»Ich wusste, dass ich auf dich zählen kann,« erwiderte Thomas. Ali erkannte, dass ihre Treue lediglich eines seiner vielen Besitztümer war. Sie faltete gehorsam die Hände und versuchte, keinen Blick auf seine blutigen Lippen zu werfen. »Sie können sich bis zum Ende meiner Tage auf mich verlassen. Aber im Gegenzug dürfen Sie diesem Mann hier nichts mehr antun.«
»Ist das eine Forderung?«
»Auch er hat seine Verdienste. Ike kann meine Lücken ergänzen. Er kann Sie überall hinführen, wohin ich Sie bringen soll.«
Ikes Kopf hob sich kaum wahrnehmbar.
»Nein«, sagte Thomas. »Du verstehst das nicht. Ike weiß nicht mehr, wer er ist. Begreifst du, wie gefährlich das ist? Er ist ein Tier geworden, das andere für ihre Zwecke einsetzen. Die Armee benutzt ihn, um uns zu töten. Die Multis benutzen ihn dazu, unser Territorium zu besetzen und Mörder herabzuführen, die uns mit Krankheiten verseuchen. Und er verbirgt seine eigene Verderbtheit, indem er von einer Rasse zur anderen wechselt.«
»Seuchen?«, fragte Ali. Thomas hatte das schon einmal erwähnt, und sie hatte keine Ahnung, was er damit meinte.
»Ihr habt Elend und Verwüstung über mein Volk gebracht. Die Vernichtung folgt euch auf dem Fuße.«
»Welche Seuche?«
Thomas’ Augen blitzten sie an.
»Keine Heucheleien mehr!«, donnerte er.
Ali wich unwillkürlich vor ihm zurück.
»Ganz meiner Meinung«, piepste eine hohe Stimme aus dem Laptop.
Thomas wandte den Kopf, als hörte er eine Fliege summen und warf einen misstrauischen Blick auf den Computer.
»Was soll das?«, zischte er.
»Ein Mann namens Shoat«, sagte Ike. »Er möchte mit dir sprechen.«
»Montgomery Shoat?« Thomas sprach den Namen aus, als würge er einen üblen Geschmack hervor. »Ich kenne Sie.«
»Ich wüsste nicht, woher«, antwortete Shoat. »Aber wir haben ein gemeinsames Anliegen.«
Thomas packte Ike am Arm und wirbelte ihn herum, sodass er mit dem Gesicht zur fernen Klippe stand. »Wo ist dieser Mann? Ist er in der Nähe? Beobachtet er uns?«
»Ah-ah, vorsichtig, Ike. Kein Wort mehr«, ertönte Shoats Stimme. Sein erhobener Zeigefinger drohte ihnen vom Bildschirm.
Thomas stand wie angewurzelt hinter Ike, reglos, bis auf seinen Kopf, den er hin und her drehte und dabei ins Zwielicht hinausspähte. »Warum kommen Sie nicht zu uns, Mr. Shoat?«
»Danke für die Einladung«, sagte Shoats Bild auf dem Schirm. »Für meinen Geschmack bin ich dicht genug dran.«
Die Surrealität des Computerbildschirms in dieser Unterwelt war atemberaubend. Die Moderne sprach zum Althergebrachten. Dann bemerkte Ali, dass Ikes Blick unruhig suchend im Zimmer hin und her huschte.
»Sie werden früh genug hier unten sein, Mr. Shoat«, sagte Thomas zu dem Computer. »Aber gibt es bis dahin etwas, worüber Sie reden möchten?«
»Ein gewisses Stück Ausrüstung, Eigentum von Helios, ist in Ihre Hände gefallen.«
»Was will dieser Narr?«, wollte Thomas von Ike wissen.
»Sein Peilgerät«, antwortete Ike. »Er behauptet, jemand habe es ihm gestohlen.«
»Ohne das Ding bin ich verloren«, sagte Shoat. »Geben Sie es mir zurück, und schon sind Sie mich los.«
»Mehr wollen Sie nicht?«
Shoat überlegte. »Vielleicht einen kleinen Vorsprung?«
Thomas’ Gesicht wurde zornig, aber er behielt seine Stimme im Griff. »Ich weiß, was Sie getan haben, Shoat. Ich weiß, was Prion-9 ist. Sie werden mir zeigen, wo sie es versteckt haben. Jede einzelne Kapsel.«
Ali warf Ike einen Blick zu, doch der war ebenso verdutzt wie sie.
