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Abgesehen von Ali und Ike blieben nur sieben Leute zurück.

»Welchen Weg nehmen wir?«

»Links«, sagte Ike.

»Aber Walker ist mit den Booten nach rechts weg«, sagte Ali. »Ich habe ihn noch gesehen.«

»Könnte funktionieren«, gestand Ike ein. »Aber es ist falsch herum.«

»Falsch herum?«

»Spürst du das nicht?«, fragte Ike. »Das hier ist ein heiliger Ort. Um heilige Orte geht man immer links herum. Berge. Tempel. Seen. So wird es eben gemacht. Im Uhrzeigersinn.«

»Ist das nicht irgend so ein buddhistisches Ding?«, fragte Pia.

»Dante«, sagte Ike. »Hast du das Inferno gelesen? Jedes Mal, wenn sie an eine Weggabelung kommen, biegt die Gruppe nach links ab. Immer nach links. Soviel ich weiß, war Dante kein Buddhist.«

»Das ist das ganze Geheimnis?«, staunte ein stämmiger Geologe. »Haben wir uns die ganzen Monate von einem Gedicht und deinem Aberglauben führen lassen?«

Ike grinste. »Hast du das nicht gewusst?«

Die ersten fünfzehn Tage marschierten sie barfuß. Der Sand war kühl zwischen den Zehen. Sie schwitzten unter ihrem schweren Marschgepäck. Nachts schmerzten ihnen die Oberschenkel. Jetzt forderte die lange Flussfahrt ihren Tribut.

Ike hielt sie ständig in Bewegung, doch eher im gemächlichen Tempo von Nomaden. »Es hat keinen Sinn, sich abzuhetzen«, sagte er. »Wir kommen gut voran.«

Sie lernten das Wasser des urzeitlichen Ozeans besser kennen. Ali tauchte ihre Stirnlampe unter Wasser, doch sie hätte ebenso gut versuchen können, Licht von der Rückseite eines Spiegels hereinfallen zu lassen. Sie schöpfte Wasser mit der hohlen Hand, und es war, als hielte sie die Zeit fest. Das Wasser war uralt.

»Dieses Wasser lebt hier schon seit einer halben Million Jahre«, erklärte ihr Chelsea, die Hydrologin. Es verströmte einen Geruch, als hätte man tief in die Erde gegraben.

Ike ließ ein paar Tropfen auf seine Zunge fallen.

»Schmeckt anders«, kommentierte er. Danach trank er aus dem Meer. Er ließ die anderen selbst entscheiden und wusste, dass sie ihn genau beobachteten, um zu sehen, ob ihm schlecht wurde oder sich sein Urin rot verfärbte.

Am Ende des zweiten Tages tranken alle das Wasser, ohne es vorher zu reinigen.

»Es schmeckt köstlich«, sagte Ali. Eigentlich hatte sie »sinnlich« gemeint, wollte das Wort aber nicht laut aussprechen. Es unterschied sich irgendwie von normalem Wasser, so wie es über die Zunge rann, auch hinsichtlich seiner Sauberkeit. Sie schöpfte sich eine Hand voll ins Gesicht und rieb es über die Wangenknochen. Sie kam zu dem Schluss, dass sich alles nur in ihrem Kopf ab spielte, und dass es etwas mit diesem Ort zu tun haben musste.

Eines Tages sahen sie kleine, schwefelgelbe Blitze hinter dem schwarzen Horizont aufzucken. Ike meinte, es handele sich um Mündungsfeuer, wahrscheinlich weit über hundert Kilometer entfernt, auf der anderen Seite des Meeres. Entweder machte Walker dort Ärger, oder er hatte welchen bekommen.

Das Wasser wies ihnen die Richtung. Seit fast sechs Monaten waren sie ohne Aussicht marschiert, waren in blinden Adern gefangen gewesen. Jetzt hatten sie das Meer. Sie konnten im phosporeszierenden Licht des Wassers bis morgen und sogar bis übermorgen sehen. Es war kein gerader Verlauf, es gab Bögen und Buchten, doch endlich einmal konnten sie wieder so weit sehen, wie es ihre Augen zuließen, eine willkommene Abwechslung zu dem schier endlosen Labyrinth klaustrophobischer Tunnel.

Obwohl sie die Rationen halbiert hatten, litten sie keinen Hunger. Außerdem war immer genug Wasser da, um sie zu erfrischen. Mehrmals am Tag spülten sie ihren Schweiß ab. Sie banden Fäden an ihre Plastikbecher und zogen sich so eine Erfrischung aus dem Meer heraus, ohne sich bücken oder den Marsch unterbrechen zu müssen. Alis Haar war länger geworden. Sie befreite es von seinem Band und ließ die saubere Mähne ungebändigt herunterhängen.

Mit Ike als Anführer waren sie mehr als zufrieden. Er trieb sie nicht. Wenn jemand zu erschöpft war, nahm ihm Ike einen Teil seines Gepäcks ab. Einmal, als Ike erneut zu einem kleinen Erkundungsgang in eine Seitenschlucht losgezogen war, versuchte jemand, seine Last anzuheben. Sie ließ sich nicht einmal bewegen.

