Tom ging zum Gebäude des DLRG und trat durch die offen stehende Tür.
»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte ein junger Mann.
»Ja, ich habe mich gestern mit einem Ihrer Kollegen unterhalten. Etwas größer als Sie, kurze blonde Haare, Medizinstudent. Ist er hier?«
»Sie meinen vermutlich Frank. Oder Robert, der studiert auch Medizin, meine ich. Sind aber beide heute nicht hier.«
»Gibt’s vielleicht eine Möglichkeit, die beiden zu erreichen? Eine Handynummer oder so?«
»Die Privatnummern dürfen wir nicht rausgeben. Ich kann sie höchstens selbst anrufen und ihnen sagen, dass Sie sie sprechen möchten … Um was geht es denn?«
»Ich war gestern hier, als der Fuß angespült wurde. Der Artikel und das Foto sind von mir. Ich hätte noch ein paar Fragen gehabt.«
»Dann sind Sie Journalist, hm? Aber die Polizei war gestern schon hier, nachdem wir den Vorfall gemeldet hatten. Die kümmert sich darum.«
»Wissen Sie denn, was mit dem Fuß passiert ist?«
»Den haben sie mitgenommen, um ihn zu untersuchen. Müssen ja herausfinden, von wem er ist. Ich glaube, sie wollten auch DNA-Analysen von Gewebeproben machen lassen oder so was.«
»Sie haben vermutlich keine Ahnung, wo, oder?«
»Nein, das müssen Sie die Polizei fragen. Aber wissen Sie denn, was es mit dem Fuß auf sich hat? Scheint ja recht wichtig zu sein, hm? Heute war schon eine Frau hier, die wollte das Gleiche wissen.«
Ärgerlich!, dachte Tom. »Hat sie gesagt, von welcher Zeitung sie kam?«
»Nein. Aber wenn’s Ihnen um eine Story geht, sollten Sie sich jetzt beeilen. Immerhin hat sie eine gute Stunde Vorsprung.«
Tom machte sich nicht die Mühe, in die Stadt zu fahren, um der Sache nachzugehen. Stattdessen rief er bei der für Öffentlichkeitsarbeit zuständigen Stelle der Hamburger Polizei an und fragte sich durch. Schließlich hatte er jemand gefunden, der den Vorfall kannte und dem erklärte er, er wolle einen Bericht über die Sache schreiben, und ob es eine Möglichkeit gäbe, das fragliche Leichenteil einmal zu sehen. Natürlich stand das außer Frage, aber die Antwort war trotzdem hilfreich: Der Fuß oder das, was davon übrig war, befand sich im Rechtsmedizinischen Institut des Universitätsklinikums Eppendorf zur Analyse. Das war alles, was Tom wissen wollte.
Kurz nachdem Tom das Gespräch beendet hatte, erhielt Hauptkommissar Berger ein Memo per E-Mail. Er öffnete die Nachricht, überflog den Inhalt und verzog das Gesicht. Dann machte er sich einige Notizen. Er setzte eine Anweisung auf, ihm die verfügbaren Informationen über Tom Hiller zusammenzutragen. Schließlich schrieb er eine weitere E-Mail. Sie war adressiert an den Polizeipräsidenten und an dessen direkten Vorgesetzten, den Hamburger Innensenator. Berger hoffte, dass die Nachricht ihre Wirkung nicht verfehlte und die richtigen Räder in Bewegung setzen würde.
Eine dreiviertel Stunde später lief Tom über das weitläufige Gelände des Universitätsklinikums und suchte Haus N81. Zwischen den zahllosen Bürogebäuden und Grünflächen durchquerten zahlreiche Straßen und sogar ein Shuttlebus die Anlage. Das Gelände war so groß, wie man es sonst nur von geschlossenen Industriekomplexen kannte.
Am zweistöckigen Gebäude des Rechtsmedizinischen Instituts erwartete ihn eine mit Chipkarte gesicherte Glastür, die ihm ein Pförtner von innen mit einem Summer öffnete.
Als Tom an den Empfangstresen trat, war dort bereits eine junge Frau im Gespräch. Er blieb ein Stück weit zurück und sah sich um. Das Ganze wirkte eher wie eine Behörde als wie ein Gebäude, in dem Leichen aufgeschlitzt und zerteilt wurden. Tom war nicht zimperlich, aber der Gedanke daran ließ einen Schauer über seinen Rücken laufen. »… ist der Fuß denn hier eingetroffen?«
Tom fuhr herum. Sprach die Frau über den Fuß?
»Du weißt doch, dass ich darüber keine Auskunft geben darf«, antwortete der Mann hinter dem Tresen.
