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Wenn Ike Recht hatte und die Proportionen der Karte stimmten, dann hatte ihre Gruppe weniger als ein Fünftel der Meeresküste abgelaufen.

»Was repräsentiert dann aber dieser Turm?«, fragte Ali.

»Ich habe darüber nachgedacht. Du kennst doch das Sprichwort: >Alle Wege führen .. <« Er ließ sie den Satz beenden.

»Nach Rom?«, hauchte sie.

»Warum nicht?«, sagte er.

»Ins Zentrum der Hölle unserer Vorzeit?«

»Kannst du dich ein paar Minuten da oben halten?«, fragte Ike.

»Ich halte deine Beine fest.«

Ali stützte sich mit den Knien auf den kaum meterbreiten Gipfel und stellte sich dann auf die Füße. Aus dieser größeren Höhe sah sie, wie alle Linien auf ihre Füße zuliefen, und mit einem Mal überkam sie ein Gefühl gewaltiger Macht. Es war, als verschmelze die ganze Welt mit ihr. Das Zentrum war hier. Das einzige Zentrum. Jetzt verstand sie, warum Ike so erschüttert herabgestiegen war.

»Erzähl mir, ob du die Karte von dort oben anders siehst.« Ikes Finger spannten sich fest um ihre Beine.

»Die Linien sind noch deutlicher«, sagte sie. Jetzt, da sie sich nirgendwo mehr festhalten konnte, vor und hinter ihr absolut nichts mehr war, brandete das Panorama förmlich auf sie ein. Das gewaltige Gewebe schien heraufzusteigen. Mit einem Mal war ihr so, als schaute sie nicht nach unten, sondern nach oben.

»Mein Gott«, sagte sie.

Der Turm war zur Grube geworden. Sie sah die Welt von ganz tief innen.

In ihrem Kopf fing sich alles zu drehen an. »Lass mich runter«, flehte sie, »sonst falle ich.«

In der Nacht kam Ike zu ihr. »Ich muss dir etwas zeigen«, sagte er.

»Hat das nicht bis morgen Zeit?«, fragte sie müde. Ihr schwindelte noch der Kopf von der optischen Täuschung der Landkarte. Außerdem hatte sie Hunger.

»Eigentlich nicht«, antwortete er.

Sie hatten ihr Lager in dem Säulengang hinter dem Tor aufgeschlagen, wo ein Strahl reines Wasser aus einem verwitterten Speirohr sprudelte. Der Hunger hatte sie fest im Griff. Sie lagen auf dem Boden, die meisten um ihre leeren Mägen gekrümmt. Pia hielt Spurner umschlungen, der an einem Migräneanfall litt. Troy hielt mit Ikes Pistole im Schoß Wache, sein Kopf war zur Seite gekippt, und er döste. Alle waren am Ende ihrer Kräfte, und es ging immer weiter bergab.

Ali überlegte es sich anders.

»Also los«, sagte sie.

Sie nahm Ikes Hand und zog sich daran hoch. Er führte sie tiefer in die Festung hinein, zu einem Geheimgang mit einer aus dem Stein geschnittenen Treppe.

»Nicht so schnell«, sagte er. »Es kommen noch mehr Treppen.«

Sie erreichten einen Turm, der hoch über der Festung aufragte, und mussten durch einen weiteren versteckten Gang zu einer anderen Treppe schleichen. Als sie die letzten Stufen erklommen, sah sie oben ein kräftiges, buttergelbes Leuchten.

Ike hatte in einem Zimmer hoch über dem Meer Hunderte von Öllampen angezündet. Es handelte sich um kleine Tonschälchen in Blattform, die das an ihrer Spitze brennende Flämmchen über eine kleine Rinne speisten.

»Woher hast du die?«, fragte sie. »Und woher kommt das Öl?«

In einer Ecke standen drei große irdene Amphoren, die ohne weiteres aus dem Wrack eines antiken griechischen Schiffes hätten stammen können.

»Alles in Vorratskammern unter dem Boden verstaut. Dort unten stehen mindestens noch fünfzig von diesen Krügen«, sagte er.

»Das hier muss so eine Art Leuchtturm gewesen sein. Vielleicht gab es noch mehr davon an der Küste, ein ganzes System von Signalstationen.«

Eine einzige Lampe hätte kaum ausgereicht, sie ihre Fingerspitzen erkennen zu lassen. Die vielen Lampen jedoch verwandelten den Raum in Gold. Sie versuchte sich vorzustellen, welcher Anblick sich wohl den vor zwanzigtausend Jahren auf dem dunklen Meer kreuzenden Hadal-Schiffen geboten haben mochte.

