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Tom lehnte sich an die Wand. Sein Arm pochte und kribbelte. Die Wunde brannte, aber seine linke Hand wurde kalt. Er ahnte, dass dies kein gutes Zeichen war.

Die Gefangenen krochen einer nach dem anderen in den Gang. Tom hätte sie gerne zu noch größerer Eile angetrieben, aber er wusste, wie dunkel und eng der Tunnel war. Dass sie überhaupt vorankamen, grenzte an ein Wunder. Er kam sich nutzlos vor. Er wollte die Stellung halten, aber tatsächlich gab es nichts, das er tun konnte. Weder im Augenblick noch, falls sie tatsächlich auf ernsthafte Gegenwehr stoßen und die Sicherheitsleute hier unten eintreffen würden. Es sei denn …

Tom lief los. Die Meute an der Tür drängte gerade hinaus. Jetzt war der richtige, vielleicht der einzige Zeitpunkt, seinen Plan umzusetzen. Er lief zur Tür und folgte den letzten Gefangenen, die brüllend durch die dahinterliegenden Gänge davonrannten. Zwei Schritte hinter der Tür rutschte Tom aus. Seine Beine glitten unter ihm weg, und er schlug rückwärts zu Boden, ohne sich mit den Armen auffangen zu können. Der Aufprall raubte ihm den Atem. Es dauerte einen Moment, bis er Luft holen und sich auf die Seite drehen konnte. Direkt neben ihm lagen zwei tote Wachmänner. Ihre Gliedmaßen waren verrenkt, die Gesichter zerkratzt und zertrümmert, der Boden um sie herum war nass von Blut, das von Hunderten Füßen verteilt worden war. Der ekelerregende metallische Geruch schnürte seine Kehle zu, und Tom bemühte sich hastig, aus der übergroßen klebrig-warmen Pfütze aufzustehen. Mehrfach rutschten seine Füße erneut weg, bis es ihm gelang, sich aufzurichten.

Er ging behutsam weiter, bis er die Kreuzung erreichte, die er schon kannte. Er bog in den Seitengang und wählte die Tür, hinter der er und Juli sich kurz versteckt hatten.

Das Licht in dem kleinen Lagerraum funktionierte nicht mehr, nur der schwache Schein der Notbeleuchtung aus dem Gang ließ ein wenig Orientierung zu.

Tom durchwühlte das Regal. Er hatte sich erinnert, was hier gelagert wurde, und nach einer Weile hatte er gefunden, was er suchte. Er konnte seinen linken Arm nicht mehr verwenden, also ergriff er so viel er konnte mit rechts und lief die Gänge zurück zu der Tür, hinter der sich der Generatorraum verbarg. Er musste noch zweimal in das Lager zurück, da er mit einer Hand nicht alles tragen konnte. Beim letzten Gang zerrte er einen der weißen Kanister mit sich. Er hatte daran gerochen, und der stechende Geruch hatte ihm alles gesagt, was er wissen musste.

Zurück an der Tür zum Generatorraum kniete er sich hin. Der Schmerz seiner Verletzung raubte ihm fast den Verstand, er schwitzte, und die Zeit lief ihm davon.

Hastig riss er eine Verpackung auf und holte das darin befindliche Papier heraus. Es diente vermutlich irgendeinem medizinischen Zweck, vielleicht als Unterlage für Pritschen oder zum Reinigen. Er riss so viel Papier heraus, wie er konnte, und stopfte es unter der Tür zum Generatorraum hindurch, bis er sicher war, dass es auf der anderen Seite eine möglichst große Fläche einnahm. Einen Teil davon ließ er auf den Gang herausschauen. Dann öffnete er den Kanister und warf ihn um. Die Reinigungsflüssigkeit ergoss sich über den Boden des Gangs, unter der Tür hindurch und tränkte das Papier.

Der letzte Teil war der schwierigste. Bei den Kerzen im Lagerraum hatten sinnigerweise auch Streichhölzer gelegen. Auf sie setzte er seine ganze Hoffnung. Er schob die Schachtel, die er mitgebracht hatte, mit einer Hand auf und klemmte sie mit dem Knie an die Wand. Dann zog er ein Streichholz heraus, entzündete es und warf es auf das getränkte Papier. Aber das Holz fiel daneben, landete in der Flüssigkeit auf dem Boden und erlosch.

