»Satan ist geduldig. Er verfügt über Unmengen von Zeit.«
»Du behauptest, Lynch habe uns von Anfang an etwas vorgemacht? Uns benutzt?«
»Genau.«
Thomas sah traurig aus. Traurig und entschlossen.
»Dann klage ihn selbst an«, sagte er. Mit diesen Worten stellte er seine Schachtel auf den Tisch, mitten zwischen Käse und Obst. Unter den verschiedenen Postaufklebern kamen diplomatische Siegel aus zerbrochenem Wachs zum Vorschein. »Das hier wurde mir vor drei Tagen zugestellt«, sagte Thomas. »Es kam über Rangun und Peking. Es ist auch der Grund dafür, dass ich euch alle hier zusammengerufen habe.«
Lynchs Kopf war in Schellack getaucht worden. Er wäre sicherlich nicht damit einverstanden gewesen, was diese Behandlung mit seinem dichten, schottischen Haarschopf angestellt hatte, der normalerweise an der rechten Schläfe gescheitelt war. Hinter den leicht geöffneten Lidern konnten sie runde Kieselsteine erkennen.
»Sie haben seine Augen ausgekratzt und Steine eingesetzt«, sagte Thomas. »Womöglich bei lebendigem Leibe. Vermutlich war er auch noch am Leben, als sie ihm das hier antaten.« Er zog eine Halskette aus Menschenzähnen hervor.
»Warum zeigst du uns das?«, flüsterte January.
Mustafah senkte den Blick auf seinen Teller. Foleys Arme lagen schlaff auf den Stuhllehnen. Parsifal war wie vor den Kopf geschlagen.
»Noch etwas«, fuhr Thomas fort. »In seinem Mund fand man Genitalien. Die Genitalien eines Affen.«
»Wie kannst du es wagen«, flüsterte de l’Orme. Er witterte den Tod im Schweigen der anderen. »Hier, in meinem Haus, an meinem Tisch?«
»Ja, ich habe das hier in dein Haus gebracht, an deinen Tisch. Damit ihr nie wieder an mir zweifelt.« Thomas stand da, die großen Knöchel flach auf der Eichenplatte, den misshandelten Kopf vor sich. »Meine Freunde«, sagte er, »- wir sind am Ende angekommen.«
Seine Worte entsetzten sie nicht weniger, als hätte er noch einen zweiten Kopf auf den Tisch gelegt.
»Am Ende?«
»Wir haben versagt.«
»Wie kannst du so etwas sagen?«, widersprach ihm Vera. »Nach allem, was wir erreicht haben?«
»Seht ihr denn nicht den armen Lynch?«, sagte Thomas und hielt den Kopf in die Höhe. »Könnt ihr denn eure eigenen Worte nicht hören? Ist das hier Satan?«
Sie antworteten nicht, und er legte das grauenhafte Beweisstück zurück in die Schachtel.
»Ich bin ebenso dafür verantwortlich wie ihr«, sagte Thomas.
»Ja, ich habe die Möglichkeit in Betracht gezogen, Satan habe Kontakt zu einem irgendwo versteckten Despoten aufgenommen, und das hat euch auf eine falsche Fährte geführt. Aber ist es nicht ebenso wahrscheinlich, dass sich Satan mit einer anderen Sorte von Tyrann in Verbindung gesetzt hat, zum Beispiel mit dem Oberhaupt von Helios? Oder heißt das jetzt, dass ein anderer von uns Satan sein muss? Vielleicht sogar du, Brian? Nein, das glaube ich nicht.«
»Na schön, ich habe mich hinreißen lassen«, warf Foley ein. »Trotzdem sollten wir unsere Suche nicht wegen einer überstürzten Schlussfolgerung anfechten.«
»Der ganze Beowulf-Kreis ist eine überstürzte Schlussfolgerung«, erwiderte Thomas. »Wir haben uns von unserem eigenen Wissen in die Irre führen lassen. Wir kennen Satan keinen Deut besser als zu Beginn unserer Suche. Wir sind am Ende.«
»Ganz bestimmt nicht«, warf Mustafah ein. »Es gibt noch so vieles, was wir herausfinden müssen.«
Alle Gesichter drückten die gleiche Empfindung aus.
»Ich kann die Entbehrungen und die Gefahren nicht mehr rechtfertigen«, sagte Thomas.
»Du musst auch nichts rechtfertigen«, gab Vera trotzig zurück. »Wir alle haben von Anfang an aus eigenen Stücken mitgemacht. Sieh uns an.«
Trotz der schweren Prüfungen und der schweren gesundheitlichen Belastungen waren sie nicht mehr die geisterhaften Gestalten, die Thomas im Metropolitan Museum of Art zusammengerufen hatte, um das Unternehmen aus der Taufe zu heben. Ihre Gesichter waren von südländischer Sonne gebräunt, ihre Haut von Wind und Kälte gegerbt, ihre Augen funkelten vor Abenteuerlust. Sie hatten auf den Tod gewartet, und sein Ruf hatte ihnen das Leben zurückgegeben.