Ali blickte verstohlen zu Ike hinüber. Er hatte das alles für sie getan. Das Licht tat ihm ein wenig in den Augen weh, aber er versteckte sie nicht vor ihr hinter seiner Gletscherbrille.

»Wir können nicht hier bleiben«, sagte er und wischte sich die Tränen ab. »Ich möchte, dass du mit mir kommst.« Er versuchte, nicht zu blinzeln. Was für sie wunderschön war, war für ihn schmerzhaft. Sie war versucht, einige Lampen auszublasen, um sein Unbehagen zu lindern, wusste aber nicht, ob sie ihn damit beleidigen würde.

»Es gibt keinen Ausweg«, erwiderte sie. »Wir können nicht mehr weiter.«

»Doch.« Er wies auf das endlose Meer. »Es ist nicht hoffnungslos. Die Wege führen weiter.«

»Und was ist mit den anderen?«

»Sie können auch mitkommen. Aber sie haben aufgegeben. Bitte, Ali«, sagte er inbrünstig, »gib nicht auf. Komm mit mir.«

Wie schon das Licht, war diese Aufforderung für sie allein gedacht.

»Es tut mir Leid«, sagte sie. »Du bist anders. Ich bin immer noch wie sie. Ich bin müde. Ich möchte hier bleiben.«

Er wandte das Gesicht zur Seite.

»Ich weiß, du denkst jetzt, ich bin feige«, sagte sie.

»Wir müssen nicht sterben«, gab Ike ungerührt zurück. »Was auch mit den anderen geschieht, wir jedenfalls müssen nicht hier sterben.« Er war unerbittlich. Es entging ihr nicht, dass er von »wir« sprach.

»Ike«, sagte sie, verstummte jedoch gleich wieder. Sie hatte auch Erfahrungen mit langem Fasten und wusste, dass es zu früh war, sich von Euphorie hinreißen zu lassen. Doch ihr Glücksgefühl war eindeutig und unmissverständlich.

»Wir können hier herauskommen«, drängte er.

»Du hast uns so weit gebracht, wie wir gehen konnten«, sagte sie. »Du hast dafür gesorgt, dass wir unsere Aufgabe erfüllen konnten. Wir haben Entdeckungen gemacht. Wir wissen, dass hier unten einst ein großartiges Imperium existierte. Jetzt ist es vorbei.«

»Komm mit mir, Ali.«

»Wir haben nichts mehr zu essen.«

Sein Blick veränderte sich für den Bruchteil einer Sekunde, nicht länger. Er sagte nichts, aber etwas in seinem Schweigen widersprach ihr. Wusste er etwa, wo es etwas zu essen gab? Die Vorstellung verletzte sie.

Seine Augen wichen ihr wie wilde Tiere aus. Ich bin nicht du, sagten sie. Dann kam sein Blick zurück, und er war wieder ein Mensch wie sie.

»Ich bin dir sehr dankbar für alles, was du für uns getan hast«, fuhr sie fort. »Jetzt wollen wir einfach nur noch unseren Frieden machen mit dem, was wir aus unserem Leben gemacht haben. Für dich gibt es keinen Grund mehr, länger hier zu bleiben. Du solltest gehen.«

Da haben wir’s, dachte sie. Alle edlen Gedanken in einem Becher dargeboten. Jetzt war er an der Reihe. Er würde ritterlich widerstehen. Er war Ike.

»Das werde ich auch tun«, sagte er.

Ein Runzeln huschte über ihre Stirn.

»Du verlässt uns?« Sie konnte die Enttäuschung nicht zurückhalten. Wollte er die Gruppe tatsächlich verlassen? Wollte er sie, Ali, verlassen?

»Ich habe daran gedacht zu bleiben«, sagte er. »Ein romantischer Gedanke. Ich habe mir vorgestellt, wie man uns in zehn Jahren findet. Dich. Und mich.«

Ali blinzelte. Sie hatte sich genau die gleiche Szene ausgemalt.

»Man würde dich eng umschlungen in meinen Armen finden«, fuhr er fort. »Denn das würde ich tun, nachdem du gestorben bist, Ali. Ich würde dich für alle Zeiten im Arm halten.«

»Ike«, sagte sie und verstummte abermals. Mit einem Mal war sie nur noch in der Lage, einsilbige Wörter auszusprechen.