Выбрать главу

Tom stolperte entsetzt rückwärts. Flammen loderten auf, breiteten sich über den Boden aus und leckten an den Regalen. Er hielt einen Arm schützend vor sein Gesicht und rief:

»Juli?!«

Dann entdeckte er sie. Sie kniete noch immer neben dem Verletzten, aber nun brannte ihre Jacke, und sie schlug um sich, um die Flammen zu löschen.

Er eilte zu ihr. »Du musst sie ausziehen!« Der Jeansstoff war mit Spritzern einer Flüssigkeit bedeckt, der Brand ließ sich nicht ersticken. Tom packte die Jacke am Kragen. »Arme nach hinten!« Juli wand sich, und einen Augenblick später gelang es Tom, ihr die Jacke vom Rücken zu reißen.

Nun heulten Alarmsirenen auf, und die Sprinkleranlage sprang an.

»Danke!«, rief Juli.

»Bist du verletzt?«

»Ein bisschen angekokelt, aber alles noch dran.«

»Wir müssen raus hier!«

»Aber nicht ohne ihn!« Juli deutete auf den Verletzten.

Gemeinsam hievten sie den Mann hoch, der noch immer nicht bei Bewusstsein war.

»Den Arm so über die Schulter nehmen«, rief Tom. Juli folgte seiner Anweisung. Sie schleiften den Mann zwischen brennenden Pfützen hindurch und suchten die Tür. Der Raum füllte sich mit Rauch, und das von der Decke sprühende Wasser behinderte zusätzlich die Sicht.

Mühsam erreichten sie schließlich den Gang. Auch hier versank alles in künstlichem Regen. Juli blieb einen Moment stehen, um durchzuatmen. Dann setzten sie ihren Weg fort.

Als sie das Gebäude schließlich verließen, fanden sie sich draußen in einer größer werdenden Menschenmenge wieder. Zu den aus dem Institut geflohenen Mitarbeitern gesellten sich mehr und mehr Schaulustige aus den umliegenden Büros.

Sie legten den Verletzten auf den Boden und wurden sofort umringt. Von allen Seiten stürmten Fragen auf sie ein, mehrere Leute telefonierten, Sirenen von Feuerwehr und Krankenwagen waren zu hören.

Tom raunte Juli ins Ohr, die sich erschöpft auf ihre Knie stützte: »Wir müssen weg.«

»Was?!«, stieß sie zwischen zwei tiefen Atemzügen hervor. »Wir müssen auf die Polizei warten. Unsere Aussage.«

»Wenn, dann stehe ich als Autor in der Zeitung«, erklärte er, »aber nicht als Zeuge.«

»Aber wir müssen der Polizei helfen.«

Tom griff sie an der Schulter. »Die kommen schon zurecht. Los, lass uns gehen.«

Juli zögerte.

»Wir müssen eine Nasenlänge voraus bleiben, wenn wir herausfinden wollen, was hier läuft!«, setzte Tom nach.

Schließlich nickte sie. »Okay. Ich habe eine Idee.« Sie richtete sich auf, und gemeinsam drängten sie sich durch die umstehenden Leute, die sich hauptsächlich für den Verletzten und die aus dem Gebäude dringenden Rauchschwaden interessierten.

»Wo willst du hin?«, fragte Tom.

»Einen Freund suchen.«

»Es ist nicht Sinn einer Ermittlung, jedem alles auszuposaunen«, sagte Tom leise.

»Er hätte uns sonst nicht geholfen«, gab Juli zurück.

Der Mann, den Juli nach einem Telefonat aufgespürt und den sie nun in einem anderen Gebäude besucht hatten, hieß Hwang und war Koreaner. Er arbeitete im Rechenzentrum des UKE. Woher Juli ihn kannte, sagte sie nicht. Tom hielt es für mehr als ungewöhnlich, wenn sich eine Frau mit Programmierern herumtrieb. Das sah weder Frauen ähnlich noch den Computerfreaks. Es gab da diesen Witz von dem Hacker, dem ein verzauberter Frosch sagt, er würde sich für einen Kuss in eine hübsche nackte Frau verwandeln, und der Hacker sich dagegen entscheidet mit der Begründung, er wüsste nicht, was er mit einer Frau anstellen solle, aber ein sprechender Frosch sei cool.

Tom verbarg sein Erstaunen, als sich Hwang nicht nur als sportlicher Typ herausstellte, sondern auch in vollständigen Sätzen sprechen konnte. Nachdem Juli ihm vom Überfall im Labor erzählt und ihr Anliegen erläutert hatte, entschuldigte er sich kurz, um irgendwelche Sachen zu holen. Nun warteten sie, dass er zurückkam.

»In das Computersystem wäre ich auch reingekommen«, sagte Tom.

