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Tom beobachtete das Geschehen aus der im Halbdunkel liegenden Ecke der Zelle. Seine Gedanken überschlugen sich. Seine übereifrige Sabotage an der Energieanlage war sicher längst schon aufgefallen. Dieser Mann war vermutlich nur der erste, der hier unten angekommen war, um nach dem Rechten zu sehen. Sie mussten ihn ausschalten, bevor er Alarm schlagen konnte.

Inzwischen versuchte der Mann die Menschen in ihre Zellen zu scheuchen. Aber nur wenige folgten seinen Befehlen, die meisten blieben stehen, einige bedrängten ihn, spuckten ihn an. Der Wachmann erkannte, dass er allein keine Chance hatte, die Situation unter Kontrolle zu bekommen. Er machte einige Schritte rückwärts, wollte zurück zur Tür, doch auch dort hatten sich nun schon einige der Gefangenen versammelt und versperrten ihm den Rückweg.

Tom sah, dass der Mann immer unruhiger wurde, als sich die Meute um ihn scharte. Noch einmal rief er, aber sein Brüllen schien keinen Effekt zu haben. Dann löste sich ein Schuss. Die Menschen stieben auseinander. Einer der Gefangenen stand noch direkt vor dem Wachmann und sackte gerade in sich zusammen.

Tom stürmte aus der Zelle auf den Gang.

»Hey, Arschloch!«, rief er durch das Gewölbe. Alles drehte sich zu ihm um. Der Wachmann, der eben noch auf den von ihm angeschossenen Mann auf dem Boden gestarrt hatte, sah überrascht auf. Er zögerte, als er Tom sah, der vollständig angekleidet und ganz offenbar kein Gefangener war. Dass Tom ebenfalls eine Pistole in der Hand hielt, erkannte er zu spät.

Tom drückte ab. Sein Schuss peitschte durch das Gewölbe und verfehlte den Mann um mehr als einen Meter.

Die Überraschung währte nicht lange. Der ausgebildete Sicherheitsmann zielte ebenfalls und feuerte.

Die Kugel traf Tom mit überraschender Wucht und ließ ihn zurücktaumeln. Brennender Schmerz zuckte durch seinen Körper. Er strauchelte und kippte seitlich auf den Boden.

Mit infernalischem Lärm kreischten die Gefangenen plötzlich auf, sie tobten und stürmten auf den Wachmann zu, der keine Möglichkeit mehr hatte, zu reagieren. Schon waren sie bei ihm, stürzten sich mit Fingernägeln und Zähnen auf ihn und begruben ihn in alles zerfetzender Wut unter sich.

»Tom!«

Juli kniete neben ihm.

Tom drehte sich auf die Seite, wollte sich aufstützen, aber sein Arm gab unter ihm nach.

»Du bist angeschossen«, hörte er Juli sagen. Es fiel ihm schwer, sich zu konzentrieren, zu sehr hielt ihn der Schmerz gefangen. Er strahlte glühend heiß aus seinem linken Oberarm. Juli hantierte an ihm herum. Er konnte nicht sehen, was sie tat.

»Ein Durchschuss«, hörte er sie sagen. »Die Arterie ist unverletzt.«

»Die Tür …«, brachte er hervor, »… abschließen.«

Juli musste ihn verstanden haben. Sie tastete ihn ab, er hörte das Klimpern des Schlüsselbundes, dann war sie weg.

Er bemühte sich, ruhig zu atmen und zu Sinnen zu kommen. Er öffnete die Augen und sah den Fußboden. Dann hob er den Blick. Um ihn herum standen Gefangene und blickten auf ihn herab, unschlüssig, was sie tun sollten. Tom holte tief Luft und drehte sich so, dass er sich auf den unverletzten Arm stützen konnte. Dann robbte er ein Stück zum nächstgelegenen Gitter, zog sich daran ein wenig hoch und lehnte schließlich seinen Rücken daran an. Mit einem Fuß angelte er nach der Pistole, die ihm aus der Hand gefallen war, und zog sie zu sich heran.

Einen Augenblick später kam Juli zurück.

Sie hatte einen Stoffstreifen dabei, den sie irgendwo aufgelesen hatte, und umwickelte damit seinen linken Arm oberhalb der Verletzung, um ihn abzuschnüren.

»Wie kommen wir jetzt hier raus?«, fragte sie.

»Kannst du die Leute anweisen?«

»Ich hoffe es …«

»Wir müssen die Tür verbarrikadieren, um Zeit zu gewinnen«, erklärte Tom. »Dahinten stand doch so eine Art Liege. Die sollen sie vor die Tür schieben, vielleicht gibt’s hier auch noch mehr. Und sie sollen sie möglichst verkeilen, sodass man hier auf keinen Fall reinkommt. In der Zwischenzeit sollen die anderen anfangen, durch den Tunnel zu fliehen.«

Juli zögerte.