»Die Gruppe möchte eindeutig weitermachen«, sagte Mustafah.
»Außerdem wurde eine weitere Geisterübertragung aus der Erde aufgefangen«, sagte Parsifal. »Von der HeliosExpedition. Der Datumcode nennt den 8. August. Das ist schon fast vier Monate her, ich weiß. Aber immerhin ganze vier Wochen aktueller, als alles andere, was wir bis jetzt empfangen haben. Die digitale Folge muss noch entsprechend verstärkt werden, und es ist auch nur ein Teil einer Nachricht, irgendetwas über einen Fluss. Aber sie sind am Leben. Waren es jedenfalls. Noch vor wenigen Wochen. Wir können uns nicht einfach von ihnen lossagen, Thomas. Sie sind von uns abhängig.«
Parsifals Bemerkung war nicht grausam gemeint, doch sie ließ Thomas’ Kinn auf die Brust sinken. Woche um Woche war sein Gesicht mehr eingefallen. Es war, als würde er von dem, was er da in Gang gesetzt hatte, heimgesucht.
»Nein«, sagte Thomas, »wir haben Lynch an den Dschungel verloren, Rau an den Wahnsinn. Und Branch an seine Besessenheit. Wir haben eine junge Frau tief unter die Erde in den sicheren Tod geschickt. Ich habe euch euren Familien entrissen. Jeder weitere Tag bringt neue Gefahren.«
»Aber Thomas«, sagte Vera. »Wir sind doch freiwillig dabei.«
»Nein«, erwiderte er. »Ich kann das nicht länger gutheißen.«
»Dann hörst du eben auf«, ließ sich de l’Ormes Stimme vernehmen. Hinter seinem Kopf, auf der anderen Seite der Fensterscheibe, ballten sich dunkle Gewitterwolken zu einem spätnachmittäglichen Unwetter zusammen. De l’Ormes Gesicht strahlte zuversichtlich im Widerschein des Kammfeuers. Sein Ton war ernst.
»Wenn du möchtest, kannst du die Fackel weiterreichen«, sagte er zu Thomas, »aber du darfst sie nicht auslöschen.«
»Wir sind so verdammt nahe dran, Thomas«, sagte January.
»Woran?«, fragte Thomas. »Zusammengerechnet verfügen wir über fünfhundert Jahre an Wissen und Erfahrung. Und wohin hat uns das nach anderthalb Jahren intensiver Suche geführt?« Er ließ die Kette mit Lynchs Zähnen wie einen Rosenkranz in die Kiste gleiten. »Zu der Annahme, dass einer von uns Satan sein muss. Meine Freunde, wir haben so lange ins dunkle Wasser gestarrt, dass es sich inzwischen in einen Spiegel verwandelt hat.«
In nicht allzu weiter Entfernung zuckte ein Blitz zwischen zwei Kalksteinnadeln auf. Der Donner ließ den Raum erbeben.
»Du kannst uns nicht aufhalten, Thomas«, sagte de l’Orme. »Wir haben unsere eigenen Mittel. Wir folgen unseren eigenen Geboten. Wir folgen dem Pfad, den du uns gewiesen hast, wohin er uns auch führen mag.«
Thomas setzte den Deckel auf die Schachtel und legte die Hände auf den Pappdeckel. »Dann folgt ihm«, sagte er. »Es schmerzt mich sehr, so etwas sagen zu müssen, aber von diesem Tag an folgt ihr eurem Pfad ohne mich. Meine Freunde, mir fehlt eure Kraft, und mir fehlt eure Überzeugung. Vergebt mir meinen Zweifel. Gott schütze euch.« Er nahm die Schachtel in die Hand.
»Geh nicht«, flüsterte January.
»Auf Wiedersehen«, sagte er und trat in das tobende Gewitter hinaus.
Und mit einem Mal war es kein
unbeschriebener Ort köstlicher
Geheimnisse mehr ...
JOSEPH CONRAD,
Herz der Finsternis
23
Das Meer
UNTER DEM MARIANENGRABEN, 6010 FADEN
Das Meer nahm kein Ende. Sie waren schon einundzwanzig Tage unterwegs. Ike bestimmte das Tempo, ließ sie alle halbe Stunde rasten, füllte ihre Wasserflaschen nach, gratulierte ihnen zu ihrer Ausdauer.
»Verdammt, warum bin ich damals nicht mit euch auf den Makalu gestiegen?«, sagte er immer wieder.