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Cooper antwortete nicht.

»Was hast du aus meinem Sohn gemacht?«, fragte Eva.

Cooper sah sie an. »Aus deinem Sohn.«

»Du Ungeheuer«, flüsterte sie.

In diesem Augenblick sagte Vera: »Seht doch!«

Sie starrte auf den Videoschirm. Der Hadal hatte die übereinander gestapelten Abflussröhren erreicht und zog sich an den runden dunklen Öffnungen hoch. Auf der Projektion war er an die zwölf Meter groß. Sein nackter, von alten Wunden und Stammeszeichen bedeckter Brustkasten zuckte in raschen, pumpenden Wellen. Das Wesen sagte eindeutig etwas. Sandwell eilte zur Wand und drehte an einem runden Knopf. Jetzt war auch die Tonübertragung aus den Lautsprechern zu hören. Es hörte sich an wie das Kreischen und Schnauben eines gefangenen Affen.

In der Mündung eines der Rohre erschien ein Gesicht. Dann tauchten in anderen Öffnungen andere Gesichter auf. Von den eigenen Exkrementen nass und verklebt, kamen sie aus ihren zementenen Höhlen und ließen sich zu Füßen des Hadal auf den Boden fallen. Es waren nur noch neun oder zehn von ihnen übrig. Die Stimme des Hadal veränderte sich. Er schien jetzt zu singen oder zu beten. Die anderen, bei denen es sich ausschließlich um Frauen und Kinder handelte, fingen laut zu heulen an.

»Was macht er da?«

Immer noch singend, nahm der Hadal einer der Frauen ein Kind weg und wiegte es in den Armen. Er vollführte eine weihevolle Bewegung, als striche er Asche auf den Kopf und den Hals des Kindes und nahm ein anderes, das ihm gereicht wurde, entgegen, woraufhin er die Geste wiederholte.

»Es schneidet ihnen die Kehle durch«, erkannte January.

»Was?«

»Ist das ein Messer?«

»Glas«, sagte Foley.

»Wo hat er das Glas her?«, fuhr Cooper den General an.

Jetzt stellte sich eine ausgemergelte Frau vor den Schlächter. Sie warf den Kopf in den Nacken, öffnete die Arme weit, und es dauerte kaum eine Sekunde, bis er ihre Schlagader gefunden und ihr die Kehle aufgeschlitzt hatte. Eine zweite Frau erhob sich.

Das Lied erstarb, eine Stimme nach der anderen.

»Halten Sie ihn auf!«, schrie Cooper Sandwell an. »Der Saukerl bringt meine ganze Herde um!«

Aber es war bereits zu spät.

Liebe ist Verpflichtung. Er wiegte seinen eigenen Sohn in den Armen. Er war kalt, kalt wie ein kleiner Stein. Er rief den Namen des Messias. Weinend führte er den Schnitt aus und drückte sein letztes, still verblutendes Kind an seine Brust. Nun endlich war es so weit, sein eigenes Blut mit dem der Seinen zu vereinen.

BUCH DREI

GNADE

Inter Babiloniam et Jerusalem nulla pax

est sed guerra continua. Zwischen

Babylon und Jerusalem gibt es keinen

Frieden, sondern immerwährenden Krieg.

BERNHARD VON CLAIRVAUX,

Predigten

21

Ausgesetzt

6000 FADEN UNTER DEM MEER

Niemand hatte sich je einen solchen Ort erträumt. Geologen hatten immer wieder von urzeitlichen, unter den Kontinenten verborgenen Ozeanen gesprochen, allerdings nur als hypothetische Erklärung für die wandernden Pole und Schwerkraftabweichungen der Erde. Doch lag er wirklich vor ihnen.

Am 22. Oktober war er da, ohne Vorwarnung, reglos und schweigend. Die Männer und Frauen, die eine Woche lang flussabwärts um ihr Leben gerannt waren, hielten an. Sie stiegen aus den Flößen und standen staunend mit offenen Mündern auf dem zinnfarbenen Strand. Die Wasserfläche dehnte sich wie ein gewaltiger Halbmond vor ihnen aus. Sanft schlugen winzige Wellen ans Ufer. Die Wasseroberfläche war völlig glatt und warf das Licht der flüchtig über sie hinweghuschenden Scheinwerfer zurück.

Sie hatten keine Vorstellung von der Ausdehnung oder der Gestalt des urzeitlichen Ozeans. Auf der Suche nach der Decke des gewaltigen Hohlraums schickten sie Laserstrahlen nach oben und trafen schließlich achthundert Meter über ihren Köpfen auf Gestein. Die Wasserfläche schien endlos. Sie konnten lediglich feststellen, dass der Horizont gut 32 Kilometer entfernt war und das andere Ufer sich ihren Blicken entzog.

