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Sein Sprung war unbeholfen und das Gewehr und die wasserdichte Trommel mit den Landkarten behinderten ihn. Er hatte gleich bis ins Tiefe springen wollen, doch sein Fuß traf auf einen Stein. Mit einem schnalzenden Geräusch sprang sein rechtes Knie aus dem Gelenk. Er hielt sich am Gewehr fest, die Karten jedoch entglitten seinen Händen und blieben am Ufer zurück. Die Strömung riss ihn weiter und zog ihn sofort nach unten. Branch ergab sich dem Fluss, solange er den Atem anhalten konnte. Dann riss er an der Leine des Rettungsanzugs und spürte, wie sich die Kammern füllten. Wie ein Korken schoss er an die Wasseroberfläche.

Einer von den Hadal verfolgte ihn immer noch am Ufer. In dem Augenblick, in dem Branchs Kopf aus dem Wasser auftauchte, schleuderte sein Verfolger in vollem Lauf den Speer auf ihn. Die Waffe drang tief ein, und im gleichen Augenblick feuerte Branch sein Gewehr noch unter Wasser ab. Das Wasser peitschte wie eine lange Hahnenfeder auf. Der Hadal wirbelte herum und stürzte ins Wasser.

In den folgenden fünf Tagen leistete der tote Hadal dem treibenden Branch auf dem Weg zum Meer Gesellschaft. Der Fluss war wie eine Mutter, die ihren so unterschiedlichen Kindern die gleiche Fürsorge entgegenbrachte. Er trank ihr Wasser. Sein Fieber kühlte ab.

Schließlich löste sich der Speer aus ihm. Kleine, blasse Aale saugten zärtlich an ihm. Sie labten sich an seinem Blut, doch auf diese Weise blieb die Wunde sauber. Irgendwo unterwegs gelang es ihm auch, das Knie wieder einzurenken. Bei den vielen Schmerzen war es kein Wunder, dass er auf seiner Reise zum Meer so viel träumte.

Am Ufer des Flusses hob ein tätowiertes und mit Narben überzogenes Wesen die Trommel mit den Karten auf. Es zog sie aus der wasserdichten Hülle und beschwerte die Ecken mit Steinen. Die anderen Hadal hatten kein Auge für solche Dinge, doch Isaak erkannte die Sorgfalt und Detailgenauigkeit, die der Kartograf angewandt hatte.

»Es besteht noch Hoffnung«, sagte er auf Hadal.

Seit Tagen schon war ihnen ein nebelhafter, milchiger Schimmer über dem fernen Horizont aufgefallen. Sie hielten ihn für eine Wolkenbank oder die Gischt eines Wasserfalls, vielleicht war es sogar ein Eisberg. Ali befürchtete, das Ganze sei eine kollektive, vom Hunger hervorgerufene Wahnvorstellung. Keiner von ihnen rechnete mit einer in das phosphoreszierende Gestein gehauenen Festung.

Die Wände waren fünf Stockwerke hoch und glatt wie ägyptischer Alabaster. Das gesamte Bauwerk war direkt aus dem massiven Stein herausgehauen worden, ein riesiger Komplex aus Kammern, Brustwehren und Statuen, dem weder ein Steinquader noch ein einziger Ziegel hinzugefügt worden war. Der Bau war dreimal so breit wie hoch, völlig leer und schon teilweise verfallen. Er richtete sich trotzig gegen das Meer, eindeutig ein Bollwerk, das zum Schutz eines verschwundenen Imperiums errichtet worden war. Einige Zentimeter unter Wasser konnte man noch immer sehen, was von den alten steinernen Kaimauern übrig war.

Trotz ihres Hungers waren sie wie verzaubert. Sie wanderten durch das Labyrinth der Kammern, blickten über das nächtliche Meer und in tiefe Abgründe auf der Rückseite der Festung. In die Felswände waren Tausende von Stufen gehauen, die in neue Tiefen hinabführten. An den Wänden fanden sich Spuren eingravierter Bilder sowie einzelne Glyphen, und Ali erklärte die Inschriften für noch älter als alles, was sie bisher gesehen hatten.

Tief in dem höhlenhaften Inneren, im Herzen des Gebäudekomplexes, erhob sich eine freistehende Säule zwanzig Meter hoch bis in eine große, gewölbte Kammer. Die Turmspitze wurde den Blicken der Reisenden durch eine weit oben angebrachte Plattform entzogen. Sie richteten ihre Scheinwerfer auf den oberen Teil des Turms. Weder Türen noch Treppen führten zu dieser Plattform hinauf.

»Die Säule könnte ein Königsgrab sein«, meinte Ali.

»Oder ein Bergfried«, sagte Troy.

