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»Das geht Sie überhaupt nichts an«, schnappte Berger zurück. »Ihre Untersuchungsergebnisse bleiben hier, und außer mir wird niemand davon erfahren.«

»Das sehe ich etwas anders!«, ertönte eine Stimme von hinten. Sie drehten sich um. Ein Polizeibeamter, der von einem vierköpfigen Trupp begleitet wurde, war eingetreten.

»Was haben Sie in meinem Büro zu suchen!«, ereiferte sich Berger, machte aber einen Schritt rückwärts.

»Ich bin Kommissar Wilms«, sagte der Beamte. »Ich leite eine verdeckte Untersuchung im Auftrag des Bundeskriminalamtes. Und diese Herren hier sind mir als Einsatzkommando zur Verfügung gestellt worden.« Er wandte sich an Tom. »Herr Hiller, vielen Dank für Ihre Zusammenarbeit.«

»Gerne geschehen«, sagte Tom und lächelte.

»Können Sie mir erklären, was hier vor sich geht?«, fragte Berger, der sich hinter seinen Schreibtisch zurückgezogen hatte.

»Herr Hiller und ich hatten schon einmal kurz nach dem Erlebnis auf Neßsand miteinander telefoniert«, sagte Wilms. »Zugegeben, das Gespräch war eigentlich für Sie gedacht, Herr Berger, aber ich beobachte Sie schon lange, und als ich hörte, was mir Herr Hiller erzählte, war es nicht schwer, die Puzzlestücke zusammenzufügen. Ich habe ihn daraufhin ebenfalls überwachen lassen, was sich als äußerst hilfreich herausstellte. Meine Männer konnten gerade noch in eine Verfolgungsjagd eingreifen, die womöglich tragisch geendet wäre.«

»Die Schießerei am Fischmarkt …«

»So ist es. Leider konnten Herr Hiller und Frau Thomas bei dieser Gelegenheit entwischen und untertauchen. Wir haben ihre Wohnungen observiert und schließlich die Spur einer verdächtigen Putzfrau bis zu ihrem Auftraggeber im Axel-Springer-Gebäude zurückverfolgen können. Zu diesem Zeitpunkt hatten die beiden allerdings das Land schon verlassen.« Er sah zu Tom und Juli hinüber. »Eine wohlkoordinierte Leistung, das muss ich schon sagen.«

Tom zuckte mit den Schultern, konnte sich aber ein Grinsen ebenfalls nicht verkneifen.

»Wie auch immer«, fuhr Wilms fort, »bei seiner Rückkehr fand er eine Nachricht von mir vor und hat sich daher zuerst mit mir in Verbindung gesetzt anstatt mit Ihnen, Herr Kollege.«

»Und was wollen Sie von mir?«, fragte Berger.

»Dafür sorgen, dass die überaus wichtigen Informationen, die Herr Hiller und Frau Thomas zusammengetragen haben, in die richtigen Kanäle geleitet werden. Und verhindern, dass Sie sie verwenden, um damit ein weiteres Mal den Polizeipräsidenten zu erpressen, wie Sie es vor zwei Jahren getan haben, um diesen Posten zu bekommen.«

»Das ist unerhört!«, rief Berger aus.

»Ja, das sehe ich ebenso«, entgegnete Wilms. »Die Einzelheiten der Schuldfrage werden vor Gericht geklärt werden. Maßgeblich dafür werden die von meiner Kommission zusammengetragenen Belege sein, ebenso wie Ihr Verhalten im gegenwärtigen Fall.« Wilms deutete auf die Mappen, die der Hauptkommissar in den Papierkorb geschoben hatte.

»Sie haben keine Ahnung, mit wem Sie sich anlegen!«, giftete Berger.

»Ich lasse Sie hiermit vorläufig festnehmen. Bitte folgen Sie mir«, sagte Wilms ungerührt. Und an zwei seiner Männer gewandt: »Konfiszieren Sie den Laptop und sämtliche Speichermedien, die Sie im Raum finden.« Dann wandte er sich an Tom und Juli.

»Wie schon gesagt, ich danke Ihnen für Ihre Kooperation. Wie Sie sich denken können, besteht in dieser Angelegenheit Verdunklungsgefahr. Ich werde mich bemühen, schnellstmöglich an allen relevanten Stellen in dieser Behörde und der Stadt zuzugreifen, um Beweise zu sichern. Ich möchte Sie daher bitten, mit Ihrer Veröffentlichung, die Sie mit gutem Recht planen, noch etwas zu warten, um uns den nötigen Spielraum zu verschaffen.«

»Selbstverständlich«, sagte Tom. »Bis wir aus dem Material eine druckreife Geschichte produziert haben, werden ohnehin noch ein paar Tage vergehen. Und dass es eine Titelgeschichte werden wird, darauf können Sie Gift nehmen.«

Wilms lächelte. »Ich hatte nichts anderes erwartet. Und sagten Sie nicht noch etwas von einem Filmbeitrag?«

»Gemeinsam mit dem Chefredakteur werden wir die Nachrichten und TV-Magazine der Republik überfluten, verlassen Sie sich darauf.«

Wilms schüttelte erst Juli die Hand, dann Tom.

