie Journalist sind und viele Fragen haben müssten. Sind Sie nicht auch begeistert, wenn Sie an die neuen Möglichkeiten denken, die sich uns nun erschließen?«
»Im Augenblick denke ich nur an die verkrüppelten und missgestalteten Menschen, die ganz offensichtlich Ergebnisse Ihrer fehlgeschlagenen Experimente sind.«
»Nun, dann haben Sie offenbar nicht richtig verstanden, was ich vorhin erklärt habe. Sie befinden sich noch in Behandlung.«
»Ich meine …« Tom stockte. Ihm wurde plötzlich bewusst, dass Luc sich nur auf die Menschen in den Laboren bezog. Offenbar kam er gar nicht auf die Idee, dass Tom die Entstellten im Keller meinen könnte. Vielleicht wusste er also gar nicht, dass er und Juli sie gesehen hatten, dass sie von dort gekommen waren – und dass dort noch immer ein Weg nach draußen führte. »Es sah jedenfalls sehr schmerzhaft aus«, fuhr er daher fort.