»So, meinst du?«

»Habe mir mal eine kleine Spezialausbildung gegönnt. Als Journalist kommst du heute nicht mehr ohne so was aus.«

Tatsächlich kannte er sich recht gut mit der Technik von Rechnern und Netzwerken aus, aber das lag daran, dass er selbst bis vor zwei Jahren in der Multimedia-Branche gearbeitet hatte. Eine Spezialausbildung war das natürlich bei Weitem nicht gewesen. Er hatte als Texter und nicht als Techniker gearbeitet. Beide, die sogenannten Kreativen und die Programmierer, waren ihm in ihrer Kleingeistigkeit irgendwann so auf den Nerv gegangen, dass er der Branche den Rücken gekehrt hatte. Aber die Zeit hatte gereicht, um einiges aufzuschnappen, das über das Allgemeinwissen hinausging.

Hwang kam mit einer Tasche zurück.

»Also gut, dann kommt mal mit«, sagte er und ging voraus. »Mal sehen, was ich herausfinden kann. Dass das Ganze illegal ist, muss ich euch wohl nicht sagen.«

»Schon klar«, sagte Juli.

»Es sind bloß Labordaten«, meinte Tom. »Keine Staatsgeheimnisse.«

»Hier im UKE macht man da keinen Unterschied«, erklärte Hwang. »Es geht auch um die ärztliche Schweigepflicht und um Datenschutz.«

»Und wie kommen wir dann zu der Ehre?«, fragte Tom.

»Ich schulde Juli noch einen Gefallen. Und außerdem bin ich selbst neugierig.«

Hwang führte sie in einen anderen Trakt. Hier sah es noch viel weniger wie in einem Krankenhaus aus, stattdessen mochten die Büros, die sie passierten, genauso gut zu einem beliebigen IT-Unternehmen gehören. Die Belegschaft war größtenteils männlich, zum Teil standen auf den Schreibtischen gleich zwei Bildschirme nebeneinander, und es herrschte eine konzentrierte, von Tastaturanschlägen getragene Stille, die nur gelegentlich durch klingelnde Telefone unterbrochen wurde.

Schließlich betraten sie ein Büro, das sich nur in Details von den anderen unterschied.

»Okay, setzt euch«, sagte Hwang und deutete in eine Ecke, in der allerdings nur ein weiterer Stuhl stand. Er selbst nahm vor einem Rechner Platz und startete ihn. »Das ist zwar nicht mein Büro, aber die beiden, die hier sonst sitzen, sind gerade im Urlaub, wir haben also unsere Ruhe. Tom, könntest du die Tür zumachen?«

Tom folgte der Anweisung und zog sich dafür aus Trotz den verbliebenen Stuhl heran. Er wollte sich gerade setzen, als Juli den Arm danach ausstreckte.

»Danke, sehr aufmerksam«, sagte sie, ergriff den Stuhl und nahm Platz.

Blöde Kuh, dachte Tom und stellte sich hinter Hwang.

»Ich kann mich von hier aus als Administrator einloggen«, erklärte der gerade und tippte sein Passwort ein. Nach einer Weile füllte sich der Bildschirm mit den verschiedenen Programmsymbolen und Netzwerkverknüpfungen. Am rechten Rand positionierte sich eine Leiste mit allerlei kleinen Icons, Diagrammen und einem Nachrichtenticker.

»Meine Güte!«, rief Hwang aus und zeigte auf den Ticker. »Das ist ein inoffizieller RSS-Feed des Campus, der sich aus diversen Blogposts und Twittermeldungen der Leute hier aggregiert. Da steht, dass Professor Heide bewusstlos in den Toilettenräumen gefunden wurde.«

»Was?!« Juli rückte heran.

»Ja. Angeblich ist er auch verletzt. Sie haben ihn gerade gefunden.«

»Warum habe ich das Gefühl, dass er nicht einfach ausgerutscht ist?«, meinte Tom.

»Meinst du, er wurde überfallen?«, fragte Juli.

»Würde doch passen, oder? Und ich habe keine Kamera dabei!«

»Wir sehen nachher mal, wie sich das entwickelt«, sagte der Koreaner, »nun suche ich erst mal nach den Reports aus dem Labor.«

Tom verschwieg, dass sie bereits auf dem Rechner des Professors keine Untersuchungsergebnisse gefunden hatten.

Aber schon wenige Augenblicke später hatte Hwang die entsprechende Stelle in der Datenbank ebenfalls gefunden.

»Gut, das hier scheint es zu sein … Die Untersuchung sollte heute Vormittag stattfinden, aber es ist nichts eingetragen … Ich werde mir die History des Eintrags ansehen. Ah, da haben wir es schon. Zuletzt ist er vor etwa einer Stunde editiert worden. Nutzer: DGaebler. Kennst du einen Gäbler, Juli?«