Von den weit auseinanderliegenden Dörfern wehte das Geräusch von Feuerwerkskörpern und Trommeln herüber. Ramadan, der muslimische Fastenmonat, war am gestrigen Tag zu Ende gegangen. Thomas sah, wie sich die Neumondsichel zwischen die Berge schob. In den Familien wurde ausgelassen gefeiert. Ganze Dorfgemeinschaften blieben bis zum Morgengrauen wach, schauten sich ihre wayang genannten Schattenspiele mit den Scherenschnittpuppen an, die Geschichten von Liebe und grausamen Schlachten auf ein weißes Laken warfen. Bis zum Morgengrauen würde das Gute über das Böse triumphiert haben, das Licht über die Dunkelheit. Das übliche Märchen.
Einer der Berge unter dem Mond teilte sich im Mittelgrund und verwandelte sich in die Ruinen von Borobudur. Der gewaltige Stupa stellte den Berg Meru dar, eine Art kosmischen Mount Everest. Borobudur war die größte Ruine des schon seit über eintausend Jahren bei einem Ausbruch des Gunung Merapi begrabenen Komplexes. In diesem Sinne war es ein Palast des Todes und eine Kathedrale in einem, ein südostasiatisches Gegenstück zu den ägyptischen Pyramiden.
Der Eintrittspreis war, zumindest symbolisch, der Tod. Man betrat das Gebilde durch den aufgesperrten Rachen eines wilden, gierigen, alles verschlingenden, mit Menschenschädeln umkränzten Untiers - der Göttin Kali. Direkt dahinter stand man in einem labyrinthischen Jenseits. Jeder Reisende musste an einer über zehntausend Quadratmeter großen, fünf Kilometer langen, in Stein gemeißelten »Geschichtenwand« vorbei. Die Geschichte, die hier erzählt wurde, glich bis auf wenige Details der von Dantes Inferno und Paradiso. Ganz unten stellten die in Stein gemeißelten Bildplatten die in Sünde gefangene Menschheit dar, inklusive scheußlicher Bestrafungen durch höllische Dämonen. Bis zu dem Punkt, an dem man zu einem Plateau kugelförmiger Stupas aufgestiegen war, hatte Buddha die Menschheit aus ihrem Zustand des Samsara heraus und zur Erleuchtung geführt. Dafür war in dieser Nacht nicht genug Zeit. Es ging bereits auf 2 Uhr 30 zu.
»Pram?«, rief Santos in die Dunkelheit vor ihnen. »Asalamu alaikum.« Thomas kannte diesen Gruß. Friede sei mit dir. Aber es kam keine Antwort.
»Pram ist ein bewaffneter Posten, den ich zur Bewachung der Stätte angeheuert habe«, erläuterte de l’Orme. »Er war früher ein berühmter Guerilla. Wie du dir vorstellen kannst, ist er inzwischen schon ziemlich alt. Und wahrscheinlich betrunken.«
»Merkwürdig«, murmelte Santos. »Bleibt hier. Ich gehe nachsehen.« Mit diesen Worten stieg er den Pfad höher hinauf und war kurz darauf nicht mehr zu sehen.
»Warum dieser dramatische Auftritt?«, erkundigte sich Thomas.
»Santos? Er meint es gut. Er wollte einen guten Eindruck auf dich machen. Aber du machst ihn nervös.
Ihm bleibt heute Nacht, wie ich leider zugeben muss, nur noch seine gespielte Tapferkeit, mehr nicht.«
De l’Orme legte eine Hand auf Thomas’ Unterarm. »Sollen wir?«
Sie setzten ihren Spaziergang fort. Man konnte sich hier nicht verlaufen. Der Pfad lag wie eine geisterhafte Schlange vor ihnen. Borobudur ragte im Norden vor ihnen auf.
»Wo gehst du von hier aus hin?«, fragte Thomas.
»Sumatra. Ich habe dort eine Insel gefunden, Nias. Angeblich ist es die Stelle, an der Sindbad der Seefahrer damals gelandet ist und den alten weisen Mann des Meeres getroffen hat. Ich fühle mich bei den Eingeborenen dort sehr wohl, und Santos hat seine Beschäftigung mit einigen Ruinen aus dem 4. Jahrhundert, die er im Dschungel ausfindig gemacht hat.«
»Und der Krebs?«
De l’Orme antwortete nicht mal mit einem seiner Scherze.
Santos kam völlig verdreckt mit einem alten japanischen Karabiner in der Hand den Pfad heruntergerannt. »Verschwunden«, keuchte er. »Und das Gewehr hat er in einem Erdhaufen zurückgelassen. Aber zuvor hat er sämtliche Kugeln verschossen.«
»Wenn du mich fragst, ist er nach Hause, um mit seinen Enkelkindern zu feiern«, sagte de l’Orme.
