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Neben Ike erwies sich Troy, der forensische Anthropologe, als der Zäheste. Er war ein junger Bursche, der wahrscheinlich noch zu Hause die Sesamstraße angesehen hatte, als Ike auf die Himalaya-Gipfel gestiegen war. Er versuchte, Ike nachzueifern, fürsorglich und immer hilfsbereit, und er machte seine Sache gut. Manchmal ließ Ike ihn vorne gehen. Es war eine vertrauensvolle Aufgabe, seine Art, dem Jüngeren Anerkennung zu zollen.

Ali fand, dass sie am meisten zum allgemeinen Wohlbefinden beitragen konnte, wenn sie mit Twiggs marschierte, den alle anderen am liebsten gefesselt und geknebelt zurückgelassen hätten. Sobald er aufwachte, fing der Mikrobotaniker an, zu jammern und zu schimpfen. Außerdem war er der geborene Schnorrer. Nur Ali konnte mit ihm umgehen. Sie behandelte ihn wie eine von Akne geplagte Novizin. Wenn Pia oder Chelsea über ihre Geduld staunten, erklärte Ali ihnen, dass irgend jemand das schwächste Glied sein musste, wenn nicht Twiggs, dann ein anderer. Ihr war noch keine Gruppe ohne Sündenbock untergekommen.

Ihre Zelte waren längst vergessen. Sie schliefen auf dünnen Schlafmatten, eher eine Erinnerung an ihre frühere Expeditionskultur. Nur noch drei von ihnen besaßen Schlafsäcke, für die anderen waren die anderthalb Kilo Extragepäck zu schwer gewesen. Wenn es kühler wurde, drängten sie sich eng aneinander und breiteten die Schlafsäcke wie eine große Decke über allen aus. Ike schlief fast nie bei ihnen. Normalerweise nahm er sein Gewehr, schlenderte davon und kehrte erst am Morgen wieder zurück.

An einem jener Morgen wachte Ali auf, bevor Ike zurück war, und ging zum Strand hinunter, um sich das Gesicht zu waschen. Gerade als sie um einen großen Felsbrocken herumgehen wollte, hörte sie Stimmen. Sie hörten sich sehr fein und zerbrechlich an. Ali wusste sofort, dass es nicht Englisch, wahrscheinlich überhaupt keine Menschensprache war. Sie lauschte aufmerksamer, schob sich dann vorsichtig ein paar Schritte weiter bis dicht an die Flanke des Felsens und hielt sich versteckt.

Sie wagte kaum, Luft zu holen. Eine der Stimmen unterschied sich nur unwesentlich von den sanft am Ufer plätschernden Wellen. Die andere verband die Vokale weniger fließend miteinander und artikulierte die Pausen und Enden ihrer Wortreihen prägnanter. Beide klangen höflich und alt. Sie machte noch einen Schritt um den Felsen und sah sie.

Es waren nicht zwei, sondern drei. Einer war ein geflügelter Dämon von der Sorte, wie sie Shoat und Ike getötet hatten. Er schwebte direkt über dem Wasser, mit flach ausgestreckten Händen, während sich seine Flügel sanft auf und nieder bewegten. Die beiden anderen schienen Zwitterwesen zu sein, halb Mensch, halb Fisch. Eines lag auf die Seite gestützt im Sand mit den Füßen im Wasser, das andere ließ sich lässig vom Wasser tragen. Ihre glänzenden Köpfe und Augen erinnerten an Robben, aber sie hatten spitz gefeilte Zähne. Ihre Haut war weiß und glitschig, mit dünnem schwarzem Haarflaum auf den Rücken.

Erst hatte Ali Angst gehabt, die Wesen würden vor ihr die Flucht ergreifen. Plötzlich hatte sie Angst, dass sie genau das nicht tun würden.

Eines der Wasserwesen drehte sich gemächlich zu ihr um und verzog den Mund wie ein Pavian. Sein scharfes Gebiss sah nicht gerade einladend aus.

»Oh!«, sagte Ali törichterweise.

Was hatte sie sich nur dabei gedacht, allein hierher zu kommen?

Sie betrachteten sie mit der Gelassenheit entspannter Philosophen. Eines der Amphibienwesen beendete seinen Satz in der leise plätschernden Sprache, ohne den Blick von Ali zu wenden.

Ali überlegte, ob sie zur Gruppe zurücklaufen sollte. Sie setzte einen Fuß hinter sich, um sich umzudrehen und loszurennen. Der fliegende Dämon warf ihr einen Blick aus dem Augenwinkel zu.

»Nicht bewegen«, murmelte Ike. Er kauerte auf dem Steinbrocken links von ihr. Die Pistole lag in seiner Hand.