»Ich wünsche Ihnen viel Erfolg. Sie haben großartige Arbeit geleistet.«

Kapitel 17 Brasilianischer Urwald, 7. September

Der Fluss glitt unter ihnen hinweg wie ein flüssiger Spiegel. Tom und Juli standen am Bug des Bootes und sahen nach vorn, beobachteten, wie sich die unzähligen Biegungen des Flusses vor ihnen entfalteten und an ihnen vorbeizogen. Mit ihnen im Boot fuhren drei medizinische Studenten, ein Kameramann und ein technischer Assistent. Das Boot war voll beladen mit Werkzeugen, medizinischer Ausrüstung und Medikamenten. In der nächsten Woche würde ein weiteres Schiff folgen und einen Stromgenerator und mehrere Hundert Liter Diesel liefern.

»Es ist schön, wieder hier zu sein«, sagte Juli.

»Merkwürdig, wenn man sich vorstellt, wie schnell sich das eigene Leben ändern kann. Ich hätte mir das hier nie zu träumen gewagt.«

»Nicht nur das Leben ändert sich. Es ändert auch uns.«

»Ja, das stimmt wohl …«

Sie schwiegen eine Weile. Juli lehnte ihren Kopf an Toms Schulter.

»Was wird wohl aus Villiers?«, sagte sie dann. Sie dachte zurück an die letzten Wochen. Der Skandal war in Hamburg eingeschlagen wie eine Bombe. Die Zeitungen des ganzen Landes hatten sich auf die Story gestürzt, im Fernsehen wurde der Fall ausgebreitet, Tom und Juli wurden fast täglich als Interviewgäste oder als Teilnehmer zu Podiumsdiskussionen eingeladen. Man hatte ihnen viel Geld für die Rechte an einer dramatisierten Verfilmung der Recherchen angeboten. Der Hamburger Innensenator war zurückgetreten, und die Partei des Ersten Bürgermeisters war zerstritten über das weitere Vorgehen, während die ersten Gerichtsverfahren vorbereitet wurden. In einem jedoch hatte der korrupte Hauptkommissar Berger recht behalten: Der Konzern um Medi-Capital Invest und Dr. Villiers war bisher verhältnismäßig unberührt geblieben. Als Besitzer der Hamburger Krankenhäuser schien das Firmenimperium hohe Trümpfe in der Hand zu haben. Wenngleich das Mitwissen und die Verstrickungen durch die von Tom kopierten Unterlagen belegbar waren und von der Presse ausgewalzt wurden, blieben sie gesetzlich ungültig, und der Konzern hatte ein leichtes Spiel, mögliche Verantwortungen in seinem nahezu undurchdringlichen Netzwerk aus Firmenstrukturen und Besitzverhältnissen ungreifbar zu machen.

»Ich weiß es nicht«, sagte Tom. »Vielleicht wird es Jahre dauern, bis das Ganze vor Gericht kommen und dort standhalten kann. Letztlich wird irgendeine Anklage erhoben werden müssen, damit sich wirklich etwas bewegt. Aber wer sollte diese Anklage führen? So, wie ich es sehe, konnten wir dem Ansehen der Firma schaden und vielleicht ein wenig finanziellen Schaden verursachen, die Öffentlichkeit ist aufmerksam geworden, aber mehr erst einmal nicht. Es bleibt an uns, ob wir die Rolle übernehmen, die uns vielleicht zugedacht ist.«

»Was meinst du damit?«

»Anwalt der Geschädigten zu sein.« Tom sah Juli an. »Und das meine ich über eine Berichterstattung hinaus.«

Juli kniff die Augen zusammen. »Du meinst …«

»Wir können dafür sorgen, dass im Namen aller Betroffenen eine Klage erhoben wird. Wir fordern Entschädigung für alle Taten, die Entführungen, die medizinischen Experimente, die Verstümmelungen, die vielen Toten und allen Schaden, der vielleicht noch über Generationen in diesen Indios weitervererbt wird.«

»Wie Erin Brockovich …«

»Ja oder wie im Contergan-Skandal.«

Juli atmete tief ein. »Das ist ein ambitionierter Plan …«

»Ja«, sagte Tom, »das ist er. Aber wenn wir es nicht tun, wer dann?«

Juli lächelte. »Das ist es, was ich meinte, als ich sagte, unser Leben ändert uns. Du bist ein anderer Tom geworden als der, den ich kennengelernt habe.«