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»Ich glaube, das wäre durchaus legal. Wenn du tot bist, bist du auch keine Braut Christi mehr, oder? Er könnte deine Seele haben. Ich darf das behalten, was übrig ist.«

Der Gedanke war zwar ein wenig morbide, trotz allem jedoch wahr.

»Falls du mich um Erlaubnis fragen willst«, sagte sie, »die Antwort lautet Ja.« Ja, er durfte sie in den Armen halten. In ihrer Vorstellung war es umgekehrt gewesen. Er war zuerst gestorben, und sie hatte ihn in ihre Arme gebettet. Die Grundidee war die gleiche.

»Das Problem besteht darin«, fuhr er jetzt fort, »dass ich noch ein wenig genauer darüber nachgedacht habe. Und, um es offen zu sagen, ich kam zu dem Schluss, dass es für mich ein ziemlich schlechtes Geschäft wäre.«

Sie ließ den Blick langsam durch den schimmernden Raum wandern.

»Ich würde dich zwar bekommen«, sagte er, »aber zu spät.«

Leb wohl, Ike, dachte sie. Die Worte mussten jetzt nur noch ausgesprochen werden.

»Es fällt mir nicht leicht«, sagte er.

»Ich weiß.« Vaya, con Dios.

»Nein«, sagte er. »Ich glaube nicht, dass du das weißt.«

»Schon gut.«

»Nein. Ist es nicht. Es würde mir das Herz brechen. Es würde mich umbringen.« Er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Dann wagte er den Sprung. »Dass ich mit dir viel zu lange gewartet habe.«

Ihre Augen hefteten sich auf sein Gesicht.

Ihre Überraschung erschreckte ihn. »Wenn ich schon hier bleibe, sollte ich das auch sagen können«, verteidigte er sich. »Darf ich es denn nicht einmal sagen?«

»Was willst du sagen, Ike?« Ihre Stimme kam ihr wie von sehr weit entfernt vor.

»Ich habe genug gesagt.«

»Es ist gegenseitig, weißt du?« Gegenseitig? Brachte sie nicht mehr zustande?

»Ich weiß«, sagte er. »Du liebst mich auch. Und alle Geschöpfe Gottes mit mir.« Er bekreuzigte sich spöttisch.

»Hör auf damit!«, sagte sie.

»Schon gut«, sagte er, und die Augen in dem zerstörten Gesicht schlossen sich.

Jetzt lag es an ihr, einen Ausweg zu finden. Keine Geister mehr. Keine Phantasien. Keine weiteren toten Geliebten: ihr Christus, seine Kora.

Als sie ihre Hand nach ihm ausstreckte, kam es ihr vor, als betrachte sie sich aus großer Entfernung. Es hätten ebenso gut die Finger einer anderen sein können, bis auf die Tatsache, dass es ihre waren. Sie berührte seinen Kopf.

Ike wich der Berührung aus. Ali erkannte sofort, dass er glaubte, sie wolle ihn trösten, weil er ihr Leid tat. Früher einmal, mit einem makellosen und jungen Gesicht, hätte er so etwas wahrscheinlich nie in Betracht gezogen. Doch er war vorsichtig und überzeugt davon, andere abzustoßen. Selbstverständlich misstraute er jeder Berührung.

Ali kam es vor, als habe sie so etwas seit einer Ewigkeit nicht mehr getan. Hätte sie es geplant, vorher auch nur flüchtig daran gedacht, sie hätte es nicht fertig gebracht. Trotzdem zitterten ihre Hände, als sie die Knöpfe öffnete und ihre Schultern entblößte. Dann ließ sie die Kleider von ihrem Körper gleiten. Alle.

Sie spürte die Wärme der Lampen auf der nackten Haut. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie das zwanzigtausend Jahre alte Licht sie in Gold verwandelte.

Als ihre Körper eins wurden, wusste sie, dass zumindest ein Hunger jetzt nicht mehr an ihr nagen würde.

Sie schmachteten weiterhin in der Festung dahin, kaum zu mehr in der Lage, als zum Pinkeln nach draußen zu schlurfen. Sie rutschten auf ihren Schlafmatten herum. Es war nicht besonders bequem, auf den eigenen Knochen zu liegen.

Das also bedeutet Verhungern, dachte Ali. Ein langes Warten, bis endgültig alles verschwindet. Sie war immer stolz auf ihre Fähigkeit gewesen, über den Augenblick hinauszudenken. Man gab seine weltlichen Verbindungen auf, aber stets in dem Wissen, dass man zu ihnen zurückkehren würde. Beim Verhungern gab es so etwas nicht.

Bevor ihre Kraft noch mehr abnahm, verbrachten Ali und Ike noch zwei Nächte in dem Turmzimmer mit den goldenen Lampen. Am 30. November stiegen sie mit dem Wissen, dass es das letzte Mal gewesen war, vom Turm herab und kehrten zu dem provisorischen Lager zurück. Ab jetzt konnte sie keine Treppen mehr steigen, ihr wurde zu schwindlig.

