Sie extrapolierten aus vorherrschenden Ansichten über das Verhalten Von Alpha-Männchen im Tierreich, über Territorialansprüche und reproduktive Tyrannei. Bei solchen Charakteren war Diplomatie eine unsichere Bank. Eine geballte Faust oder eine leere Drohung stachelten ihn womöglich erst recht an.
Seine Anonymität war eine Fertigkeit, eine Kunst, aber nicht unfehlbar. Er war noch nie gefasst worden. Aber man hatte ihn gesichtet. Niemand wusste genau, wie er aussah, was bedeutete, dass er nie so auftrat, wie man es erwartete. Höchstwahrscheinlich hatte er weder rote Hörner noch gespaltene Hufe noch einen Schwanz mit einem Stachel an der Spitze. Dass er gelegentlich grotesk und animalisch, dann wiederum verführerisch, lüstern und sogar gut aussehend sein konnte, ließ auf Masken, mehrere Statthalter oder Spione schließen. Oder auf eine Folge satanischer Persönlichkeiten.
Die inzwischen nachgewiesene Fähigkeit, Erinnerung von einem Bewusstsein zum anderen zu transferieren, war, laut Mustafah, bezeichnend. Durch Wiedergeburt war eine der Theokratie der Dalai Lamas ähnliche »Dynastie« möglich.
»Vielleicht täte Satan besser daran, einfach auszusterben und sich mit einem Dasein als bloßes Konzept zufrieden zu geben«, meinte de l’Orme respektlos, »als ständig darum zu kämpfen, Wirklichkeit zu werden. Durch die permanente Herumschnüffelei im Lager der Menschheit ist der Löwe zur Hyäne degeneriert. Der Sturm ist zu einem Hauch übler Winde geworden, zu einem Furz in der Nacht.«
»Je mehr ich über die hadalische Kultur erfahre«, sagte Mustafah, »desto überzeugter bin ich davon, dass es sich um eine Kultur im Niedergang handelt. Es kommt mir vor, als sei eine kollektive Intelligenz an Alzheimer erkrankt und verlöre jetzt nach und nach komplett die Orientierung.«
»Ich denke eher an Autismus, nicht Alzheimer«, sagte Vera. »Das Unvermögen, die äußere Welt zu erkennen, und damit auch die Unfähigkeit, etwas zu schaffen. Seht euch nur die Kunstgegenstände an, die von den Hadal aus dem Subplaneten heraufkommen. In den vergangenen drei- bis fünftausend Jahren sind diese Produkte den von Menschenhand geschaffenen immer ähnlicher geworden: Münzen, Waffen, Höhlenkunst, Werkzeuge. Vergleicht das doch mal mit dem Massensterben der hadalischen Bevölkerung! Irgendetwas ist da unten schief gelaufen. Sie haben sich nicht weiterentwickelt. Sie sind bestenfalls Packratten geworden, die von Menschen entwendeten Krimskrams in ihren Stammesnestern horten und immer weniger wissen, wer sie überhaupt sind.«
»Vera und ich haben auch darüber diskutiert«, sagte Mustafah. »Wenn man in den fossilen Dokumenten hunderttausend Jahre zurückgeht, dann sieht es ganz so aus, als hätten die Hadal damals Werkzeuge und sogar Kunstgegenstände aus Metalllegierungen hergestellt, lange bevor die Menschen auf der Erdoberfläche dazu in der Lage waren. Wer weiß, vielleicht haben die Menschen das Feuer überhaupt nicht entdeckt. Vielleicht hat man uns beigebracht, wie man es entfacht! Und jetzt sind diese grotesken Kreaturen in die Barbarei zurückgefallen und ziehen sich in die tiefsten Löcher zurück. Eine traurige Angelegenheit.«
»Die Frage ist nur«, sagte Vera, »ist dieser allgemeine Niedergang für alle Hadal charakteristisch?«
»Und vor allen Dingen«, nickte January, »inwieweit betrifft das alles Satan?«
»Zwischen einem Volk und seinem Anführer besteht immer ein gewisses Wechselspiel«, sagte Mustafah. »Er ist ein Spiegelbild seines Volkes, eine Art umgekehrter Gott.«
»Willst du damit sagen, dass der Anführer sie gar nicht anführt? Dass er vielmehr seinem umnachteten Volk nachfolgt?«
»So ungefähr«, erwiderte Mustafah. »Selbst der isolierteste Despot spiegelt sein Volk wider. Ansonsten wäre er nur ein einsamer Verrückter.«
»Vielleicht ist er ja genau das«, sagte Vera. »Isoliert. Durch sein Genie abgesondert. Deshalb durchwandert er die Welt und versucht, von den Seinen abgeschnitten, sich auch bei uns einzumischen.«
»Sind wir denn so attraktiv für sie?«, fragte sich January.
