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An einer Tunnelgabelung setzte Gitner seine Marschrichtung gegen den Widerstand der Gruppe durch. Er führte sie direkt in ein als Schwammlabyrinth bekanntes geologisches Gebilde. Zuerst dachten sie sich nicht viel dabei. Der poröse Irrgarten bestand aus Hohlräumen, miteinander verbundenen Kammern und Gesteinsblasen, die sich in alle Richtungen erstreckten. Es war so, als kletterte man durch einen gigantischen, erstarrten Schwamm.

»Jetzt haben wir eine Spur«, behauptete Gitner. »Offensichtlich hat sich eine gasartige Lösung aus dem Inneren nach oben gefressen. Dadurch können wir ebenfalls rascher hinaufsteigen.«

Die Verbliebenen seilten sich hinauf und bewegten sich jetzt hauptsächlich in vertikaler Richtung durch die engen Röhren. Löcher verengten sich und klafften dann gähnend ins Nichts. Immer wieder musste das Gepäck durch Spalten und Zwischenräume hinauf- und hindurchgereicht werden. All das kostete viel Zeit.

»Wir müssen zurückgehen«, knurrte jemand zu Gitner hinauf. Gitner band sich vom Seil los, damit niemand ihn zurückziehen konnte, und kletterte einfach weiter. Auch die anderen lösten sich vom Seil, und bald waren wieder einige verschwunden, was Gitner nur mit dem Satz »Allmählich erreichen wir unsere optimale Kampfgruppenstärke« kommentierte. In der Nacht hörten sie die Stimmen der Verlorenen, die versuchten, die Gruppe ausfindig zu machen. Gitner warf lediglich mehr Tabletten ein und ließ das Licht brennen.

Schließlich waren nur noch Gitner und ein anderer Mann übrig.

»Du hast alles vermasselt, Boss«, krächzte er.

Gitner schoss ihm in den Kopf. Er lauschte, wie der Körper tiefer und tiefer polterte, dann drehte er sich um und stieg weiter, überzeugt davon, dass ihn die Schwammwucherungen aus der Unterwelt wieder zurück zur Sonne bringen würden. Irgendwo unterwegs hängte er sein Gewehr an einen Vorsprung. Ein Stück weiter ließ er die Pistole zurück.

Am 15. November um 4.40 Uhr hörte der Schwamm auf. Gitner hatte eine feste Gesteinsdecke erreicht. Er zog seinen Rucksack nach vorne und setzte vorsichtig das Funkgerät zusammen. Die Batterie war so gut wie verbraucht. Mit großer Sorgfalt befestigte er die Antennendrähte an mehreren Schwammgebilden, setzte sich auf einen Marmorvorsprung, ordnete seine Gedanken und räusperte sich. Dann schaltete er das Funkgerät ein.

»Mayday, Mayday«, sagte er, und ein unbestimmtes Déjà-vu-Gefühl beschlich ihn. »Hier ist Professor Gitner von der University of Pennsylvania, Mitglied der subpazifischen Helios-Expedition. Niemand von meiner Gruppe ist mehr am Leben. Ich bin als Einziger übrig und brauche Hilfe. Ich wiederhole: Bitte schicken Sie Hilfe.«

Dann war die Batterie alle. Er legte den Apparat zur Seite, nahm seinen Hammer in die Hand und fing an, an der Decke zu kratzen. Eine Erinnerung, die keine genaue Gestalt annehmen wollte, geisterte in seinem Kopf herum. Er hämmerte immer entschlossener drauflos.

Mitten im Ausholen hielt er inne und senkte den Hammer. Vor fünf Monaten hatte er seiner eigenen Stimme zugehört, die genau den Notruf formuliert hatte, den er soeben ausgesendet hatte. Er hatte einen Bogen zu seinem eigenen Anfang geschlagen.

Für einige Leute hätte das neue Hoffnung bedeutet.

Für Gitner bedeutete es das Ende.

Ich sitze an die Klippe gelehnt,

und die Jahre ziehen dahin,

bis das Gras zwischen meinen Füßen wächst

und der rote Staub meinen Kopf bedeckt.

Und die Menschen der Welt,

die mich für tot halten,

suchen mich auf mit ihren Opfergaben,

die sie neben meinen Leichnam legen.

HAN SHAN,

Gedichte vom Kalten Berg (ca. 640 n. Chr.)