»Mensch, Frank, du kennst mich doch. Ich möchte nur wissen, wer daran arbeitet.«
Der Mann schüttelte den Kopf. »Ich kann dir echt nicht helfen. Vielleicht, wenn du Professor Heide fragst, aber der ist erst morgen wieder da.«
Die Frau blieb noch einen Augenblick unschlüssig stehen.
»Wirklich, Juli«, wiederholte er. »Komm einfach morgen noch mal, dann kann ich den Professor für dich erreichen.«
»Na gut.« Sie nickte. »Danke trotzdem.« Dann wandte sie sich um und wäre beinahe mit Tom zusammengestoßen. Dabei rutschte ihre Tasche von der Schulter und fiel zu Boden. Ein Stapel Zeitschriften, Blöcke und allerlei kleinere Utensilien schlitterten heraus.
»Oh, tut mir leid«, sagte Tom. Er bückte sich und half ihr dabei, die Gegenstände einzusammeln. Sofort fielen ihm einige Details auf: Harvard Business Manager, Spektrum der Wissenschaft, Newsweek. Spiralblöcke mit gelochtem Rand, ein abgegriffenes Moleskine-Notizbuch, ein Federmäppchen, ein Portemonnaie, ein Handy. Keine losen Accessoires wie Lippenbalsam, Handcreme, Bürste oder Tampons. Vermutlich eine dieser unausstehlich streberhaften Studentinnen, die zum Lachen in den Keller gingen und lieber als Mann auf die Welt gekommen wären.
»Danke«, sagte die junge Frau, während sie die Sachen entgegennahm und alles wieder einpackte. Sie nickte ihm noch einmal zu, dann ging sie zur Tür.
»Warten Sie!«, rief Tom ihr hinterher, der noch ein Streichholzbriefchen auf dem Boden entdeckte. »Hier sind noch Ihre Streichhölzer.«
Sie drehte sich um, zögerte offenbar, ob sie noch einmal zurückkommen sollte, winkte aber schließlich ab. »Danke, aber … ach, behalten Sie sie ruhig.« Dann war sie verschwunden.
Tom zuckte mit den Schultern. Er lehnte sich mit einem Arm auf den Empfangstresen, sah der Frau durch die Glasfront hinterher und wandte sich dann wie beiläufig an den Portier.
»Sind eigentlich alle hinter diesem verdammten Fuß her? Kaum steht mal was in der Zeitung … unfassbar.« Er setzte eine ernste Miene auf. »Tom Hiller. Doktor Hiller. Professor Heide schickt mich«, erklärte er dann. »Er möchte die Befunde über diesen Fuß vom Elbstrand geschickt bekommen. Per Mail oder Fax. An wen muss ich mich wenden?«
Der Mann sah ihn ausdruckslos an. »Ich sage ihm Bescheid«, meinte er. »Dann kann er selbst runtergehen und sie sich im Labor abholen.«
»Abholen? Aber wieso ist er hier? Er hat mich doch vor einer halben Stunde angerufen …?«
»Wohl kaum.«
»Aber Sie haben doch eben selbst gesagt, dass er erst morgen zurückkommt.«
»Weil er den ganzen Tag in einer Sitzung im ersten Stock ist.«
»Dann …«, Toms Gedanken kreisten wild. »Dann hat er mich vermutlich auch gar nicht angerufen …?«
»Vermutlich.«
Tom schlug mit der Hand auf den Tresen und sprach halblaut zu sich selbst. »Verdammt, Denis, du Bastard.« Und wieder an den Portier gerichtet: »Tut mir leid, mein Kollege aus der Urologie hat sich wohl einen Spaß erlaubt. Macht er öfter, seit er mich mal untersucht hat. Hat vermutlich tiefenpsychologische Gründe. Neidreaktion, wissen Sie.«
Der Portier reagierte nicht.
Tom verzog den Mund zu einem künstlichen Grinsen, dann verließ er das Gebäude und machte sich auf den Weg in seine Wohnung.
Tom lehnte sich zurück und streckte sich. Die Recherche im Netz hatte ihm keine brauchbaren Hinweise geliefert. Ähnliche Fälle gab es in Hamburg keine, und auch über die seltsame Violettfärbung des Fleisches war nichts in Erfahrung zu bringen. Er würde einen Experten zurate ziehen müssen. Dazu war es nun allerdings zu spät.
Er stand auf, ging zum Kühlschrank und holte sich ein Bier. Zurück im Wohnzimmer steckte er sich eine Zigarette an. Dabei fiel sein Blick auf das Streichholzheftchen, das ihm die Frau im UKE überlassen hatte. Eine Mobilnummer stand auf der Rückseite.