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»Von hier aus versorgen sie die Anlage mit Strom«, sagte Tom. »Das dort drüben ist der Generator … meine Güte, das ist ja fast ein Schiffsdiesel.«

Juli betrachtete die verschiedenen Anzeigen auf dem Kontrollpult. »Verstehst du etwas davon?«

»Nein«, gab Tom zu. »Aber um es kaputt zu machen, muss man kein Experte sein.«

Er nahm die Pistole und zielte auf einige Kabel und Rohre, die oberhalb des Generators in der Decke verschwanden. Er drückte ab. Der Schuss hallte laut durch den Raum, die Kugel schlug beim Auftreffen Funken.

»Was machst du denn da?«, rief Juli entsetzt.

»Das da sind entweder Stromkabel oder Leitungen für Diesel oder Kühlflüssigkeit, schätze ich. Auf jeden Fall etwas, das keinesfalls kaputtgehen sollte.« Noch einmal schoss er in die Richtung. Die Waffe zuckte heftig in seiner Hand, aber dieses Mal hatte er etwas getroffen. Ein Loch war entstanden, und Flüssigkeit spritzte in einem fingerdicken Strahl heraus.

»Bist du verrückt?!«, rief Juli. »Das kann sicher alles explodieren.«

»Ach was. Das ist schlimmstenfalls Diesel, da passiert so schnell nichts. Interessant wird es erst, wenn sich die Dämpfe hier verbreiten.« Er versuchte sich an einem Grinsen, aber sein geschwollenes Gesicht verzerrte sich nur zu einer Fratze, und die Bewegung schmerzte ihn.

Er wischte mit dem Finger einige der Spritzer ab und roch daran. »Gut«, beschloss er. »Das ist der Kraftstoff. Vielleicht nützt es ja etwas.« Er wandte sich der Kontrolleinheit zu und studierte sie eine Weile. Dann zuckte er mit den Schultern und feuerte zweimal in schneller Folge darauf. Zufrieden sah er, dass viele der Lampen ausgingen und andere hektisch zu blinken begannen. »Auch nicht schlecht. Diese Reparatur wird wenigstens teuer. Los, jetzt raus hier.«

Sie verließen den Raum, Tom schloss die Tür hinter ihnen ab und verdrehte dann den Schlüssel so, dass er im Schloss abbrach.

Das Licht im Gang war ausgegangen. Nur noch kleine Notlampen, die in großen Abständen angebracht waren, glühten und erzeugten ein schwaches Zwielicht.

Sie liefen den Gang entlang zu dem Gewölbe, aus dem sie zwei Stunden zuvor gekommen waren.

Erneut überwältigte sie der bestialische Gestank, der ihnen entgegenschlug, als sie die Stahltür geöffnet hatten. Das Kreischen, Heulen und Wimmern der Gefangenen umfing sie augenblicklich. Die Neonröhren leuchteten noch.

Tom trat an die erste der Zellen heran. Sofort kamen einige der Entstellten an die Gitter und streckten ihre Arme hindurch. Einer presste mit einer plötzlichen Bewegung sein Gesicht zwischen die Stäbe, entblößte seine faulig stinkende Mundhöhle und spie Tom schaumigen Geifer entgegen.

»Zeig ihnen dein Medaillon«, sagte Juli. Tom, der einen halben Schritt zurückgetreten war, zog den Anhänger hervor und hielt ihn den wütenden Menschen entgegen.

Es dauerte einen Moment, dann stellte sich trotz aller Wildheit ein Erkennen in den wässrig-trüben Augen des vordersten Mannes ein. Seine Bewegungen stockten, dann grunzte er unverständliche Worte und trat zurück. Eine angespannte Stille breitete sich aus, erst in dieser Zelle, dann durch das ganze Gewölbe.

»Ich will euch helfen«, sagte Tom eindringlich, wohl wissend, dass ihn die Leute selbst in besserem Zustand nicht verstehen konnten.

»Ajudamos!«, fügte Juli auf Portugiesisch hinzu.

»Jetzt hoffe ich nur, dass wir die richtigen Schlüssel dabeihaben«, meinte Tom, und während immer mehr Menschen in der Zelle sich in erwartungsvollem Abstand von der Tür gruppierten und schwankend darauf warteten, dass etwas geschah, probierte Tom verschiedene Schlüssel aus. Schließlich schnappte der Riegel zurück, und Tom zog die Gittertür auf.

Die Menschen dahinter sahen ihn zögerlich an.

»Los, kommt«, rief Tom. »Ihr könnt herauskommen.«

Aber die Menschen rührten sich nicht von der Stelle. Ungläubig sahen sie durch die geöffnete Tür. Einige hielten ihre Köpfe schief, andere streckten die Hände aus, als könnten sie die Leere vor ihnen ergreifen.