Die drei Gestalten unterhielten sich nicht mehr. Außer den am Strand leckenden Wellen war nichts zu hören. Nach einer Weile warf der fliegende Dämon abermals einen kurzen Blick in Alis Richtung, stieß sich von der Wasseroberfläche ab und flog dann mit trägem Flügelschlag davon, ohne sich mehr als ein paar Zentimeter über das Meer zu erheben. Die beiden Wasserwesen glitten unter die Wasseroberfläche, und es war, als hätte sie ein großer Mund verschluckt. Die Lippen des Meeres schlossen sich über ihnen.

»Ist das eben wirklich passiert?«, fragte Ali mit heiserer Stimme. Ihr Herz pochte wie wild. Sie machte ein paar Schritte nach vorne, um die Abdrücke auf dem Sand zu überprüfen.

»Geh nicht zu nah ans Wasser«, warnte sie Ike. »Sie warten auf dich.«

»Sind sie immer noch da?« Diese Gestalten aus einer Traumwelt sollten ihr auflauern? Sie waren ihr so friedlich vorgekommen.

»Geh jetzt lieber zurück. Du machst mich nervös.«

»Ike ... kannst du sie verstehen?«, sprudelte es plötzlich aus ihr heraus.

»Kein einziges Wort. Nicht diese hier.«

»Gibt es denn noch andere?«

»Ich habe euch doch schon oft gesagt, dass wir nicht allein sind.«

»Aber sie tatsächlich zu sehen .«

»Ali. Wir bewegen uns schon die ganze Zeit zwischen ihnen.«

»Zwischen solchen hier?«

»Und auch anderen, von deren Existenz du nichts wissen willst.«

»Aber sie sahen so friedlich aus. Wie drei Dichter.«

Ike schüttelte ungläubig den Kopf.

»Warum haben sie uns nicht angegriffen?«, fragte Ali leise.

»Ich weiß es nicht. Es kam mir beinahe vor, als hätten sie mich erkannt.« Er zögerte.

»Oder dich.«

Branch schaffte es einfach nicht, sie einzuholen. Er schnitt ihnen immer wieder den Weg ab, aber genauso oft verlor er ihre Spur wieder. Fieberanfälle schüttelten ihn, und er kämpfte gegen die Versuchung, sich einfach in eine Mulde zu legen und zu schlafen. Aber stehen zu bleiben hieß, kilometerweit die Jäger anzulocken. Wenn ihn einer aufspürte, während er schlief, war alles vorbei. Also hielt sich Branch weiter auf den Beinen.

Er kam am Skelett einer Frau vorbei. Ihr langes schwarzes Haar lag neben dem Schädel, was ungewöhnlich war, denn geflochten würde es eine durchaus brauchbare Schnur abgeben. Dass man es einfach liegen gelassen hatte, verriet ihm, dass es noch andere Menschen zur Auswahl gegeben hatte. Das war gut. Also konzentrierten sich die Jäger nicht auf ihn.

Dann stieß er auf einen schwabbeligen Haufen mit Rettungsanzügen, von denen mehrere durchbohrt oder zerstückelt waren. Einem Hadal mussten die Neoprenanzüge wie übernatürliche Häute oder sogar lebende Tiere vorkommen. Er durchwühlte den Haufen und streifte sich einen Anzug über, der noch fast unversehrt war.

Kurz darauf fand Branch die Papierrollen mit Alis Karten. Er ging sie eilig in chronologischer Folge durch.

Am Ende berichtete eine andere Handschrift von Walkers Verrat am Meer und von der Aufsplitterung der Gruppe. Jetzt wurde ihm klar, weshalb dieser Trupp hier sich verlaufen hatte und warum er Ike nirgendwo finden konnte. Branch wusste jetzt, wohin seine Reise ging: Zu dem unterirdischen Ozean. Dort würde er weitere Zeichen finden. Er nahm die Karten an sich und machte sich auf den Weg.

Einen Tag darauf bemerkte Branch, dass er verfolgt wurde. Er konnte sie förmlich im Luftstrom wittern, und das beunruhigte ihn. Da seine Nase nicht besonders sensibel war, mussten sie schon ziemlich nahe sein. Ike hätte sie viel früher wahrgenommen. Wieder einmal fühlte er sich alt. Jetzt blieb ihm die gleiche Wahl wie jedem anderen gejagten Tier: Kämpfen oder Flüchten. Branch wählte die zweite Möglichkeit.

Nach drei Stunden hatte er den Fluss erreicht. Er sah den Pfad, der am Ufer entlangführte, doch dafür war es zu spät. Er drehte sich um und sah sie. Vier Hadal, die blass wie Larven auf der Böschung über ihm ausschwärmten.

Ein schlanker Speer - Schilfrohr mit einer Spitze aus Obsidian - zersplitterte auf dem Felsen direkt neben ihm. Ein zweiter zischte ins Wasser. Branch hätte mit Leichtigkeit den jungen Burschen erschießen können, der sich von links näherte. Damit wären immer noch drei übrig geblieben, was an der Notwendigkeit dessen, was er ohnehin tun musste, nichts geändert hätte.