»Ich fliege hin«, hörte er sich sagen.
Als der Colonel sah, dass diese Worte von Branch kamen, fiel ihm die Klappe herunter.
»Major?«, fragte er.
In diesem Moment taten sich Abgründe im Universum auf, die Branch bislang nicht wahrgenommen, ja, von denen er nicht einmal geträumt hatte. Zum ersten Mal wurde ihm klar, dass er eine Art Lieblingssohn war, in dessen Hände der Colonel die Division eines Tages gerne übergeben hätte. Zu spät erkannte er das Ausmaß seines Verrats.
Branch fragte sich, was ihn dazu veranlasst hatte. Ebenso wie der Colonel war er ein Mustersoldat. Er kannte die Bedeutung von Pflicht und Gehorsam, sorgte für seine Männer, sah im Krieg weniger eine Berufung als einen Beruf, drückte sich vor keinerlei Unannehmlichkeiten und war so mutig, wie es seiner Klugheit und seinem Dienstgrad zustand. Er hatte seinen Schatten unter fremden Sonnen über den Boden wandern sehen, hatte Freunde begraben, Wunden empfangen und Leid über seine Feinde gebracht. Trotzdem betrachtete sich Branch nicht als Vorturner. Er glaubte nicht an Helden. Dazu waren die Zeiten zu verworren. Und doch war er es, Elias Branch, der den Vorschlag unterstützte.
»Jemand muss schließlich den Anfang machen«, knurrte er mit schmerzhafter Selbsterkenntnis.
»Jemand«, echote der Colonel.
Da er seiner Sache selbst nicht ganz sicher war, versuchte Branch nicht, seine Andeutung genauer auszuführen. »Sir, jawohl, Sir«, sagte er stattdessen.
»Halten Sie es für so dringend notwendig? Es ist nur, weil wir schon so weit vorangeschritten sind. Was erhoffen Sie sich von einer derartigen Aktion?«
»Vielleicht«, entgegnete Branch, »können wir ihnen diesmal in die Augen schauen.«
»Und dann?«
Branch kam sich idiotisch und allein vor. »Bringen wir sie dazu, zu antworten.«
»Woraufhin sie wiederum lügen werden«, sagte der Colonel. »So wie immer. Was dann?«
Branch war verwirrt.
»Wir bringen sie dazu, das Terrain zu verlassen.« Er schluckte.
Ungebeten kam Ramada Branch zu Hilfe. »Bitte um Erlaubnis, Sir«, sagte er, »und melde mich freiwillig, mit Branch zu gehen, Sir.«
»Ich auch«, sagte McDaniels.
Aus den verschiedenen Ecken des Raums meldeten sich noch drei andere Freiwillige. Ohne darum zu bitten, stand Branch jetzt ein ganzes Expeditionskorps an Kampfhubschraubern zur Verfügung. Es war eine schreckliche Tat, eine demonstrative Unterstützung, die dicht an Vatermord herankam. Branch senkte den Kopf. Der Colonel seufzte und Branch fühlte sich für alle Zeiten aus dem Herzen des Alten entlassen. Es war die Freiheit der Einsamkeit, die er nie gewollt hatte, doch jetzt gehörte sie ihm.
»Dann gehen Sie«, sagte der Colonel.
04.10 Uhr
Branch flog tief an, mit ausgeschalteten Scheinwerfern. Die beiden anderen Apache-Hubschrauber pirschten wie grimmige Wölfe links und rechts von ihm. Er gab dem Vogel vollen Stoff: 145 km/h. Er wollte die Sache hinter sich bringen.
Branch führte sie mit Hilfe von Instrumenten durch die Dunkelheit, die er verachtete. Seiner Meinung nach genossen Nachtsichtinstrumente ein ungerechtfertigtes Vertrauen, das er nicht teilte. Aber in dieser Nacht, in der sich außer seiner Truppe nichts am Himmel bewegte, und in der die eigentliche Gefahr, diese Stickstoffwolke, für das bloße Auge nicht sichtbar war, verließ sich Branch doch auf das Zielerfassungs-Monokel seines Helms und das Display.
Auf dem Bildschirm war ein vom Camp übermitteltes virtuelles Bosnien zu sehen. Ein Softwareprogramm namens PowerScene synchronisierte alle aktuellen Satellitenbilder, die Aufnahmen einer in großer Höhe kreisenden Boeing 707 Night Stalker sowie Tageslichtfotos von ihrem Einsatzgebiet zu einer fast in Realzeit erstellten 3D-Simulation. Vor ihnen lag, wie schon einige Sekunden zuvor, die Drina. Auch auf ihrer virtuellen Karte würden Branch und Ramada Zulu Vier erst dann erreichen, wenn sie tatsächlich dort angekommen waren. Man musste sich nur ein wenig daran gewöhnen. Die 3D-Bilder waren so gut, dass man bereitwillig an sie glaubte, und doch zeigten ihre Karten keineswegs an, wo man sich augenblicklich befand. Sie zeigten lediglich an, wo man gerade eben gewesen war, wie eine Erinnerung an die eigene Zukunft.
