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Ich kenne das nur aus Erzählungen und bin dem – wie ich mir gerade eingestehen muss – in meinem Studium immer ausgewichen. Aber allzu oft gab es solche Extremsituationen auch nicht, und ich überlegte, ob Christian nicht vielleicht recht hatte; hier gab es tatsächlich etwas zu lernen. Doch nach dem wenigen, das ich gesehen und gerochen hatte, war hier nicht mehr viel übrig, aus dem medizinische Erkenntnisse zu ziehen waren. Aber ich konnte etwas über mich selbst lernen. Wie gut würde es mir gelingen, mich meinem Ekel zu stellen? Mir die natürlichen biologischen und chemischen Prozesse vorzustellen, die Verwesung und die damit einhergehenden Veränderungen aus wissenschaftlicher Sicht zu vergegenwärtigen. Es war Natur pur, nichts, was nicht längst in jedem Detail untersucht und erklärt war. Nichts Menschliches durfte mir fremd sein, der Körper und alles, was er aufnahm, produzierte und ausschied – und wozu er wieder verfiel.

Also stand ich auf und sagte Christian, dass ich wieder okay wäre. Er lachte und bot mir eine kleine Dose mit Tigerbalm an. Ich sollte es mir unter die Nase reiben, so wie er es getan hätte. Ich war sicher, dass er mir diesen Trick absichtlich verschwiegen hatte, um sich über meine Reaktion zu amüsieren. Verärgert folgte ich seinem Ratschlag und merkte sofort, wie die starken ätherischen Dämpfe der Paste meine Nase vollkommen in Beschlag nahmen und alle anderen Gerüche um mich herum verdrängten.

Dann gingen wir noch einmal in den Lagerraum. Ich machte mich auf den Ansturm des Gestanks gefasst, aber nun war er hinter dem Mentholgeruch der Salbe nur noch schwach wahrnehmbar.

Wir traten an den Tisch neben die Ventilatoren. Christian sagte noch so etwas wie »Jetzt wird’s heftig« oder so ähnlich, dann zog er mit einem Ruck die Leichentücher zurück. Universitätsklinikum Eppendorf, Hamburg, 20. Juli

Tom war schon eine Viertelstunde vor dem Termin auf dem Gelände. Er lungerte eine Weile herum, dann suchte er eine Parkbank, die etwas abseits des Hauptwegs stand, aber einen Blick auf den Zugang zum Gebäude ermöglichte. Er rauchte lustlos eine Zigarette und wartete.

Als er sie schließlich in einiger Entfernung auf den Eingang zukommen sah, blieb er noch sitzen. Er hatte ja viel zu tun, also musste er später eintreffen und ihr vermitteln, dass es ihr dringlicher war als ihm. Ein paar Minuten später ging er dann eilig hinüber.

»Guten Morgen«, grüßte er sie. »Na, das habe ich ja gerade noch geschafft. Ach, Sie sind es!«

»Das wollte ich auch gerade sagen«, erwiderte sie, als sie ihn erkannte. »Dann war es kein Zufall, dass Sie gestern auch hier waren?«

»Ich bin öfter hier, wenn ich recherchiere.«

»Ach so. Nun, wollen wir reingehen?«

Tom musterte sie verstohlen. Sie war einen ganzen Kopf kleiner als er. Ihre enge Jeans betonte ihre sportliche Figur, aber abgesehen davon hatte sie sich nicht ausdrücklich sexy herausgeputzt. Obwohl sie es sich hätte leisten können, wie er fand. Unter ihrer kurz geschnittenen offenen Jacke meinte er eine schmale Taille zu erkennen, und ihre helle Bluse wölbte sich vorn reizvoll aus. Er nahm sich vor, noch genauer auf das Gesicht zu achten.

Am Empfang war der gleiche Mann wie am Tag zuvor.

»Hallo Juli, guten Tag, Herr Doktor«, grüßte er. »Was kann ich tun?«

»Hallo Frank. Ist Professor Heide jetzt zu sprechen?«, fragte Juli.

Der Angesprochene nickte. »Ja. Du weißt ja, wo du ihn findest.«

»Danke!« Sie wandte sich an Tom. »Kommen Sie.«

Sie gingen durch eine Tür und einen Flur entlang.

»Doktor?«, fragte sie.

»Ich … Er muss mich mit jemandem verwechselt haben.«

»Soso«, sie lachte. »Oder haben Sie etwa undercover recherchiert?«

Er grinste. »Na gut, erwischt.«

»Etwa als Doktor Hiller?«

Er zuckte mit den Schultern.