Tom fluchte. Er hatte die Schachtel an der Wand zerquetscht, und nur mühsam konnte er ein weiteres Holz herausholen. Er riss es an der zerknitterten Reibfläche an. Dann ging er mit dem brennenden Streichholz in die Knie. Die Schachtel fiel zu Boden und saugte sich mit der vergossenen Reinigungsflüssigkeit voll.

Behutsam hielt Tom die kleine Flamme an eine trockene Kante des Papiers. Mindestens das Papier musste doch brennen! Und hoffentlich war das Reinigungsmittel so entzündlich, wie es roch.

Die Flamme fraß sich fast bedächtig in das Papier, breitete sich aus und erreichte schließlich die erste feuchte Stelle. Sie flammte auf. Blitzartig breitete sich ein fauchender, blau züngelnder Teppich über das ganze Papier aus und schoss nur einen Lidschlag später unter der Tür hindurch in den Generatorraum.

Tom sprang auf. Es hatte geklappt! Nun halfen nur noch Glück und schnelle Beine. Er rannte zurück in das Gewölbe und zur hinteren Zelle, in der sich der Fluchttunnel befand.

Als er dort ankam, schien ihm eine Ewigkeit vergangen zu sein. Und nichts war geschehen. Er hatte gehofft, dass die zerstörte Dieselleitung inzwischen so viel Kraftstoff verloren und so viel brennbare Dämpfe in dem Raum erzeugt hatte, dass seine Zündschnur aus Papier sie in Brand gesetzt hätten. Aber immer noch blieb es ruhig.

Tom stand vor dem Tunneleingang, in dem gerade die letzten Gefangenen verschwanden, und sah zurück. Nichts passierte. Sein Plan war gescheitert. Wenn er doch nur die Tür nicht verriegelt hätte! Dann hätte er direkt neben dem Generator ein Lagerfeuer entzünden können. Mit noch mehr Papier. Noch mehr Reinigungsmittel. Er hätte noch mehr Schaden …

Er kam nicht dazu, den Gedanken zu Ende zu führen, als ein so ohrenbetäubender Knall durch das Kellergewölbe hallte, dass die Wände zu beben schienen. Zeitgleich explodierte ein Feuerball in den Gängen, und nur einen Herzschlag später wälzte er sich durch die Tür und ergoss sich hellgelb und von schwarzen Wolken umgeben in das Kellergewölbe.

Tom wich erschrocken zurück, als ihm die Hitze auch schon entgegenschlug. Er warf sich auf den Boden und robbte, so gut es sein rechter Arm zuließ, zum Tunnel. Er konnte sehen, wie sein Schatten in das zuvor schwarze Loch des Tunnels geworfen wurde, als alles hinter ihm gleißend aufleuchtete. Verzweifelt stolperte er in das Loch. Es wurde immer wärmer, er konnte kaum atmen, und kurz darauf zog ein beißender, alles verdunkelnder Qualm an ihm vorbei und in den Gang. Tom hielt instinktiv den Atem an, aber sein Herz raste, Panik brandete in ihm auf. Es war eng, es war dunkel, er hatte keine Kraft mehr, hinter ihm brannte das Feuer, er war umgeben von giftigem Rauch. Seine Lungen brannten, sein Herz drohte ihm aus der Brust zu springen. Schließlich musste er nach Luft schnappen.

Und wenig später brach er zusammen.

Kapitel 15 Brasilianischer Urwald, 3. August

Tom schlug die Augen auf und sah in das grausam entstellte Gesicht eines Kindes, das sich über ihn beugte.

Der Journalist rührte sich nicht, während er versuchte einzuordnen, was er sah. Das Kind verzog den Mund zu einer Fratze und sagte irgendetwas Unverständliches. Es schien aufgeregt zu sein, aber nicht bösartig. Es rief etwas über seine Schulter und sah ihn dann wieder mit seinem schiefen Mund und den funkelnden Augen an. Möglich, überlegte Tom, dass es eine Art Lächeln war, das durch die verformten Gesichtszüge verzerrt wurde. Das Kind betrachtete ihn aufmerksam, legte sogar eine Hand auf die Tücher, die über Toms Brust lagen, und schien sich zu freuen.

Tom ließ seinen Blick wandern. Über ihm befand sich die hölzerne Decke eines kleinen Raums. Nach allen Seiten wies er ebenfalls nur hölzerne Wände auf, die aus dünnen Stämmen zusammengesetzt waren. Er lag also in einer Hütte. Nun nahm er auch die Geräusche des Regenwalds wahr und wusste, dass er sich noch immer in Brasilien befand.

»Tom!«