Zulu Vier befand sich fünfzehn Kilometer südöstlich von Kalejisa in Richtung Srebrenica und anderer Orte des Grauens am Ufer der Drina. Die schlimmsten Massaker hatten entlang dieses Flusses unweit der Grenze zu Serbien stattgefunden.
»Meine Güte!«, murmelte Ramada vom Rücksitz des fliegenden Schlachtschiffes, als ihr Zielgebiet in Sicht kam. Branch löste den Blick von PowerScene und widmete seine Aufmerksamkeit dem Echtzeit-Nachtsichtgerät. Ein Stück weiter vorne sah er, was Ramada gemeint hatte.
Die Gaskuppel über Zulu Vier erhob sich tief rot und bedrohlich vor ihnen. Es sah aus wie ein biblischer Beweis für einen Riss im Universum. Beim Näherkommen nahm der Stickstoff die Gestalt einer riesenhaften Blume an, deren Blütenblätter sich dort, wo die Gase auf kalte Luft trafen und wieder nach unten sanken, unter dem Baldachin aus Mischwolken kräuselten. Selbst als sie die tödliche Blume bereits erreicht hatten, erschien das Gebilde noch immer mit einem Balken ständig erweiterter Information in Leuchtschrift auf ihrem PowerScene. Die Perspektive wechselte. Branch betrachtete seine Apaches aus Satellitenperspektive, wie sie gerade an der Stelle ankamen, die sie soeben passiert hatten.
»Riecht ihr das auch? Over.« Das musste McDaniels sein, der schräg hinter ihm die Flanke deckte.
»Riecht wie ein Eimer Spülmittel.« Auch diese Stimme kannte Branch sehr gut: Teague bildete die Nachhut.
Jemand fing an, die Melodie aus der Werbung zu summen.
»Riecht eher wie Pisse.« Ramada. Schonungslos wie immer. Branch bekam eine erste Nase von dem Duft und atmete sofort wieder aus. Salmiakgeist. Das Nebenprodukt von Stickstoff. Es roch nach Pisse, abgestandener Morgenpisse, ungefähr zehn Tage alt.
»Masken«, sagte er und drückte sich seine eigene fest aufs Gesicht. Lieber kein Risiko eingehen. Der Sauerstoff strömte kühl und sauber in seine Atemwege.
Die Giftwolke brütete breit und flach, ungefähr eine Viertelmeile hoch über dem Gelände. Branch versuchte, die Gefahren mit Hilfe seiner Instrumente und künstlicher Lichtfilter einzuschätzen, aber sie verrieten ihm nicht viel.
Elendes Zeug! Sie mussten sich eben vorsehen.
»Alle herhören!«, sagte er. »Lovey, Mac, Schulbe, Teague. Ihr geht alle einen guten Kilometer von dem Ding entfernt in Stellung und rührt euch nicht, während Ram und ich das Monster im Uhrzeigersinn umrunden.« Er dachte sich das alles beim Reden aus. Warum nicht im entgegengesetzten Uhrzeigersinn? Warum nicht darüber hinweg? »Wir fliegen eine weite, hohe Spirale und stoßen dann wieder auf eure Gruppe. Wir lassen uns mit dem verflixten Ding erst dann näher ein, wenn wir näher darüber Bescheid wissen.«
»Klingt wie Musik in meinen Ohren«, pflichtete ihm Ramada auf dem Navigator-Pilot-Kanal bei. »Keine Abenteuer. Keine Helden.«
Abgesehen von einem Schnappschuss, den er Branch gezeigt hatte, hatte Ramada seinen neu geborenen Sohn zu Hause in Oklahoma noch kein einziges Mal gesehen. Er hätte nicht zu diesem Ausflug mitkommen müssen, aber er wollte nicht zurückbleiben. Sein Vertrauensvotum bereitete Branch ein noch schlechteres Gewissen. In Zeiten wie diesen hasste Branch sein eigenes Charisma. Es lastete auf ihm wie ein Fluch. Mehr als ein Soldat war schon daran gestorben, dass er ihm auf dem Pfad zum Bösen gefolgt war.
»Noch Fragen?« Branch wartete. Keine Fragen.
Er schwenkte nach links und scherte in einer scharfen Kurve aus dem Verband aus. Im Uhrzeigersinn pirschte er sich an, flog zunächst eine großzügige Spirale und zog die Kreise dann immer enger. Das wolkige Gebilde hatte ungefähr zwei Kilometer Durchmesser. Das vor Maschinengewehren und Raketen starrende Schlachtschiff vollführte die erste Umkreisung bei Höchstgeschwindigkeit, eine reine Sicherheitsmaßnahme, falls dort unten auf dem Waldboden irgendein Spatzenhirn mit mehr Sliwowitz als Blut in den Adern und einer SAM auf der Schulter auf sie lauerte.