Also gut, überlegte er, wenn es eine deutliche Anmache gab, dann war es wohl diese. Andererseits hatte sie nicht so ausgesehen. Und Zeit, die Nummer extra für ihn aufzuschreiben, hatte sie auch nicht gehabt. Oder hatte sie ihn schon länger beobachtet und wollte ihn kennenlernen?
Er nahm einen Schluck.
Hässlich war sie nicht gewesen. Und vielleicht konnte sie ihm durch ihre Kontakte am UKE sogar weiterhelfen?
Einen Versuch war es wert, entschied er, was auch immer dabei heraussprang.
»Ja, hallo?«, ertönte eine männliche Stimme am anderen Ende der Leitung.
Mist, fluchte Tom innerlich. Jetzt hatte er ihren Kerl am Apparat. Er räusperte sich. »Äh, ja, hallo, hier ist Tom Hiller. Ich suche eine Frau und habe nur diese Nummer hier …«
»Was ist das denn für ein Quatsch?«
Tom improvisierte. »Ich habe eine Tasche gefunden, eine Handtasche, und ich möchte sie zurückgeben.«
»Eine Handtasche? Und da war kein Ausweis drin?«
»Äh, nein, lag im Graben, ausgeräubert, bestimmt gestohlen. Kein Portemonnaie oder so. Die Nummer stand auf einem Streichholzheftchen, das noch drin war.«
»Streichhölzer, sagen Sie?«
»Ja genau.«
»Wie sehen sie denn aus?«
»Blau. Steht NIL drauf.«
»Okay … ja, die sind von mir. Und die Nummer auch, wie Sie sehen. Aber die Handtasche können Sie behalten, danke.«
»Wissen Sie, wem die Tasche gehört?«
»Na, einer unbekannten Blonden habe ich sie bestimmt nicht zugesteckt, wenn Sie das meinen.«
»Hören Sie, ich würde die Frau gerne kontaktieren. Sicher möchte sie ihre Tasche wieder zurückhaben.«
»Tja, tut mir leid, aber ich kann mir vorstellen, dass sie nicht drauf steht, wenn ich ihre Nummer weitergebe … wir machen es anders, okay? Ich schreibe mir Ihre Nummer vom Display ab und sage ihr Bescheid, dann kann sie sich melden.«
Und die Handtaschenstory fliegt auf, dachte Tom. »Also mir wäre es wirklich lieber, wenn ich …«
»Nein, kommt nicht infrage. Ich sage ihr Bescheid. Kann aber auch morgen werden. Also…«
»Gut, danke …«
Entnervt setzte Tom sein Bier an, da klingelte sein Telefon.
Überrascht hob er ab.
»Hallo, bin ich da richtig bei Tom Hiller?«, fragte eine Frauenstimme.
»Ja, ganz recht.«
»Mein Name ist Julia Thomas«, erklärte die Frau. »Ich rufe an wegen des kurzen Artikels über den abgerissenen Fuß, der am Elbstrand gefunden wurde. In der Redaktion sagte man mir, Sie hätten ihn geschrieben.«
»Eine Privatnummer hat man Ihnen dort aber sicher nicht gegeben.«
»Nein, aber im Telefonbuch gibt es nur einen Tom Hiller, der sich als Journalist hat eintragen lassen.«
»Verstehe. Und um was geht es?« Ihm kam ihre Stimme bekannt vor.
»Dann ist der Artikel also von Ihnen?«
»Ja.«
»Können Sie mir noch mehr über den Fund erzählen? Hat man ihn schon untersucht?«
»Es gibt noch keine offiziellen Aussagen …« Konnte es die Frau aus dem UKE sein?
»Ja, ich weiß. Aber wissen Sie vielleicht schon mehr?«
»Ich bin Journalist«, holte Tom aus, »ich habe immer meine Quellen. Und verdiene damit mein Geld. Ich wüsste nicht, warum ich Ihnen davon erzählen sollte.«
»Sind noch andere Teile gefunden worden außer diesem Fuß?«
»Gestern war es nur der Fuß. Aber inzwischen waren Taucher vor Ort.« Das war zwar glatt gelogen, machte die Geschichte aber deutlich spannender, fand Tom.
