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Mitten in der Nacht wachte sie auf, weil sich eine Hand fest auf ihren Mund presste.

»Schwester«, flüsterte ein Mann.

Sie spürte, wie ihr jemand ein schweres Bündel in die Hand drückte. »Verstecken Sie das.«

Er ging, bevor Ali auch nur ein einziges Wort sagen konnte. Sie legte das Bündel neben sich und betastete den Inhalt. Ein Gewehr, eine Pistole, drei Messer, eine abgesägte Flinte, die nur Ike gehören konnte, sowie mehrere Schachteln Munition. Verbotene Früchte. Ihr Besucher konnte nur ein Soldat gewesen sein, und sie war sich ziemlich sicher, dass es einer von den beiden war, die Ike damals aus dem Vulkan gerettet hatte. Aber warum diese Waffen?

Ali wollte Ike nach seiner Meinung fragen. Doch Ike war nicht mehr ansprechbar. Schließlich vergrub sie das merkwürdige Geschenk am Fuß einer Felswand.

Als Ali am nächsten Morgen sehr früh aufwachte, lag Nebel über dem Strand. In der Stille fühlte sie die Schritte im Sand eher als dass sie sie hörte. Sie erhob sich und erkannte einzelne Soldaten, die durch den Nebel schlichen, geisterhafte Silhouetten, die einen Schatz wegschleppten.

Sie gingen in Richtung Wasser. Erst als nach mehreren Minuten niemand mehr im Nebel auftauchte, erhob sie sich und ging zum Strand, wo sie die Scheinwerfer der Flöße über das ruhige, pechschwarze Meer entschwinden sah.

Sie dachte, Walker habe eine Frühpatrouille losgeschickt, aber es lagen überhaupt keine Flöße mehr auf dem Strand. Ali lief auf und ab, überzeugt davon, dass sie einfach nur an der falschen Stelle suchte. Doch die Schleifspuren der Ausleger auf dem Sand ließen keine falschen Schlüsse zu. Sämtliche Flöße waren weg. Erst jetzt wurde ihr klar, dass das alles geplant war. Sie hatten sie absichtlich zurückgelassen.

Der Schock machte sie innerlich ganz leer.

Ausgesetzt. Das Gefühl von Verlust und Verlorenheit war überwältigend, genau wie damals, als der Polizist zu ihr nach Hause gekommen war, um ihr die Nachricht vom Unfalltod ihrer Eltern zu überbringen.

Ein Husten drang durch den Nebel, und mit einem Mal wurde ihr die ganze Wahrheit klar. Sie war nicht allein zurückgelassen worden. Walker hatte alle, die nicht seinem unmittelbaren Kommando unterstanden, im Stich gelassen.

Stolpernd rannte sie über den Sand, bis sie die Wissenschaftler fand, die weit verstreut überall dort lagen, wo sie im Rausch umgekippt waren. Sie ließen sich nur widerwillig wecken und weigerten sich, Alis Worten zu glauben. Erst als sie fünf Minuten später an der Stelle am Meeresufer standen, an der ihre Flöße gelegen hatten, sickerte die schreckliche Tatsache langsam in ihre Köpfe.

»Was hat das zu bedeuten?«, brüllte Gitner.

»Sie haben uns sitzen lassen! Wo ist Shoat?«

Aber Shoat war ebenfalls weg, genau wie das Hadal-Mädchen.

»Das darf doch nicht wahr sein!«

Ali beobachtete ihre Reaktionen, als handele es sich um einen Teil ihrer selbst. Sie fühlte sich gelähmt. Am liebsten hätte sie wie ihre Freunde und Weggefährten laut geschrien, voller Wut in den Sand getreten und sich auf den Rücken geworfen. Dieser Verrat war einfach unglaublich.

»Warum haben sie das getan?«, schrie jemand.

Ike kam mit einem Zettel in der Hand herbei, auf dem Ali eine Zahlenkolonne erblickte. »Walker hat einiges an Lebensmitteln und Medizin zurückgelassen. Aber die Verbindung nach oben ist zerstört. Außerdem haben sie sämtliche Waffen mitgenommen.«

»Sie haben uns hier einfach zurückgelassen«, heulte jemand.

»Als Opfergabe für die Hadal.«

Ali packte Ike am Arm. Ihr Gesichtsausdruck ließ die anderen verstummen. Mit einem Mal konnte sie sich einen Reim auf ihren nächtlichen Besucher machen.

»Glaubst du an Karma?«, fragte sie Ike, und dann gingen sie alle zu der vergrabenen Decke, in die die Gewehre und Messer eingeschlagen waren.

»Ich kapiere das nicht«, sagte Gitner. »Ike rettet dem Kerl das Leben, aber dann gibt er das ganze Zeug einer Nonne?«

»Ist das nicht offensichtlich?«, fragte Pia. »Es ist doch Ikes Nonne.« Alle Augen richteten sich auf Ali.