22

Üble Winde

IN DEN DOLOMITEN

Seit dem Abend, an dem sie zum ersten Mal zusammengekommen waren, hatten die Gelehrten auf diesen Tag zugearbeitet. Monatelang hatten sie ihre Reisen wie eine Hand voll Würfel über die Weltkarte geworfen. Endlich saßen sie wieder beisammen, beim Essen in de l’Ormes Burg auf einem Schwindel erregend hohen Kalksteinfelsen.

»Ist es nicht herrlich hier?«, sagte de l’Orme. Er hatte ihnen bereits von den Ursprüngen der Burg berichtet: Ein deutscher Kreuzritter war vor den Mauern von Jerusalem verrückt geworden und auf diese Felsen hier verbannt worden. Es war eine vergleichsweise kleine Burg. Das beinahe perfekte, direkt an den Rand des Felssturzes gebaute Rund erinnerte ein wenig an einen Leuchtturm. Der Esssaal war kahl, die Wände nackt, nicht einmal ein Gobelin oder ein Keilerkopf hingen dort. De l’Orme hatte keinen Bedarf an Dekor.

De l’Orme schlug vor, auf ihre großzügigen Herzen und ihren sogar noch großzügigeren Appetit zu trinken. Er war zwar der Gastgeber, doch es war nicht direkt seine Party. Thomas hatte das Treffen einberufen, nur wusste bislang niemand so recht, warum. Seit seiner Ankunft hatte sich Thomas in brütendes Schweigen gehüllt. Doch zunächst widmeten sie sich der Mahlzeit.

Eine heiße Suppe und der Wein erweckten ihre Lebensgeister wieder, und sie erfreuten sich an der Gesellschaft ihrer Gefährten. Die meisten waren einander zu Beginn ihrer gemeinsamen Aufgabe noch fremd gewesen, und seitdem Thomas sie in alle Winde zerstreut hatte, waren sich nur einige von ihnen zwischendurch wieder begegnet. Doch mittlerweile fühlten sie sich ihrer gemeinsamen Aufgabe so stark verpflichtet, dass sie ebenso gut Brüder und Schwestern hätten sein können. Aufmerksam lauschten alle den Erzählungen der anderen.

January berichtete von der letzten Stunde mit Desmond Lynch am Flughafen von Phnom Penh. Er war auf der Suche nach dem Warlord, der behauptete, sich mit Satan getroffen zu haben. Seither hatte niemand etwas von ihm gehört.

Sie warteten darauf, dass auch Thomas etwas erzählte, aber er war abwesend und melancholisch. Er war spät eingetroffen, hatte eine rechteckige Schachtel mitgebracht und gab sich unnahbar.

»Und wo ist Santos?«, erkundigte sich Mustafah bei de l’Orme. »Ich bekomme allmählich den Eindruck, er kann uns nicht leiden.«

»Er ist nach Johannesburg geflogen«, antwortete de l’Orme. »Es scheint, als habe sich dort eine weitere Gruppe von Hadal ergeben - und zwar einer Hand voll unbewaffneter Minenarbeiter!«

»Das ist schon die Dritte in diesem Monat«, sagte Parsifal. »Eine im Ural, die Zweite bei Yucatan.«

»Fangen wir an«, sagte Thomas abrupt.

Sie hatten lange damit gewartet, ihre Informationen zusammenzutragen. Endlich ging es los. Es dauerte jedoch nicht lange, bis der Austausch in einen allgemeinen gleichberechtigten Ideentausch umschlug. Sie psycho-analysierten Satan wie wissenshungrige Erstsemester. Die Spuren führten in viele Richtungen zugleich. Obwohl sie es besser wussten, übertrafen sie einander genüsslich mit immer wilderen Theorien.

»Ich bin so erleichtert«, gab Mustafah zu. »Ich dachte schon, ich sei der Einzige, der zu derart außergewöhnlichen Schlussfolgerungen gekommen ist.«

»Wir sollten uns an das halten, was wir bestimmt wissen«, erinnerte ihn Foley prüde.

»In Ordnung«, sagte Vera. Doch es wurde nur noch wilder.

Sie kamen darin überein, dass es sich um einen »er« handele. Mit Ausnahme der viertausend Jahre alten sumerischen Sage von Königin Ereschkigal - in Assyrien auch Allatu genannt -, wurde der Herrscher der Unterwelt stets als männliche Erscheinung dargestellt. Selbst wenn der zeitgenössische Satan sich als ganze Führungsclique herausstellen sollte, wurde sie höchstwahrscheinlich von einer männlichen Sensibilität dominiert, einem Drang zum Herrschen und der Bereitschaft, dafür Blut zu vergießen.