»Und?«
»Ich darf es Ihnen nicht sagen. Aber warum warten Sie nicht einfach meinen nächsten Artikel ab?«
»Mir ist es wirklich wichtig! Ich arbeite am UKE, und dieses Vorkommnis betrifft möglicherweise mein Studiengebiet.«
»Warum wenden Sie sich dann nicht ans Rechtsmedizinische Institut? Dort wird sicher an der Sache gearbeitet.«
»Dort war ich schon. Aber der Professor, der mir helfen könnte, ist erst morgen wieder da.«
Bingo, das ist sie! Was für ein Glück, dass sie sich bei ihm gemeldet hatte, nun konnte er sie sogar ein wenig zappeln lassen.
»Tja, dann müssen Sie sich vielleicht etwas gedulden – falls man Ihnen dort überhaupt Informationen gibt.«
»Im Artikel ist eine Verfärbung erwähnt«, fuhr die Frau unbeirrt fort.
»Ja, das kommt schon mal vor.«
»Sagen Sie, waren Haut und Gewebe leicht violett?«
Die Frage ließ Tom zusammenzucken. Wusste sie etwas von ähnlichen Fällen? Oder hatte die Verfärbung eine besondere medizinische Bedeutung? Ganz offenbar war sie ebenso wie er auf einer Spur.
»Die Art der Verfärbungen ist polizeiliche Verschlusssache«, sagte er. »Wie ich schon sagte, darf ich Ihnen keine weiteren Details geben …« Er machte eine bedeutungsvolle Pause. »Ich müsste mehr über Sie wissen und was Sie mit den Informationen anfangen möchten.«
»Ich … Ich schreibe meine Dissertation über spezielle pathologische Phänomene … Das führt zu weit, wenn ich das jetzt alles erkläre.«
Tom spürte, dass das nicht die Wahrheit war. Er musste sie dazu bringen, ihm weiterzuhelfen, ihn vor allem an die Daten aus dem Institut bringen. Aber dazu musste er auch etwas anzubieten haben. Und das war leider nicht der Fall.
»Ich bin einer kriminalpolizeilichen Sache auf der Spur«, fabulierte er, »ein paar mehr Informationen habe ich also durchaus. Die aktuellen Untersuchungsergebnisse der Pathologie könnte ich aber ehrlich gesagt noch gebrauchen …«
»Wenn ich morgen mehr erfahre, können wir uns ja vielleicht austauschen?«
»Na ja, ich weiß nicht, in ein paar Tagen bekomme ich die Daten ohnehin …«
»Aber nicht so schnell, richtig? Wie wäre es, wenn wir uns morgen treffen? Vielleicht können Sie ja sogar mitkommen zum UKE?«
Tom schaute zur Decke. »Mein Terminkalender ist ziemlich voll. Ich weiß gar nicht, ob ich morgen Zeit hätte … also da wäre höchstens gegen halb elf eine Lücke …«
»Halb elf ist prima! Treffen wir uns direkt beim Institut?«
»Ja, gut.« Er zog die Worte in die Länge, um eine Resignation anzudeuten.
»Also dann, bis morgen!« Sie legte auf.
Geschafft! Fast lachte er laut auf. Die Kleine schien es ganz besonders eilig zu haben. Umso besser!
Kapitel 3 Tagebuch von Marie Thomas – Brasilien, 12. Mai
Christian führte mich aus dem Lagerraum und stützte mich, während ich mich auf den Boden setzte und an die Außenwand lehnte.
Er scherzte noch, dass ich wohl doch mehr zu Mittag hätte essen sollen, aber mir war nicht nach Scherzen zumute, und der Gedanke an Essen ließ meine Eingeweide nur noch mehr zusammenziehen. Der widerwärtige Leichengestank hatte mich noch immer in seinem Griff, schien nicht aus meiner Nase weichen zu wollen. Ich versuchte tief einzuatmen, so tief es in einem Klima möglich ist, das einer Waschküche gleicht, und es dauerte bestimmt zehn Minuten, bis sich mein Kreislauf beruhigt hatte.
Mir war klar, dass ich eine lausige Figur abgab, und auch wenn Christian sich um mich kümmerte, mir sogar ein Glas Fruchtsaft holte, wusste ich, dass sich meine Reaktion in Windeseile verbreiten und ich zum Gespött des ganzen Lagers werden würde.
Ich saß da und haderte, ob ich es nun dabei bewenden lassen oder einen zweiten Anlauf wagen sollte. Würde ich etwas beweisen, wenn ich mir die Leiche erneut ansah und auf den Boden kotzte? Wie arbeiteten Pathologen, die mit derart stark verwesten menschlichen Überresten konfrontiert wurden? Was taten Bestatter, wenn sie eine Leiche exhumieren mussten, einen Zinksarg ans Tageslicht holten und ihnen der Inhalt als dunkel vergorener Sirup entgegenschwappte?