»Warum nicht? Vielleicht sehen sie ja unsere Zivilisation, unsere intellektuelle wie körperliche Gesundheit sozusagen als ihre Erlösung an? Was, wenn wir für sie - oder für ihn - das Paradies darstellen, so wie ihre Dunkelheit, Barbarei und Unwissenheit für uns immer die Hölle symbolisierte?«
»Und Satan hat genug davon, Satan zu sein?«, fragte Mustafah.
»Genau!«, sagte Parsifal. »Was könnte besser zu ihm passen, dem größten Judas aller Zeiten? Dieser Ratte, die das sinkende Schiff verlässt?«
January öffnete ihnen ihre Handflächen wie rosafarbene Früchte. »Warum so abstrakt?«, fragte sie. »Die Theorie funktioniert auch mit einer ganz simplen Erklärung. Was, wenn Satan heraufgekommen wäre, um mit uns ein Geschäft zu machen? Um Wissen, Information, um das Überleben einzuhandeln. Was, wenn er ebenso fieberhaft nach jemandem sucht, wie wir versuchen, ihn ausfindig zu machen?«
Foleys Bleistift wirbelte wie ein gelber Fächer hin und her. »Genau daran habe ich auch gedacht«, sagte er. »Nur bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass er uns bereits gefunden hat.«
»Was?«, entfuhr es allen Anwesenden gleichzeitig. Nur Thomas blickte mit gerunzelter Stirn in die Runde.
»Wenn es eins gibt, das ich als Unternehmer gelernt habe, dann das, dass neue Ideen immer in Wellen auftreten. Warum sollte es bei der Idee des Friedens anders sein? Warum sollte unser Satan nicht ebenso wie wir an ein Gipfeltreffen oder einen Waffenstillstand gedacht haben?«
»Aber du vermutest, dass er uns bereits gefunden hat.«
»Warum nicht? Wir sind nicht unsichtbar. Das Projekt Beowulf ist bereits seit anderthalb Jahren auf der ganzen Welt aktiv. Wenn Satan auch nur halb so intelligent ist, wie wir annehmen, dann hat er garantiert von uns gehört. Und uns ausfindig gemacht. Vielleicht hat er uns sogar bereits infiltriert.«
»Absurd!«, riefen alle. Aber sie wollten mehr über seine Theorie erfahren.
»Wie steht es denn mit Beweisen?«, fragte Thomas.
»Ja, die Beweise«, sagte Foley. »Es sind deine eigenen Beweise, Thomas. Hast du nicht selbst die Idee ins Spiel gebracht, Satan wolle womöglich mit einem Anführer in Kontakt treten, der so verzweifelt ist wie er selbst? Mit einem Anführer wie beispielsweise diesem Warlord, den Desmond Lynch im Dschungel aufsuchen wollte. Du hast sogar vermutet, dass Satan vielleicht eine Kolonie auf der Oberfläche gründen wolle! Vor aller Augen, in einem Land wie Burma oder Ruanda, an Orten also, die so abgelegen sind, dass sich niemand traut, einen Fuß über ihre Grenze zu setzen.«
»Willst du damit etwa andeuten, ich sei Satan?«, fragte Thomas ironisch.
»Nein. Überhaupt nicht.«
»Da bin ich ja erleichtert. Wer dann?«
Foley setzte alles auf eine Karte: »Desmond Lynch.«
»Was redest du da?«, protestierte January. »Der arme Mann ist verschwunden. Vielleicht haben ihn die Tiger gefressen.«
»Vielleicht. Wenn er sich nun aber in unsere Mitte eingeschlichen hatte? Um unsere Gedanken zu belauschen? Um auf eine Gelegenheit wie diese zu warten, einen Pakt mit einem Warlord zu schließen?«
»Absurd.«
Foley legte den gelben Bleistift ordentlich neben seinen Notizblock. »Wir hatten uns doch auf bestimmte Dinge geeinigt. Dass Satan ein gerissener Betrüger ist. Ein Meister der Verkleidung. Und dass er es womöglich darauf angelegt hat, ein Abkommen zu schließen, um Frieden oder zumindest ein sicheres Versteck zu bekommen, ganz egal. Ich weiß nur, dass Desmond Lynch zuletzt lebend gesehen wurde, als er kurz davor war, in einen Dschungel zu reisen, den niemand zu betreten wagt.«
»Ist dir bewusst, was du da sagst?«, fragte Thomas. »Ich habe den Mann selbst ausgewählt. Ich kenne ihn seit Jahrzehnten.«