Das langsame Verhungern machte sie alle sehr alt und sehr jung. Besonders Twiggs sah mit seinen eingefallenen Wangen und den lose herabhängenden Backen wie ein Greis aus. Trotzdem ähnelten sie kleinen Kindern. Sie rollten sich um ihre Mägen zusammen und schliefen jeden Tag mehr. Mit Ausnahme von Ike dehnten sie ihre Schlafpausen auf zwanzig Stunden aus.

Ali versuchte, sich zum Arbeiten zu zwingen, ihre Gebete aufzusagen und auch weiterhin ihre Landkarten zu zeichnen. Es ging ihr darum, Ordnung in Gottes tägliches Chaos zu bringen.

Am Morgen des 2. Dezember hörten sie Geräusche vom Strand her. Diejenigen, die noch dazu in der Lage waren, setzten sich auf. Ihre schlimmsten Ängste wurden Wirklichkeit. Die Hadal kamen, um sie zu holen.

Es hörte sich an wie ein Rudel Wölfe, das sich strategisch verteilte. Man hörte Bruchstücke geflüsterter Worte. Troy wankte davon, um Ike zu suchen, doch seine Beine versagten ihm den Dienst. Er musste sich wieder setzen.

»Hätten sie nicht warten können?«, stöhnte Twiggs leise. »Ich wollte einfach nur im Schlaf sterben.«

»Halt die Klappe, Twiggs«, zischte Ruiz, einer der Geologen.

»Und mach das Licht aus. Vielleicht wissen sie nicht, dass wir hier sind.« Er rappelte sich hoch. Im übernatürlichen Schimmer des Steins schauten sie zu, wie er zur Tür wankte und den Kopf durch die Öffnung steckte. Sofort fiel er in den Sand.

»Was hast du gesehen?«, flüsterte Spurner.

Der Geologe blieb stumm.

»He, Ruiz!« Schließlich kroch Spurner zu ihm hinüber. »Oh Gott! Sein Hinterkopf ist weg!«

In diesem Augenblick brach der Angriff los.

Riesenhafte Gestalten drängten herein, monströse Silhouetten zeichneten sich von dem schimmernden Stein ab.

»Verdammte Scheiße!«, schrie Twiggs.

Ohne seinen Fluch wären sie von Kugeln zerfetzt worden.

»Feuer einstellen«, befahl stattdessen eine Stimme. »Wer spricht da Englisch?«

»Ich«, winselte Twiggs. »Davis Twiggs.«

»Das ist unmöglich«, sagte die Stimme.

»Nein, wir sind es wirklich«, sagte Spurner und leuchtete sich mit der Taschenlampe ins Gesicht.

Überall im Raum    flammten Scheinwerfer auf.

Verwahrloste Söldner sicherten mit ihren Gewehren nach links und rechts, blieben jedoch nach wie vor schussbereit auf dem Boden knien. Es war nicht leicht zu sagen, wer überraschter war, die entkräfteten Wissenschaftler oder der zerlumpte Rest von Walkers Truppe.

»Keiner rührt sich! Keine Bewegung!«, brüllten die Soldaten. Ihre Augen waren blutunterlaufen. Ihre Gewehrläufe zuckten wie Kolibris hin und her und suchten den Feind.

»Holt den Colonel«, sagte ein Mann.

Walker, der auf einem von zwei Mann getragenen Gewehr saß, wurde hereingebracht. Ali dachte zuerst, er sei ebenfalls vom Hunger ausgezehrt, bis sie das Blut sah. Aus den aufgeschnittenen Hosenbeinen ragten Dutzende von Obsidiansplittern heraus, die sich tief in sein Fleisch gegraben haben mussten. Es war der Schmerz, der sein Gesicht hatte einfallen lassen. Seine geistigen Fähigkeiten waren aber anscheinend unbeeinträchtigt. Mit dem Blick eines gefährlichen Raubtiers erkundete er die neue Umgebung.

»Seid ihr krank?«, fragte Walker.

Ali sah, was er sah: ausgemergelte Männer und Frauen, die kaum mehr sitzen konnten. Sie sahen aus wie Vogelscheuchen.

»Nur sehr hungrig«, sagte Spurner. »Habt ihr was zu essen?«

Walker schaute in die Runde. »Wo sind die anderen?«, fragte er. »Ihr wart doch mehr als neun.«

»Sie sind nach Hause gegangen«, antwortete Chelsea, die neben ihrem Schachbrett auf dem Bauch lag. Sie blickte auf Ruiz’ Leiche. Jetzt konnte sie erkennen, dass den Geologen die Kugel eines Scharfschützen ins Auge getroffen hatte.