»Da haben Sie Glück, dass Frank noch nicht so lange dabei ist«, sagte sie. »Wenn er im System nachgesehen hätte, wäre er Ihnen schnell auf die Schliche gekommen.«

»Sie können Tom zu mir sagen.«

»Oh, schön. Ich bin Juli.«

»Dieser Professor Heide, glaubst du, er hat etwas mit dem Fuß zu tun?«

»Er selbst sicher nicht. Aber ich kenne ihn schon einige Zeit, und ich glaube, er mag mich. Sicher erzählt er mir, in welcher Abteilung der Fuß ist, und vielleicht gibt er uns auch die Daten frei.«

Das Büro von Professor Heide sah nicht aus wie das Arbeitszimmer eines Arztes, sondern hätte auch das eines Abteilungsleiters oder Rechtsanwalts sein können. Den Boden belegte ein grauer Industrieteppich, zwei Bilder an den Wänden zeigten Motive mit Segelschiffen, es gab ein Bücherregal mit massigen Bänden und zahlreichen Ordnern, einen hüfthohen Aktenschrank und einen kleinen Konferenztisch mit vier Stühlen.

Nur Professor Heide war nicht da.

»Vielleicht ist er gerade auf dem Klo«, sagte Tom und sah sich um.

Juli ging zurück zur Tür und sah auf den Flur. »Er kommt bestimmt sofort wieder, sonst wäre die Tür abgeschlossen gewesen.«

»Also einen Termin hat er nicht«, sagte Tom, der um den Schreibtisch herumgegangen war und auf den Computerbildschirm sah.

»Was machst du denn da?!«

Tom hob die Hände. »Nichts. Habe nichts angefasst. Aber sein Kalender ist offen, und hier steht, dass sein nächster Termin erst um halb eins ist.«

»Du kannst doch nicht an seinen Rechner gehen!«

Tom bewegte die Maus. »Jemand war hier.«

»Wie meinst du das?«

»Hier ist noch ein anderes Programm offen. Irgendeine Datenbank. Das letzte Suchergebnis ist noch zu sehen. Jemand muss sich nach derselben Sache erkundigt haben. Sieh mal!«

Nach einem letzten Blick auf den Flur eilte Juli zum Bildschirm. »Der Fuß! Der Eingang wurde vorgestern registriert, die Untersuchung für heute Morgen angesetzt. Im Labor der Forensischen Molekularbiologie. Da machen sie DNA-Analysen.«

»Reicht uns das als Info? Weißt du, wo das ist?«

»So ungefähr.«

Tom deutete auf verschiedene Felder und Optionen der Bildschirmmaske. »Und siehst du da irgendwelche Ergebnisse?«

»Nein, nichts. Wir müssen ins Labor und dort fragen.«

»Also dann, nichts wie hin!«

Sie liefen mehrere Flure entlang und durch verschiedene, aneinandergrenzende Gebäude, bis sie den gesuchten Trakt erreichten.

»Vielleicht ist der Professor hier irgendwo«, überlegte Juli. »Er hat sich mit jemandem über die Untersuchung unterhalten, vielleicht ja mit der Polizei. Dann hat er gesehen, dass es noch keine Analysen gibt, und nun ist er gemeinsam mit dem Beamten hierhergegangen.«

»Und lässt sein Büro offen? Das kann ich mir nicht vorstellen.«

»Wir müssen hier entlang. Das Labor ist am Ende des Flurs.«

Als sie die Tür erreicht hatten, klopfte Juli an. Als von drinnen keine Stimmen zu hören waren, drückte sie die Klinke hinunter. Die Tür schwang auf, und das Erste, was sie sahen, war ein unsagbares Chaos, als wäre ein Sturm durch den Raum gefegt. Der Boden war übersät mit Papier, Büchern und Mappen, dazwischen lagen Flaschen und Scherben aus Glas und Porzellan. Eine schwere, silberfarbene Maschine war zu Boden gestürzt, ein Stuhl umgekippt. Die Regale und Tische waren leer gefegt.

»Meine Güte!«, entfuhr es Juli. »Hier ist jemand eingebrochen.«

Tom trat einige Schritte in den Raum. »Und nicht nur das! Dort!« Er eilte in eine Ecke. Ein Mann mit weißem Kittel lag auf dem Boden, eine Wunde am Kopf ließ seine Haare nass glänzen, und auf dem Linoleum hatte sich eine dunkelrote Lache gebildet.

Juli stürzte hinzu.

»Atmet er noch?«, fragte Juli.

Sie kniete sich nieder und drehte den Mann auf die Seite. Er stöhnte leise auf.

»Wir müssen Hilfe holen«, rief Juli. »Such das Telefon.«

Tom drehte sich um und nahm gerade noch wahr, wie etwas durch das geöffnete Fenster flog. Im nächsten Augenblick hörte er ein Splittern, dann schlug ihm eine blendende Wand aus Hitze entgegen.