Tom wandte sich ab. »Los, wir müssen die anderen Zellen auch aufschließen!«

Tom öffnete eine Zelle nach der anderen. Immer wieder redete Juli auf Portugiesisch auf die Menschen ein, und nach einer Weile traten die ersten von ihnen aus ihren Zellen und wankten unsicher auf den Gang. Vielleicht waren sie vor Schmerzen und Hunger fast verrückt, aber dass hier etwas Außergewöhnliches geschah und dass sie diesem Ruf folgen mussten, das verstanden sie. Der Lärmpegel im Gewölbe stieg an, die Bewegungen der Menschen wurden erregter, sie scharten sich umeinander. Juli beobachtete, wie einige der Menschen sich um diejenigen kümmerten, die Schwierigkeiten hatten, aufzustehen, Kinder wurden mit zittrigen Bemühungen hochgehoben, und mehrfach sah sie, dass sich Männer und Frauen in die Arme nahmen, behutsam, als könnten sie sich verletzen oder den unwirklichen Zauber des Augenblicks zerstören.

Einige der Menschen traten an Tom und Juli heran und berührten sie am Rücken, an der Schulter, am Bauch, eine Frau strich Juli über die Haare. Es waren ungelenke, Hilfe suchende Bewegungen, voller Angst und zugleich von einer Dankbarkeit, die weder Juli noch Tom jemals erlebt hatten.

Sie blieben stehen.

»Mein Gott«, hauchte Tom. Er fühlte, dass er kaum in der Lage war, zu sprechen.

Juli spürte, dass sie am Arm ergriffen wurde. Bestimmter und fester als bisher. Sie drehte sich erschrocken um, aber dann sah sie in das Gesicht einer Frau mit überraschend klarem Blick. Sie hatte sich einen Lumpen notdürftig umgeschlungen, um ihre Blöße etwas zu bedecken. Mit der anderen Hand wies sie in eine der Zellen. Sie zog ein Stück an Julis Arm, und als Juli einen vorsichtigen Schritt in ihre Richtung machte, führte die Frau sie in die hintere Ecke der Zelle.

Dort saß eine Frau auf dem Boden. Sie hatte die Knie angezogen und hielt sie mit beiden Armen umschlossen. Ihr Kopf war nach unten geneigt und wippte in einer ständigen Bewegung vor und zurück.

Der Anblick ließ Juli erzittern. Ihr Herz schien für einen Moment auszusetzen, es stach in ihrer Brust, dann schnappte sie nach Luft.

Sie stürzte nach vorn, warf sich förmlich auf den Boden, kniete sich vor die Frau, umfasste ihre Schultern mit beiden Händen und drückte sie nach hinten.

»Marie«, stieß Juli aus. »Marie!«

Der Kopf der Frau drohte in den Nacken zu fallen, ihr Blick wanderte starr zur Decke, dann zuckte er zurück, und sie sah an Juli vorbei ins Leere.

»Marie!«, rief Juli. »Ich bin es, deine Schwester! Marie, hörst du?!« Juli schlang die Arme um sie und vergrub ihren Kopf in Maries Halsbeuge.

Tom eilte herbei und hockte sich neben Juli. Selbst im dämmrigen Licht des Gewölbes konnte er erkennen, dass die Frau ein Ebenbild von Juli war. Es war ihre Zwillingsschwester.

»Du hast sie gefunden!«, rief er aus. »Und sie lebt!«

Er hörte, wie Juli schluchzte. Aber Maries Augen blieben ausdruckslos.

»Sie steht unter Schock«, sagte Tom. »Sie erkennt dich nicht. Wir müssen sie hier herausbringen!«

Juli hob den Kopf, schluckte und sah in die abwesende, eingefallene Miene ihrer Schwester. »Ich bin hier«, wiederholte sie immer wieder mit zittriger Stimme und strich ihr über die Wange. »Ich bin hier, meine Süße.«

Der Lärm um sie herum änderte mit einem Mal seine Qualität. Die Aufregung wich einer Unruhe, und als Tom sich umsah, erkannte er den Grund dafür. Die Tür war geöffnet, und ein bewaffneter Sicherheitsmann stand auf dem Gang.

Die Menschen wichen beiseite, drängten sich an die Gitterstäbe, aber nur wenige kehrten in ihre Zellen zurück.

Der Wachmann spürte die drohende Gefahr der Situation und hielt seine Pistole im Anschlag. Er rief einige bellende Worte auf Portugiesisch, dann feuerte er einen Schuss an die Decke. Die Menschen zuckten zusammen, einige schrien vor Schreck auf, aber sie zogen sich nicht vollständig zurück. Er sah sich um, versuchte zu verstehen, was vor sich ging. Wieder rief er etwas und richtete seine Waffe auf die Menschen, die nun langsam, aber beständig auf ihn zukamen.