»Was ist?«, fragte Tom.

»Marie …«

»Sie lebt. Das ist doch das allerwichtigste!« Tom ergriff Julis Hand. »Wir holen sie hier raus. Ich verspreche es. Aber wir müssen uns beeilen.« Sein Blick wanderte zur Tür. Sie stand offen, einige der kräftigeren Gefangenen versammelten sich dort. »Wir sollten sie abschließen!«, sagte er. »Die anderen Wachleute werden jeden Augenblick hier sein.«

»Das habe ich ja versucht, aber sie ließen mich nicht. Sie waren lange genug eingesperrt, jetzt wollen sie nur noch raus.«

Tom schüttelte den Kopf. »Es ist viel zu gefährlich. Wir müssen durch den Tunnel.«

»Und die Schwachen?«

»Ich weiß es nicht. Vielleicht können sie noch krabbeln.« Tom zog sich mit seinem gesunden Arm am Gitter hinter ihm hoch. Juli half ihm auf. »Jetzt kümmern wir uns um deine Schwester, komm.«

Sie gingen zurück zu Marie, die noch immer mit starrem Blick in der Zelle saß. Sie hatte ihr einförmiges Schaukeln wieder aufgenommen und reagierte nicht, als Juli sich zu ihr herunterbeugte.

»Wir müssen sie aufrichten«, sagte Tom. Juli umfasste sie von hinten und zog sie auf die Beine. Schließlich stand Marie wankend da. Juli ergriff ihre Hand.

»Wir müssen gehen«, sagte sie. »Nach Hause gehen, hörst du?«

Sie zog ihre Schwester behutsam, und tatsächlich machte Marie einige Schritte. Sie bewegte sich automatisch wie in Trance, als würde sie nicht wahrnehmen, was geschah. Aber sie ließ sich führen.

Sie traten mit Juli auf den Gang, als an der Tür ein Tumult losbrach. Die Gefangenen hatten von dem Wachmann abgelassen, der leblos dort lag, immer mehr stürmten nun zur Tür, ihr Kreischen steigerte sich zu einem ohrenbetäubenden Gebrüll. Kurz darauf hallten zwei Schüsse durch das Kellergeschoss, aber die Gefangenen ließen sich nicht aufhalten, strömten hinaus, drängten die Wachleute vermutlich zurück.

»Los, zum Tunnel«, rief Tom und lief schon voraus in die hinterste Zelle, in der sich der Zugang befand. Sein Arm fühlte sich inzwischen an, als sei er mit einer engen Manschette aus glühenden Eisen umfasst, er war schwer und brannte dumpf. Tom konnte sich nicht vorstellen, wie er damit durch den Tunnel krabbeln sollte, aber er versuchte, nicht daran zu denken. In der Zelle angekommen, ging er zu der Liege, die über dem niedrigen Eingang stand, und zerrte sie beiseite.

Juli kam herbei und führte ihre Schwester mit sich. Ihnen folgten einige andere Gefangene. Sie stützten sich gegenseitig und hielten einander an den Händen wie Verwandte und Paare, die zusammengehörten. Angetrieben wurden sie von dem Mann, der ihm ganz am Anfang gegenübergestanden und Toms Medaillon erkannt hatte. Er mochte kränklich und entstellt sein, aber er war nicht halb so irrsinnig, wie es schien, sein Wille war ungebrochen, und sein Verstand klar genug, um zu verstehen, was zu tun war.

»Geh du voran«, sagte Tom zu Juli. »Nimm Marie mit. Ich sorge dafür, dass alle mitkommen.«

Juli zögerte.

»Nun los!«, rief Tom. »Wer weiß, wie viel Zeit uns noch bleibt!«

Juli ging in die Knie und krabbelte in das Loch. Sie versuchte, hinter sich zu greifen, um ihre Schwester mit sich zu ziehen, aber sie musste sich nicht darum bemühen. Schon drängten sich die anderen Gefangenen in den Fluchttunnel und schoben Marie vorwärts, die sich nun ebenfalls bückte und kurz darauf in der Dunkelheit verschwand.

Tom wollte auf die letzten Flüchtlinge warten. Erst dachte er, es wäre nur ein halbes Dutzend, das ebenfalls diesen Weg wählte, aber es kamen immer noch mehr. An der Tür am anderen Ende des Gewölbes herrschte noch immer ein Durcheinander. Das Geschrei war groß, und gegen die Horde der von Schmerzen und Wut angetriebenen Menschen konnten die Wachleute dahinter unmöglich lange etwas ausrichten. Mit etwas Glück war die Anlage nicht auf so einen Fall vorbereitet, und wenn eine Handvoll überraschter Sicherheitsleute alles war, was die Wissenschaftler zu ihrem Schutz zu bieten hatten, standen die Chancen gut, dass die wild gewordenen Gefangenen sie einfach überrennen konnten.