»Oder ein gutes altes Phallussymbol«, gab Pia zu bedenken, die sich der Gruppe angeschlossen hatte, weil ihr Liebhaber, der Primatologe Spurner, Gitner noch weniger als Ike über den Weg getraut hatte. »Wie ein Schiwa-Stein oder ein Pharaonenobelisk.«

»Das müssen wir herausfinden«, sagte Ali. »Es könnte wichtig sein.« Wichtig für ihre Suche nach Satan, aber das sagte sie nicht.

»Was schlägst du vor?«, fragte Spurner. »Sollen wir uns Flügel wachsen lassen?«

Mit einem bleistiftdünnen Lichtstrahl verfolgte Ike mehrere kleine Haltegriffe, die in die obere Hälfte des kreisrunden Geländers der Plattform gemeißelt waren. Er öffnete seinen bleischweren Rucksack und breitete den Inhalt vor sich aus. Alle sahen ihm neugierig dabei zu.

»Du hast Seil dabei?«, staunte Ruiz. »Wie viele Rollen denn?«

»Seht doch, die vielen MRE-Riegel«, sagte Twiggs. »Die hast du die ganze Zeit vor uns versteckt.«

»Halt die Klappe, Twiggs«, sagte Pia. »Das ist seine eigene Ration.«

»Bitte sehr, ich habe sie extra aufgehoben«, sagte Ike und reichte die Päckchen herum. »Das sind die Letzten. Guten Appetit.«

Gierig fielen sie über das Essen her. Sie schlugen sich die zusammengeschrumpften Mägen voll, ohne auch nur den Versuch zu unternehmen, die Nahrung einzuteilen.

Ike rollte eines seiner Seile auf. Er lehnte das Essen höflich ab, nahm aber einige M&Ms an, aber nur die roten. Sie wussten nicht, was sie davon halten sollten, dass ihr kampferprobter Fährtenleser sich so viel aus den Süßigkeiten machte.

»Aber sie unterscheiden sich doch kein bisschen von den gelben und blauen«, sagte Chelsea.

»Klar«, erwiderte Ike. »Sie sind rot.«

Er band sich ein Seilende um die Hüfte. »Ich bringe das Seil nach oben. Falls es dort etwas zu sehen gibt, mache ich es fest, und ihr könnt nachkommen.«

Nur mit einer Stirnlampe und ihrer einzigen Pistole ausgerüstet, stellte sich Ike auf die Schultern von Spurner und Troy und machte einen kleinen Sprung bis an den untersten Griff. Von dort aus waren es nur noch sieben Meter bis nach oben. Er kroch wie eine Spinne hinauf, hielt sich am Rand der Plattform fest und wollte sich über das Geländer ziehen. Mitten in der Bewegung hielt er inne und rührte sich eine ganze Minute nicht vom Fleck.

»Stimmt was nicht?«, rief Ali hinauf.

Ike zog sich auf die Plattform und schaute zu ihnen herunter. »Das müsst ihr euch selbst ansehen.«

Er knotete Schlaufen in das Seil, um ihnen eine provisorische Leiter zu basteln. Einer nach dem anderen kletterten sie hinauf. Als sie sich über den Rand der Plattform hievten, wären sie vor Schreck fast wieder heruntergefallen.

Auf einer Breite von dreißig Metern stand ihnen eine Armee gegenüber. Leblos und doch lebendig.

Es waren aus glasiertem Terrakotta gefertigte Hadal-Krieger. Es mussten Hunderte von ihnen sein, in konzentrischen Kreisen um den Turm aufgestellt, den Blick in die Ferne auf etwaige Eindringlinge gerichtet. Jede Statue war mit Waffen und einem grimmigen Gesichtsausdruck ausgestattet. Einige trugen Rüstungen aus dünnen, mit Goldfäden aneinandergestickten Jadeplättchen. Bei den meisten hatte der Zahn der Zeit am Gold genagt, und die Plättchen lagen den nackten Figuren zu Füßen.

Es fiel schwer, nicht automatisch in Flüstern zu verfallen. Sie staunten voller Ehrfurcht, beinahe eingeschüchtert.

»Wo sind wir denn jetzt hineingeraten?«, fragte Pia.

Einige Statuen schwangen mit Obsidiansplittern besetzte, präaztekische Streitkolben. Es gab Steinkeulen mit Eisenketten und Griffen. Einige Waffen waren mit geometrischen Mustern versehen, die an die der Maoris erinnerten. Speere und Pfeile aus unterirdischem Schilfrohr waren nicht mit Vogelfedern, sondern mit Fischgräten gefiedert.

»Wie das Oin-Grabmal in China«, sagte Ali. »Nur kleiner.«

»Und siebenmal älter«, ergänzte Troy. »Und Hadalisch.«