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»Sie schläft noch. Aber zum Essen nachher sollen wir sie unbedingt wecken.«

»Ist sie … Ich meine, fehlt ihr auch nichts? Sie muss Furchtbares erlebt haben.«

»Sie hat Mangelerscheinungen. Es wird noch Wochen dauern, bis sie wieder ganz bei Kräften ist.« Juli blickte zu Boden. »Aber was sie erlebt hat, wird sie ihr Leben lang verfolgen. Sie ist schweigsamer als früher, als hätte sie einen Teil von sich verloren …« Dann atmete sie tief ein und straffte ihre Schultern. »Aber sie ist eine starke Frau. Und vielleicht wird sie eines Tages fast wieder die Alte.«

Tom strich Juli über die Wange. »Ich wünschte, wir hätten noch mehr für sie tun können.«

»Wir haben sie gerettet. Gegen alle Wahrscheinlichkeit. Das war schon mehr, als wir hoffen konnten.«

Tom nickte. »Ja, vielleicht. Aber das Eigentliche steht noch bevor.«

»Und das wäre was?«

»Diese Verbrecher nicht nur ausräuchern. Die werden sich einfach ein neues Labor bauen. Aber wir bringen es an die Öffentlichkeit, wie wir es geplant hatten. Es wird die größte Aufdeckungsaktion des Jahrzehnts. Wir vernichten diesen Konzern und diese gottverdammten Wissenschaftler, die ihn führen.«

»Aber …« Juli zögerte, es auszusprechen. »Aber wie willst du das anstellen? Die sind längst über alle Berge. Was das Feuer an Beweisen nicht vernichtet hat, werden sie inzwischen selbst vernichtet haben. Wir haben nichts in der Hand! Nicht einmal Fotos. Deine Kamera, alles ist futsch.«

Tom lächelte. »Ist es nicht.«

Er steckte seine Hand in die Hosentasche und holte die kleine Speicherkarte hervor.

Juli verschlug es die Sprache. »Aber … wie …«

»Nach dem Kopieren der Daten hatte ich sie nicht mehr zurück in die Kamera gesteckt. Es ist alles drauf. Fotos, Dokumente, Adressen, E-Mails … genug, um in dem Laden eine Supernova zu zünden.«

»Ha!« Juli lachte laut auf. »Das gibt’s nicht! Mein Gott, Tom!« Sie warf ihre Arme um seinen Hals und küsste ihn.

Sie verbrachten drei weitere Tage in dem Dorf. Toms Heilung machte weitere Fortschritte, und seine Kurzatmigkeit der ersten Zeit verging rasch.

Die Hälfte der Dorfbewohner war missgestaltet oder krank, aber sie bewirteten und pflegten Tom, Juli und Marie, als wären sie die wichtigsten Menschen der ganzen Gemeinschaft.

Tom verbrachte viel Zeit mit den Kindern. Juli beobachtete, wie er mit ihnen spielte. Die meisten waren noch sehr schwach, aber er ging mit ihnen zum Schwimmen an den Fluss. Sie tollten umher, und es schien allen gutzutun, auf diese Weise die Schrecken der Vergangenheit und die schlimmen Entstellungen zu vergessen. Oft saß Marie in einiger Entfernung im Schatten und sah ihnen zu. Sie schien in Gedanken versunken und lächelte nur selten und stets etwas abwesend.

Juli tat ihrerseits alles, was sie konnte, um die offenen Wunden und Geschwüre der Indios zu behandeln. Da sie keine Utensilien oder Medikamente hatte, musste sie sich darauf beschränken, der Medizinfrau des Dorfes zu helfen. Sie sammelte Pflanzen, stampfte Blätter und Wurzeln zu Brei, kochte Salben und Tränke und half ihr, einfache Verbände anzulegen und zu wechseln. Sie lernte und staunte, dass die scheinbar so schlichte Medizin der Schamanin so überaus wirkungsvoll war.

Nicht immer hatten sie Erfolg. Der Zustand einiger Stammesmitglieder verschlechterte sich täglich, und trotz ihrer Bemühungen starben zwei Männer in einem erschreckenden Zustand, übersät und zerfressen von eiternden Beulen, die vermutlich das Blut der Unglücklichen vergiftet hatten. Juli verstand nicht, wie diese vielfältigen Missbildungen und offenkundigen Krankheiten hatten entstehen können. Sie erfuhr, dass einige der Menschen schon seit über einem Jahr verschollen gewesen waren. In dieser Zeit hatte viel geschehen können. Was immer es war, es war ihnen in dem geheimen Labor zugestoßen.

Es wurde Zeit, die Daten zu sichten, die sich auf Toms Speicherkarte befanden, sie zu verstehen und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen.

