»Diese Rinnen auf dem Boden sind mit Quecksilber ausgefüllt«, sagte Pia und zeigte auf ein in den Steinboden geritztes Netzwerk.
»Es bewegt sich, wie Blut. Welche Bedeutung wohl dahinter steckt?«
Den Details nach zu urteilen, waren die Statuen maßgerecht angefertigt worden. In diesem Fall hatten die Krieger über die ungewöhnliche Größe von einem Meter siebzig verfügt - und das vor annähernd fünfzehntausend Jahren. »Neben diesen Burschen hier hätte Conan der Barbar wie ein Zwerg ausgesehen«, witzelte Troy.
»Ich frage mich wirklich, warum die Hadal uns mit ihrer körperlichen und zivilisatorischen Überlegenheit nicht einfach platt gemacht haben.«
»Wer sagt denn, dass sie das nicht getan haben?«, fragte Ali und widmete sich wieder den Statuen. »Was mich erstaunt, ist die gewölbte Schädelbasis. Und dieser gerade Unterkiefer.«
»Das ist mir auch aufgefallen«, sagte Troy. »Denkst du das Gleiche wie ich?«
»Reversibilität?«
Anscheinend hatten die Hadal bereits vor fünfzehn- oder zwanzigtausend Jahren einen geraden Unterkiefer entwickelt, wie man an diesen Statuen ablesen konnte, und anschließend wiederum einen vorstehenden Kiefer, der äußerst affenartig und primitiv wirkte. Aus welchem Grund auch immer, schien sich H. hadalis im Zustand der Reversibilität zu befinden.
»Wie kann sich eine Entwicklung so schnell wieder umkehren?«
Troy war verwirrt. »Lass es meinetwegen zwanzigtausend Jahre sein. Das ist auch zu kurz.«
Ike war ein Stück weiter mit Ruiz und Pia damit beschäftigt, einige Figuren zu untersuchen, die flammende Schwerter schwangen. Dabei sah er ihnen in die Gesichter, als suche er nach seiner eigenen Identität.
»Stimmt etwas nicht?«, fragte Ali.
»Sie sind nicht mehr so«, sagte Ike. »Es gibt Ähnlichkeiten, aber sie sind nicht mehr so.«
Ali und Troy blickten einander an.
»Wie meinst du das?« Ali dachte an die Schädelform und die veränderten Unterkiefer.
Ike breitete die Arme aus. »Seht euch doch um. Das ist ... das war wirkliche Größe. Glanz. Herrlichkeit. Solange ich bei ihnen war, habe ich nirgendwo auch nur eine Spur davon gesehen. Herrlichkeit? Niemals.«
Sie verbrachten noch den Rest des ersten Tages und den ganzen folgenden Tag damit, die Festung zu erforschen. Fließstein quoll aus Türöffnungen, hatte ganze Bereiche einstürzen lassen. Weiter im Inneren fanden sie Unmengen von Relikten. Dort lagen antike Münzen aus Stygien und Kreta, vermischt mit spanischen Dublonen. Sie fanden ein Steinschlossgewehr, eine komplette Samurai-Rüstung, einen Inka-Spiegel, Lehmtafeln und Knochenschnitzereien längst vergessener Zivilisationen. Zu ihren merkwürdigsten Entdeckungen gehörte eine Armillarsphäre, ein Anschauungsmodell aus der Renaissance aus ineinander geschobenen metallenen Kreisbändern, anhand derer man sich die Planetenlaufbahnen begreifbar machen konnte.
»Was in Gottes Namen wollen die Hadal denn damit anfangen?«, fragte Ruiz.
Immer wieder zog es sie auf die kreisrunde Plattform mit der Armee rings um den steinernen Turm. Wie unschätzbar die Kunstgegenstände, die überall in der Festung verstreut lagen, auch sein mochten, im Vergleich mit dem Ensemble aus Turm und Kriegern waren sie minderwertig. Am zweiten Morgen fand Ike mehrere versteckte kleine Wölbungen am Turm, die er benutzte, um ohne jede Absicherung zur Spitze der Säule hinaufzusteigen.
Sie beobachteten, wie er auf dem Turm balancierte. Er blieb sehr lange oben, dann rief er zu ihnen herab, sie sollten ihre Lichter ausmachen. Sie saßen eine halbe Stunde in der Dunkelheit auf dem nur schwach leuchtenden Boden.
Nachdem er sich wieder abgeseilt hatte, wirkte Ike zutiefst ergriffen. »Wir stehen auf ihrer Welt«, sagte er. »Diese ganze Plattform ist eine riesige Karte. Der Turm wurde als Aussichtspunkt gebaut.«
Sie blickten auf den Boden zu ihren Füßen, erkannten jedoch lediglich einige schlangenförmige Rillen auf einer flachen, unbemalten Oberfläche. Doch Ike nahm den ganzen Nachmittag über einen nach dem anderen am Seil mit hinauf, von wo aus sie es mit eigenen Augen sehen konnten. Als Ali an der Reihe war, hatte Ike den Weg bereits sechsmal zurückgelegt und war allmählich mit Teilen der Karte vertraut geworden. Die abgeflachte Spitze bot kaum einen Quadratmeter Platz. Offenbar hatte sich bis auf Ike keiner dort oben besonders wohl gefühlt, denn er hatte ein Paar Schlingen angebracht, in die man sich einhängen konnte, ohne ganz oben balancieren zu müssen. Jetzt hing Ali neben Ike zwanzig Meter über dem Boden und wartete, bis sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten.