»Da bin ich mir nicht so sicher.«
»Erzähl mir bloß nicht, die Tiger hätten ihn geholt.«
Santos senkte den Gewehrlauf. »Natürlich nicht.«
»Wenn du dich damit sicherer fühlst, kannst du das Ding ja nachladen«, meinte de l’Orme.
»Wir haben keine Kugeln mehr.« »Um so sicherer sind wir. Ziehen wir also weiter.«
Unweit des Mauls der Kali, am Sockel des Monuments, bogen sie vom Pfad ab und kamen an einem aus Bananenblättern gefertigten Unterschlupf vorbei, wo der alte Pram wohl seine Nickerchen gehalten hatte.
»Seht ihr?« sagte Santos. Der Boden war wie von einem Kampf aufgewühlt.
Thomas sah sich auf der Ausgrabungsstätte um. Es sah eher wie eine Schlammschlacht aus. In den Dschungelboden senkte sich eine tiefe Grube, daneben lag ein großer Haufen Erde und Wurzeln. Auf einer Seite befanden sich die Steinplatten, von denen de l’Orme erzählt hatte, groß wie Gullydeckel. »Was für ein Durcheinander«, kommentierte Thomas. »Ihr habt ja förmlich gegen den Dschungel selbst gekämpft.«
»Ehrlich gesagt, bin ich froh, dass wir das hinter uns haben«, nickte Santos.
»Befindet sich der Fries dort unten?«
»In zehn Metern Tiefe.«
»Darf ich?«
»Aber sicher.«
Thomas hielt sich an der Bambusleiter fest und kletterte vorsichtig hinab. Die Sprossen waren glitschig, und seine Sohlen waren nicht zum Leitern steigen, sondern eher für Straßenpflaster gedacht.
»Sei vorsichtig«, rief ihm de l’Orme nach.
»Alles klar, ich bin schon unten.« Thomas blickte nach oben. Es sah aus, als schaute man aus einem tiefen Grab heraus. Schlamm quoll zwischen den Bambusmatten auf dem Boden hervor, und die hintere, vom Regenwasser gesättigte Wand, drückte ihre Bambusverschalung bedenklich nach innen. Es sah aus, als würde hier im nächsten Augenblick alles zusammensacken und einbrechen.
Jetzt kam de l’Orme herunter. Das jahrelange Herumklettern auf wackligen Ausgrabungsgerüsten war ihm zur zweiten Natur geworden. Seine dürre Gestalt brachte die primitive Leiter kaum zum Wackeln.
»Du bewegst dich immer noch flink wie ein Affchen«, frozzelte Thomas.
»Das ist nur die Schwerkraft«, grinste de l’Orme. »Warte nur, bis ich mich wieder heraufquälen muss.« Er legte den Kopf zur Seite und rief Santos hinauf: »Alles klar. Die Leiter ist frei. Du darfst dich uns anschließen.«
»Gleich. Ich will mich nur noch einmal umsehen.«
»Na, was hältst du davon?«, fragte de l’Orme Thomas, sich dessen nicht bewusst, dass Thomas in völliger Dunkelheit stand und auf die leistungsstärkere Taschenlampe von Santos gewartet hatte. Jetzt zog er seine kleinere Leuchte aus der Tasche und schaltete sie an.
Die Säule aus Magmagestein war recht dick und eigenartigerweise vom Wüten des Dschungels und dem Zahn der Zeit völlig unbehelligt geblieben. »Sauber, sehr sauber«, sagte er. »Die Konservierung erinnert mich eher an eine Wüstenumgebung.«
Er führte den Lichtstrahl an den Rand der Steinmetzarbeiten: Die Details sahen aus wie neu, kein bisschen verwittert. Dieses Gebäude musste sehr tief in der Erde begraben gewesen sein, und das seit spätestens einhundert Jahren nach seiner Fertigstellung.
De l’Orme streckte eine Hand aus und legte die Fingerspitzen auf das Bild, um sich zu orientieren. Er hatte sich die gesamte Oberfläche allein durch seine Berührung eingeprägt und fing jetzt an, etwas Bestimmtes zu suchen. Thomas folgte seinen Fingern mit dem Lichtstrahl.
»Entschuldige, Richard«, sprach de l’Orme zu dem Stein, und jetzt erblickte Thomas die so angesprochene, vielleicht zehn Zentimeter hohe Ungeheuerlichkeit, die ihre eigenen Eingeweide wie eine Opfergabe darbot. Blut ergoss sich über den Boden, und aus der Erde entsprang eine Blume.
»Richard?«
»Ach, ich habe all meinen Kindern einen Namen gegeben«, sagte de l’Orme.