Am Abend des fünften Tages erklärten sie den Dorfältesten, dass sie abreisen und zu ihrem eigenen Camp zurückkehren mussten. Die Reaktionen waren zurückhaltend. Die Enttäuschung war den Indios anzumerken, aber niemand drängte sie zu bleiben, ganz so, als verstünden sie, dass die Fremden weiterziehen mussten.

An diesem Abend wurde noch einmal gefeiert. Ein großes Feuer wurde entzündet, und bis spät in die Nacht saß das Dorf, Männer, Frauen, Alte und Kinder gemeinsam mit Juli, Marie und Tom, versammelt im Kreis, und es wurden Schalen mit Früchten oder vergorenem Pflanzensaft herumgereicht und Geschichten erzählt. Einige Episoden wurden gesungen, andere als Tanz aufgeführt, es wurde viel gelacht, und sogar in Maries Augen lag ein feiner Glanz, der zeigte, wie ihre Sinne sich jedenfalls für eine Weile von der Vergangenheit lösten und sich auf den Zauber des Moments einlassen konnten.

Nicht lange nachdem die meisten Kinder mit den Köpfen auf den Schößen ihrer Mütter eingeschlafen waren, löste sich der Kreis auf, und alle gingen in ihre Hütten.

Als die drei am späten Morgen wieder aufgestanden waren und sich treffen wollten, um das Dorf zu verlassen, trafen sie die Bewohner versammelt auf der Straße vor. Alle wollten sich von ihnen verabschieden. Sie streckten ihre Arme aus, um sie noch einmal zu berühren, sprachen unverständliche Worte des Abschieds und des Segens, und viele überreichten ihnen kleine Geschenke. Ein Armband, eine Halskette, eine Feder. Jedes der kleineren Kinder wollte noch einmal von Tom hochgehoben werden. Die Medizinfrau gab ihnen drei gefüllte Wasserflaschen und an Juli einen ledernen Beutel mit einigen Wurzelstücken darin. Dann sprach sie einige Worte und wedelte jeden der drei mit einem Fächer aus Vogelklauen und Federn ab.

Schließlich traten fünf Männer aus den Reihen der Dorfbewohner vor. Sie trugen Speere, Bogen und Köcher. Die Medizinfrau segnete sie ebenfalls, bevor sie sich zu Tom, Juli und Marie gesellten. Ganz offenbar sollten die Krieger sie begleiten. Einer von ihnen war stark verkrüppelt, sein Rücken war so buckelig, dass seine Arme fast den Boden berührten. Er hielt den Kopf schief, und als er mit einem Ausruf seinen Arm hob und den Speer nach oben hielt, erkannten Tom und Juli plötzlich, dass es der Mann war, der ihnen Maries Rucksack gegeben und sie zu der teuflischen Anlage geführt hatte, und der Speer, den er hochhielt, war die Waffe, die Tom ihm zum Geschenk gemacht hatte. Die ganzen Tage war er hier gewesen und hatte sich nicht zu erkennen gegeben. Tom verneigte sich vor ihm, und er sah mit Freude, wie der Mann lächelte und vor Stolz fast platzte.

Dann drehte sich der Buckelige um und ging voraus. Zwei der Krieger folgten ihm, die anderen beiden warteten, bis Tom und die beiden Schwestern sich ebenfalls in Bewegung setzten, und bildeten den Abschluss. Gemeinsam verließen sie das Dorf in Richtung des Waldes.

Kapitel 16 Hamburg, Polizeipräsidium City Nord, 12. August

Hauptkommissar Berger schob die Mappen mit den ausgedruckten Unterlagen zur Seite, die Juli und Tom ihm überreicht hatten, und beugte sich vor.

»Es freut mich zu hören, dass Sie wieder aufgetaucht sind, Frau Thomas, Herr Hiller. Ich hatte seit unserem Gespräch in diesem Büro nichts mehr von Ihnen gehört und dachte schon, die Sache hätte Sie nicht weiter interessiert.«

»Unsere Recherchen waren etwas aufwendiger als erwartet«, erklärte Tom. Er erinnerte sich, dass er mit einem Kommissar telefoniert hatte, nachdem sie das zweite Mal auf der Elbinsel gewesen und dort von den bewaffneten Männern überrascht worden waren. Offenbar waren diese Informationen aber nicht weitergegeben worden.

»Nun sind Sie ja da, und ich bin gespannt, was Sie mitgebracht haben. Sie klangen recht enthusiastisch. Können Sie mir Ihre Ergebnisse kurz zusammenfassen, bevor ich die Unterlagen im Detail lese?«

Tom nickte. »Die Firma, die das Labor auf der Neßsand gebaut hat, hat ein weiteres Labor im Urwald in der Nähe von Manaus unterhalten. Eine ungleich größere Anlage. Dort wurden seit einigen Jahren Menschenversuche an Indios vorgenommen, die man entführt hatte.«