»Es ist wie ein riesiges Sandmandala, nur ohne Sand«, sagte Ike.
»Es ist merkwürdig, dass ich hier unten immer wieder auf Mandalas oder Teile von Mandalas stoße. Damit meine ich Orte unterhalb von Gibraltar oder dem Iran. Ich dachte immer, die Hadal hätten einen Haufen Mönche gekidnappt und sie alles verzieren lassen. Jetzt erst verstehe ich das alles.«
Ihr ging es ebenso. Die Plattform unter ihr fing an, in einem riesigen Kreis rings um sie her geisterhafte Farben auszustrahlen.
»Es ist eine Art in den Felsen eingearbeitetes Pigment«, sagte Ike. »Vielleicht war es früher einmal auch vom Boden aus sichtbar. Obwohl mir die Idee einer unsichtbaren Landkarte auch sehr gut gefällt. Vielleicht hatten gewöhnliche Sterbliche wie du und ich gar keinen Zutritt zu diesem Wissen, und nur der Elite war erlaubt, hier heraufzukommen.«
Je länger sie wartete, desto besser gewöhnten sich ihre Augen daran. Einzelheiten wurden deutlich. Die kleinen Quecksilberkanäle wurden zu winzigen Flüssen, die sich wie Adern über die Oberfläche zogen. Andere türkis-farbene, rote und grüne Linien kreuzten und verzweigten sich in wilden Mustern: Tunnel.
»Ich glaube, dieser große Fleck ist unser Meer«, sagte Ike.
Die schwarze Form befand sich ziemlich dicht am Fuß des Turms. Viele von weither kommende Pfade trafen sich hier.
»Was geschieht jetzt?«, fragte Ali. »Es wird lebendig!«
»Nein, deine Augen sind nur noch dabei, sich daran zu gewöhnen«, sagte Ike. »Gedulde dich. Es ist dreidimensional.«
Mit einem Mal bauschte sich die Fläche zu Konturen und Tiefen auf. Die Farblinien liefen nicht mehr nur übereinander, sondern wiesen selbst unterschiedliche Ebenen auf, die sich zwischen anderen Linien hinabsenkten und aufstiegen.
»Oh«, murmelte Ali, »ich glaube, ich falle.«
»Ich weiß. Es öffnet sich immer weiter. Das liegt an der künstlerischen Gestaltung. Die Kulturen des Himalaya müssen sie vor langer Zeit irgendwie abgekupfert haben. Heute benutzen sie die Buddhisten, um Pläne von Dharam-Palästen anzufertigen. Wenn man lange genug meditiert, verwandeln sich die geometrischen Linien in die optische Illusion eines Gebäudes. Unser Bild hier vermittelt uns eine Karte der gesamten inneren Erde.«
Diese Karte unterschied sich von der Methode, mit der sie ihre eigenen Karten gezeichnet hatte. Da sie auf keine Kompassangaben zurückgreifen konnte, spiegelten die Karten, die sie nach wie vor anfertigte, auch immer ihren Wunsch, immer weiter nach Westen zu gelangen, wenn auch notgedrungen als generell gerade Linie mit vielen Umwegen. Die Linien hier waren zugleich unbestimmter und genauer. Die unterirdische Welt war praktisch unendlich und glich in dieser Hinsicht eher dem Himmel als der Erde.
Der Ozean hatte den Umriss einer in die Länge gezogenen Birne. Vergeblich versuchte Ali auf der Route nach rechts, die Walker eingeschlagen hatte, besondere Merkmale auszumachen. Bis auf die Tatsache, dass mehrere Flüsse seinen Weg kreuzten, ließ sich nichts über die Gefahren auf seiner Route aussagen.
»Der Turm hier, diese Festung, muss das Zentrum der Karte darstellen«, sagte Ali. »Das X, an dem wir uns gerade befinden. Aber er grenzt nicht direkt ans Meer. Es ist ein ganzes Stück entfernt.«
»Das hat mich auch stutzig gemacht«, erwiderte Ike. »Aber hast du gesehen, wie sämtliche Linien hier, an diesem Turm, zusammenlaufen? Wir alle haben uns draußen umgesehen, doch dort ließ sich das nicht feststellen. Der Weg, auf dem wir gekommen sind, läuft stur weiter an der Küste entlang. Und von der Rückseite der Festung führt nur ein einziger Pfad nach unten. Inzwischen glaube ich, dass wir nur ein Punkt auf einer von vielen Straßen sind.« Er zeigte auf eine Stelle, an der eine einzelne grüne Linie vom Meer weglief. »Dieser Punkt auf der Straße dort drüben.«