Der Weg verlief sowohl rechts als auch links am Ufer entlang. Niemand wusste, welcher Weg wohin führte. »Da sind Walkers Stiefelspuren«, sagte jemand, und sie folgten ihnen.

Ein Stück weiter am Strand fanden sie ihr viertes Proviantlager. Walkers Leute waren schon vor Stunden angekommen und hatten die Zylinder innerhalb eines provisorischen Schutzwalles aus Sand ausgepackt.

Die Wissenschaftler näherten sich der Sandburg zu Fuß. Walker kam heraus und streckte ihnen abwehrend die Hände entgegen.

»Der Zutritt zum Depot ist verboten!«

»Das können Sie doch nicht machen!«, rief jemand.

»Wir befinden uns in Alarmbereitschaft«, entgegnete Walker.

»Unser höchstes Ziel ist der Schutz von Nahrungsmitteln und Nachschub. Falls wir angegriffen werden und Sie sich innerhalb unserer Stellung aufhalten, führt das nur zu Chaos. Das hier ist die beste Lösung. Wir haben für Sie ein Lager auf der anderen Seite des Felsens dort drüben eingerichtet. Der Quartiermeister hat bereits Post und Rationen ausgeteilt.«

»Ich muss zu dem Mädchen«, sagte Ali.

»Zutritt verboten«, gab Walker zurück. »Sie wurde als militärisch wichtig eingestuft.«

Die Art, in der er das sagte, war selbst für Walkers autoritären Stil merkwürdig.

»Wer hat sie so eingestuft?«, wollte Ali wissen.

»Geheimsache.« Walker blinzelte. »Sie verfügt über wichtige Informationen hinsichtlich des Terrains.«

»Aber sie spricht doch nur Hadal.«

»Ich habe vor, ihr Englisch beizubringen.«

»Das dauert doch viel zu lange. Ike und ich können dabei helfen. Ich habe schon ein Glossar zusammengestellt.« Dies war ihre Chance, endlich die tatsächlich gesprochene Sprache kennen zu lernen.

»Vielen Dank für Ihre Einsatzfreudigkeit, Schwester.«

Walker zeigte auf zwanzig bruchsicher verpackte Flaschen, die im Sand lagen. »Helios hat Whiskey mitgeschickt. Trinken Sie ihn oder gießen Sie ihn aus. Er bleibt jedenfalls hier. Wir nehmen auf keinen Fall flüssiges Gepäck mit.«

Schlecht gelaunt fügten sich die Wissenschaftler. Die Entfremdung von den Söldnern war in den letzten Wochen immer deutlicher geworden, und das Massaker hatte die Kluft nur noch weiter aufgerissen. Jetzt gab es sogar schon zwei Lager! In der Nacht wurden die Whiskey-Flaschen herumgereicht. »Sie behandeln uns wie lästige Deppen!«, beschwerte sich jemand.

»Was sollen wir noch alles einstecken?«, fragte eine Frau.

»Mir reicht’s jedenfalls. Ich würde ohne Zögern jederzeit nach Hause gehen«, verkündete Gitner. Der grantige Petrologe hatte schon mehrfach überlegt, umzukehren.

Ali erkannte, welche Stimmung da aufkam, und beschloss, sich herauszuhalten. Sie ging lieber auf die Suche nach Ike, um ihre Gedanken mit ihm auszutauschen, und fand ihn mit einer Flasche Whiskey an einen Felsen gelehnt. Walker hatte ihn gehen lassen, wenn auch ohne seine Waffen. Ali war enttäuscht. Ohne seine Waffe schien Ike hilflos zu sein. »Warum trinkst du?«, fragte sie ihn. »Und das ausgerechnet heute Nacht?«

»Warum denn nicht?«, erwiderte er.

»Die Gruppe bricht auseinander. Schau dir doch mal Walkers Festung an!«

»Das ganze Unternehmen war von Anfang an eine Nummer zu groß«, sagte Ike.

Ali blickte ihn an. »Ist dir inzwischen alles egal?«

Er setzte die Flasche ab, wischte sich über den Mund und murmelte: »Manchmal muss man einfach mit dem Strom schwimmen.«

»Lass uns nicht im Stich, Ike.«

Er sah weg.

Ali ging zu einer einsamen Stelle irgendwo auf halbem Weg zwischen den beiden Lagern und legte sich schlafen.