»Auch die Wahrheit ist manchmal schmerzhaft, Herr Hiller, und dennoch ist sie wichtig, Ihnen doch ganz besonders, aus beruflichen Gründen sozusagen. Nun kennen Sie die Wahrheit über unsere Forschung.« Luc sah von Tom zu Juli und wieder zurück. Er machte eine einladende Geste. »Deswegen waren Sie ja auch hierhergekommen. Sie sehen also, ich helfe Ihnen gerne weiter. Aber werden auch Sie mir im Gegenzug weiterhelfen? Es gibt nämlich noch eine weitere Wahrheit, auch die müssen Sie kennen. Wir sind in einer empfindlichen Phase unserer Forschung, und wir können zurzeit keine Störungen von außen gebrauchen. Damit möchte ich sagen: Ich kann Ihnen nicht gestatten, nach Hamburg zurückzukehren und von dieser Einrichtung zu berichten. Verständlicherweise, wie ich hoffe.« Er lächelte. »Wie geht es also weiter, hm? Frau Thomas, haben Sie eine Idee? Einen Vorschlag? Wissenschaftliche Mitarbeit vielleicht?«
Juli funkelte ihn an. »Ganz sicher nicht!«
Luc nickte. »Ich verstehe. Und Sie, Herr Hiller? Interessieren Sie sich für unsere Forschung? Sie sind Journalist, also könnten Sie helfen, zu dokumentieren. Es müssen viele Berichte für unsere Investoren geschrieben werden. Und was unsere Wissenschaftler verfassen, ist niemandem zumutbar, es müsste redigiert und aufbereitet werden. Und Fotos könnten Sie dabei auch machen. Nun?«
Aber Tom schüttelte den Kopf. »Sieht schlecht aus, Luc. Meinetwegen können Sie sich Ihre Berichte in den Arsch schieben.«
Der Mann zuckte mit den Augenbrauen, aber zu Toms Enttäuschung blieb er ruhig.
»Nun, ich hatte im Grunde nichts anderes erwartet«, sagte er. »Meine Leute werden Sie jetzt abführen. Dann schauen wir mal, ob wir aus Ihnen herausbekommen, wie Sie hier hereingekommen sind, und danach werden wir Sie auf andere Weise in unser Projekt integrieren. Vielen Dank, Sie können gehen.« Er machte eine Handbewegung zu den Wachleuten. »Lazaro, bring die beiden in eine leere Zelle im C-Trakt. Und Xavier, du bleibst hier, wir müssen uns unterhalten.«
Lazaro stieß Tom den Lauf seiner Waffe in die Seite.
»Aufstehen!«, knurrte er.
Tom und Juli erhoben sich, und Lazaro dirigierte sie aus dem Raum. Er lief hinter ihnen, gab immer wieder kurze Kommandos und führte sie durch die Anlage.
Tom, der sich bemühte, die Orientierung zu behalten und sich Türen und Abzweigungen zu merken, raunte Juli zu: »Wir hätten mitarbeiten können. Zumindest eine Weile. Und dann in aller Ruhe einen Fluchtplan ausarbeiten können.«
»Er hätte uns niemals einfach mitarbeiten lassen«, gab Juli zurück. »Ihm traue ich zu, dass er sich etwas hätte einfallen lassen, um sicher zu sein, dass wir bleiben.«
»Was denn? Hätte er uns anketten sollen?«
»Ja, mit elektronischen Fußfesseln zum Beispiel. Oder er hätte uns vergiftet und uns von einer täglichen Dosis Gegengift abhängig gemacht.«
»Meine Güte, du hast vielleicht eine Fantasie.«
»Nach dem, was wir hier gesehen haben, kann ich mir alles vorstellen. Aber du hast ja auch abgelehnt, warum hast du denn nicht zugesagt?«
»Ich hätte dich niemals allein gelassen.«
»Wirklich?« Juli sah zu ihm hinüber. »Das ist lieb von dir.«
»Haltet die Klappe!«, schnauzte sie Lazaro an. Er trieb sie vor sich her und führte sie zu einer Treppe, die in das Untergeschoss führte. Es war nicht dieselbe Stelle, an der sie heraufgekommen waren, aber Tom vermutete, dass sämtliche Gänge hier unten miteinander verbunden waren. Er hoffte es jedenfalls.
»Stehen bleiben«, wies Lazaro sie an, während er eine Tür aufschloss. »Da rein, los!«
Der Raum, den sie betraten, war ein bloßer Quader aus Beton. An einer Wand befand sich eine gemauerte Pritsche, auf der eine dünne Gummimatte lag. Ansonsten war er leer. Lazaro trat nach ihnen ein und schloss die Tür. Er richtete seine Waffe auf Juli.