Ike wechselte rasch das Thema.

»Jetzt haben wir wenigstens eine Chance«, knurrte er und schob eine Patrone in sein Gewehr.

Im Depot wühlten sie Kisten und Dosen durch. Walker hatte mehr als erwartet zurückgelassen, aber weniger als sie brauchten.

Schlimmer noch: Seine Männer hatten die Pakete geplündert, die den Wissenschaftlern von ihren Familien und Freunden herabgeschickt worden waren. Die kleine Sandfestung war mit Postkarten und Schnappschüssen übersät, was dem Ganzen noch eine Dimension der Erniedrigung hinzufügte.

Insgesamt waren sie noch 46 Personen. Nach einer sorgfältigen Berechnung stellte sich heraus, dass ihnen noch 1.124 Rationen oder insgesamt Vollverpflegung für 29 Tage geblieben war. Man kam sofort überein, die Rationen zu strecken. Wenn man die tägliche Ration halbierte, reichte das Essen für zwei Monate.

Ihre Forschungsarbeit war damit gestorben. Geblieben war jetzt nur noch ein Wettlauf mit dem Tod. Die Expedition stand vor der Entscheidung: Entweder sie versuchten, zu Fuß nach Esperanza zurückzumarschieren, oder sie gingen weiter und machten sich auf die Suche nach dem nächsten Proviantlager und einem Ausgang aus dem Subplaneten.

Gitner versteifte sich sofort darauf, dass Esperanza ihre einzige Hoffnung sei.

»Zumindest müssen wir uns auf diesem Weg nicht dem absolut Unbekannten aussetzen«, sagte er. Mit Rationen für zwei Monate blieb ihnen Zeit genug, die Überreste des dritten Proviantlagers zu erreichen, die Verbindungsleitung zu flicken und mehr Nachschub anzufordern. Gitner bezeichnete jeden, der ihm nicht zustimmte, als hirnverbrannten Idioten.

»Wir haben keine Minute zu verlieren«, sagte er immer wieder.

»Was meinst du?«, fragte sie Ike.

»Das ist Schwachsinn«, sagte er.

»Aber wohin sollen wir sonst gehen?«

Alle wussten, dass Ike seine Entscheidung bereits gefällt hatte. Aber er wollte keine Verantwortung für ihre Entscheidungen übernehmen und blieb stumm.

»Im Westen erwartet uns nichts als endlose Tunnelsysteme«, verkündete Gitner. »Alle, die nach Osten wollen, kommen mit mir.«

Ali staunte, wie ausgefuchst Ike mit Gitner um die Waffen schacherte. Schließlich trennte Ike sich gegen eine Extraration Protein-Riegel von einem Gewehr und der dazugehörigen Munition, vom Funkgerät und einem Messer. »Ich glaube«, sagte er, »wir versuchen es einfach auf dem Weg um dieses Gewässer herum.«

Nachdem ihm die meisten Waffen, Gefolgsleute und Nahrungsmittel sicher waren, machte das Gitner überhaupt nichts aus. »Sie sind völlig irre«, sagte Gitner zu Ike. »Was ist mit euch anderen?«

»Neues Territorium«, sagte Troy, der junge Anthropologe.

»Ike hat uns bisher gut geführt«, sagte Pia.

Ali wollte ihre Wahl nicht auch noch begründen.

»Dann also gute Reise«, erwiderte Gitner.

Es blieb kaum Zeit, dass sich die beiden kleinen Gruppen voneinander verabschiedeten. Die Angehörigen beider Fraktionen schüttelten einander herzlich die Hände, wünschten sich Hals- und Beinbruch und versprachen, sofort Hilfe loszuschicken, sollten sie als Erste die Oberfläche erreichen.

Kurz bevor sie aufbrachen, ging Gitner mit seiner neuen Flinte auf Ali zu. »Ich halte es für nicht mehr als gerecht, wenn du uns deine Karten mitgibst«, sagte er. »Du brauchst sie nicht. Wir schon.«

»Meine Tageskarten?« Sie gehörten ihr. Sie hatte sie mit ihrem künstlerischen Herzblut geschaffen und betrachtete sie als einen Teil von sich.

»Wir müssen uns an alle nur erdenklichen Orientierungspunkte erinnern.«

Es war das erste Mal, dass Ali wünschte, Ike würde für sie eintreten, als sie Gitner die Trommel mit den Karten reichte. »Versprechen Sie, dass Sie gut darauf aufpassen«, sagte sie. »Ich hätte sie eines Tages gern zurück.«

»Klar doch.« Gitner bedankte sich nicht einmal, sondern schob die Trommel einfach in seinen Rucksack und machte sich auf den Weg. Seine Leute folgten ihm.