»Was hat er bloß da drin?«, fragte Chelsea. Natürlich traute sich niemand nachzusehen, denn das hätte bedeutet, das Schicksal herauszufordern.

Wenn sie nachts das letzte Licht ausmachten, schimmerte der Strand mit einer Phosphoreszenz aus der frühen Kreidezeit. Ali sah stundenlang zu, wie sich der Sand und das tintige Meer miteinander vermählten und dabei die Dunkelheit zurückdrängten. In letzter Zeit legte sie sich immer auf den Rücken und stellte sich beim Beten die Sterne vor. Alles, nur nicht schlafen. Seit Walker das Massaker angerichtet hatte, war für Ali der Schlaf gleichbedeutend mit schlimmen Träumen. Frauen ohne Augen verfolgten sie.

Einmal weckte sie Ike aus einem Albtraum.

»Ali?«, sagte er.

Sand klebte an ihrer verschwitzten Haut. Sie atmete schwer und klammerte sich an seine Hand.

»Ist schon gut«, keuchte sie.

»Es ist nicht so einfach«, murmelte er, »mit dir.«

Bleib, hätte sie beinahe gesagt. Aber was dann? Was sollte sie dann mit ihm anfangen?

»Schlaf jetzt«, sagte Ike. »Du solltest dir nicht alles so zu Herzen nehmen.«

Noch eine Woche verging. Sie wurden langsamer. Nachts knurrten ihre Mägen.

»Wie lange noch?«, fragten sie Ike.

»Wir liegen gut im Rennen«, munterte er sie auf.

»Wir haben Hunger.«

Ike musterte sie von oben bis unten. »So schlimm ist es noch nicht«, sagte er kryptisch. Wie groß musste ihr Hunger denn noch werden?, fragte sich Ali. Und was würde er dann vorschlagen?

»Wo ist das vierte Proviantlager? Wir müssen doch schon ganz in der Nähe sein!«

Alle wussten, dass die nächsten Zylinder in frühestens sechs Tagen heruntergelassen würden. Was sie jedoch nicht davon abhielt, hoffnungsvoll nach Signalen zu lauschen. Jeder von ihnen hatte ein winziges Peilgerät in der Helios-Armbanduhr. Bei der Suche nach dem Signal verbrauchten zuerst Pia, dann Chelsea ihre Uhrenbatterien. Keiner wollte darüber reden, was passierte, wenn Walker und seine Piraten das Proviantlager vor ihnen erreichten.

Die sechs Tage vergingen, und sie hatten noch immer nichts gefunden. Sie schafften jetzt nur noch wenige Kilometer pro Tag. Ike übernahm immer mehr von ihrem Gepäck. Ali schleppte sich gerade noch mit acht Kilo auf dem Rücken dahin.

Ike empfahl, dass sie sich ihre Rationen selbst einteilten. »Teilt euch ein Päckchen Proteinriegel mit zwei oder drei Leuten«, schlug er vor. »Oder esst über eine Periode von zwei Tagen nicht mehr als eins.« Aber er nahm ihnen nie das Essen weg oder rationalisierte es für sie.

Ihn selbst sahen sie nie essen.

»Wovon lebt der Kerl bloß?«, wollte Chelsea von Ali wissen.

Seit dreiundzwanzig Tagen führte Gitner seine Ausgesetzten durch ein steinernes Labyrinth. In der zweiten Woche hatten sie den Fluss aus den Augen verloren. Gitner machte Alis Tageskarten dafür verantwortlich. Er riss die Papierrollen aus der Ledertrommel und schleuderte sie auf den Boden. »So ein Mist!«, schrie er. »Das ist die reinste Sciencefiction!«

Nachdem der Fluss verschwunden war, hatten sie keine Verwendung mehr für ihre Wasserausrüstung. Sie ließen ihre Rettungsanzüge als schwabbeligen Neoprenhaufen zurück.

Gegen Ende der dritten Woche fielen einige Leute zurück und blieben verschwunden. Ein Salzbogen, den sie als Brücke benutzten, brach zusammen und riss fünf weitere in die Tiefe. Beide Ärzte der Expedition erlitten komplizierte Beinbrüche. Auf Gitners Veranlassung wurden sie zurückgelassen. Heile dich selbst, Arzt! Es dauerte zwei volle Tage, bis ihr flehendes Rufen in den Tunneln hinter ihnen verhallt war.

Bei ständig schwindender Teilnehmerzahl stützte sich Gitner auf drei Dinge: sein Gewehr, seine Pistole und den Gruppenvorrat an Amphetaminen. Der Schlaf war ihr Feind. Gitner glaubte immer noch daran, dass sie das dritte Proviantlager finden und die Verbindung nach oben reparieren könnten. Die Lebensmittel gingen zur Neige. Kurz darauf wurden zwei Frauen aus der Gruppe erschlagen aufgefunden. In beiden Fällen war ein Stein benutzt und anschließend das Marschgepäck der Opfer geplündert worden.