»Du stellst dich dort hinten in die Ecke!«
Juli entfernte sich einige Schritte, so weit es der kleine Raum zuließ.
»Und du gibst mir die Kamera«, wies Lazaro Tom an.
Widerwillig händigte Tom sie dem Mann aus, der nicht den Eindruck erweckte, dass er mit sich diskutieren ließ.
Lazaro griff mit einer Hand nach dem Gerät und entriss es Toms Händen. Dann warf er die Kamera mit plötzlicher Wucht auf den Boden zu seinen Füßen. Das Objektiv brach ab, die gläsernen Linsen klirrten. Blitzschnell zielte er mit seiner Pistole und schoss zweimal in den Trümmerhaufen, der in unzählige Fetzen zersprang.
Tom schrie entsetzt auf und machte einen Satz vorwärts, aber Lazaro war schneller, hob sein Knie und rammte es Tom in den Bauch.
»Nein!«, rief Juli, aber Lazaro wies nur mit der Waffe hinüber.
»Cala-te, puta«, bellte er sie an und wandte sich wieder Tom zu, der zusammengekrümmt dastand.
Mit einer fließenden Bewegung steckte Lazaro seine Waffe auf dem Rücken hinter seinen Gürtel, und als er den Arm wieder nach vorn holte, schmetterte er seine Faust gegen Toms Kiefer. Das Zusammenschlagen seiner Zähne klang wie das Zerbrechen einer Steinplatte, und Tom wurde haltlos nach hinten geschleudert, prallte auf den Boden und schlug mit dem Hinterkopf auf. Lazaro tat einen Schritt nach vorn und trat Tom mit seinem Stiefel in den Unterleib. Juli schrie erneut auf. Tom stöhnte unartikuliert, und noch einmal trat der Wachmann zu.
Juli sprang nach vorn und trat nach den Beinen des Wachmannes, aber er blieb stehen, drehte sich zu ihr um und stieß sie so heftig zurück, dass sie rückwärts zu Boden ging.
Ein weiteres Mal trat er Tom, aus dessen halb geöffnetem Mund Blut quoll. Dann wandte er sich an Juli, die sich gerade bemühte, wieder aufzustehen. Lazaro zog seine Pistole hervor und richtete sie auf Juli.
»Ausziehen.«
Juli wurde bleich.
»Sofort!«, herrschte Lazaro sie an und schlug ihr mit der flachen linken Hand ins Gesicht.
Der Schlag brannte wie glühender Stahl, und Tränen schossen Juli in die Augen. Sie hasste sich dafür, weil sie wusste, wie hilflos sie dadurch aussah, aber sie wagte auch nicht, sich zu rühren. Sie zuckte zurück, als die Hand des Mannes noch einmal hervorschnellte. Aber dieses Mal schlug er sie nicht. Er ergriff den Kragen ihres T-Shirts und riss ihn so heftig herunter, dass es zerriss.
»Zieh deine Hose aus!«, befahl er.
Juli gehorchte. Sie hatte keine andere Möglichkeit. Er hielt die Waffe auf sie gerichtet und wäre ihr auch so körperlich weit überlegen. Sie beugte sich hinunter und schnürte ihre Schuhe auf. So hoffte sie, Zeit zu gewinnen. Aber sie nützte ihr nichts. Sie fühlte sich wie blockiert. Auch während sie ihre Hose ablegte, überlegte sie weiter fieberhaft, was sie tun könnte. Tom stöhnte leise am Boden, aber er konnte sich kaum rühren.
»Die Unterhose auch! Ich will deine Muschi sehen.«
Julis Gedanken waren elektrisiert und orientierungslos zugleich. Sie musste etwas tun! Trotzdem bewegte sie sich wie automatisch gesteuert weiter, so langsam es ging, ohne den Mann zusätzlich zu reizen und so viel Zeit wie möglich zu haben. Als sie schließlich nur noch mit ihrem Slip bekleidet vor dem grobschlächtigen Glatzkopf stand, konnte sie die Gier in seinen Augen funkeln sehen.
Lazaro machte nur eine Handbewegung mit der Waffe. Sie hatte sich getäuscht. Je weiter sie es hinauszögerte, desto aufmerksamer wurde er. Seine Sinne waren jetzt gespannt wie die eines wilden Tieres, er würde jeder ihrer noch so kleinen Bewegungen augenblicklich zuvorkommen. Sie konnte nichts anders tun. Sie musste sich ausziehen.
Langsam streifte sie den Slip von ihrer Hüfte, schob ihn nach unten und stieg aus ihm hinaus.
Lazaro grinste. »À moda brasileira«, bemerkte er zufrieden. Dann dirigierte er Juli mit der Waffe zur Pritsche. »Hinlegen!«