»Gemeinsame Interessen«, dozierte Shoat, »sind die Grundlage jeder Verhandlung. Ich verfüge über Informationen, die Sie haben möchten, und Sie können mir einen sicheren Rückweg garantieren. Quid pro quo.«
»Sie brauchen keine Angst um Ihr Leben zu haben, Mr. Shoat«, behauptete Thomas. »Sie werden noch lange in unserer Gesellschaft leben. Länger, als Sie es sich je erträumen könnten.«
Ali zweifelte nicht daran, dass er Shoat nur hinhielt, um seinen Aufenthaltsort zu entdecken. Auch Isaak neben ihm spähte angestrengt ins Dämmerlicht, um einen Hinweis zu finden, wo sich Shoat verbergen mochte. Das Mädchen stand direkt an seiner Schulter und lenkte flüsternd seine Blicke.
»Mein Peilsender«, sagte Shoat.
»Ich habe erst kürzlich Ihrer Mutter einen Besuch abgestattet«, sagte Thomas, als sei ihm soeben eine kleine Höflichkeit eingefallen.
Isaak hatte unmerklich aus dem Mundwinkel murmelnd mehrere Hadal-Krieger losgeschickt. Ihre dunklen Silhouetten unterschieden sich kaum von den Schatten, in die sie in die Ruinenstadt hinuntereilten.
»Meine Mutter?« Shoat war verwirrt.
»Eva. Vor drei Monaten. Eine elegante Gastgeberin. Wir waren auf ihrem Landsitz. Wir haben uns ausführlich über Sie unterhalten, Montgomery. Sie war sehr bestürzt über das, was Sie hier vorhaben.«
»Das ist unmöglich.«
»Kommen Sie herunter, Monty. Wir haben einiges zu besprechen.«
»Was haben Sie meiner Mutter angetan?«
»Warum machen Sie uns solche Schwierigkeiten? Wir finden Sie ohnehin. Ob in einer Stunde oder in einer Woche, das spielt keine Rolle. Jedenfalls kommen Sie nie wieder von hier weg.«
»Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet.«
Ikes Augen hörten auf zu suchen. Ali sah, dass sie sich eindringlich auf die ihren konzentrierten. Sie atmete tief durch und versuchte, ihre Verwirrung und ihre Angst zu bekämpfen. Dann verankerte sie sich in seinen Augen.
»Quid pro quo?«, fragte Thomas.
»Was haben Sie ihr angetan?«
»Wo soll ich anfangen?«, fragte Thomas gelassen. »Am Anfang? An Ihrem Anfang? Sie kamen mit Hilfe eines Kaiserschnitts zur Welt ...«
»Meine Mutter würde niemals ...«
Thomas’ Stimme wurde schneidend: »Das hat sie auch nicht, Monty.«
»Aber wie ...« Shoats Stimme verebbte.
»Ich habe die Narbe selbst entdeckt«, sagte Thomas. »Und dann habe ich sie geöffnet. Diese Wunde, durch die Sie in die Welt gekrochen kamen.«
Shoat war verstummt.
»Kommen Sie herunter zu uns«, wiederholte Thomas. »Dann verrate ich Ihnen, in welcher Müllkippe ich sie abgeladen habe.«
Shoats Augen füllten den gesamten Bildschirm und wichen dann zurück. Der Schirm wurde schwarz.
Was kommt jetzt, fragte sich Ali.
»Er hat sich davongemacht«, sagte Thomas zu Isaak.
»Bring ihn mir. Lebend.«
Ein friedlicher Ausdruck zuckte über Ikes Gesicht. Er hob den Blick zu den fernen Klippen. Thomas lauerte, direkt hinter ihm. Ali hatte keine Ahnung, wonach Ike suchte. Sie ließ den Blick über die dunklen Felsen wandern - und da war es. Ein winziges Glitzern. Ein flüchtiger Nordstern.
Ike duckte sich weg.
Im gleichen Moment loderte Thomas auf. Die Hadal-Rüstung, das Kettenhemd der Kreuzritter und das goldene Wams schützten ihn nicht. Normalerweise hätte die Kugel seinen Rücken durchschlagen und sich sofort in einen Phosphorschrapnelle versprühenden Feuerball verwandelt. In Thomas jedoch, der sowohl hinten als auch vorne in einer Rüstung steckte, fand sie keinen Ausgang. Die Hitze und die Splitter entluden sich mit voller Wucht in ihm. Der Körper fauchte flammend auf. Seine Wirbelsäule zerbarst. Und trotzdem schien sein Ende unendlich lange zu dauern.
Ali starrte wie gebannt auf das Schauspiel. Flammen sprangen aus der Halskrause von Thomas’ Rüstung, und er atmete tief ein. Das Feuer ergoss sich in seinen Hals. Er atmete aus, und die Flammen schossen aus seinem Mund. Seine Stimmbänder verschmorten. Thomas verstummte. Die Goldnähte des Jadepanzers schmolzen dahin, und die Plättchen fielen leise klirrend zu Boden.