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Eines Nachts stieg Branch um Mitternacht einfach aus dem Bett. Es gab keine Spiegel. Am nächsten Morgen konnten sie aus seinen blutigen Fußabdrücken schließen, dass er hinausgeschaut hatte, sie wussten, was er durch die Lamellen vor seinem Fenster gesehen hatte: jungfräulichen Schnee.

Pappelwälder leuchteten in sattem Grün. Sommerferien. Zehnjährige Kinder von Armeeangehörigen rannten zum Angeln oder Schwimmen am Hospital vorbei und zeigten auf den Zaun, der Station G umgab. Dort spielte sich eine Horrorgeschichte mit umgekehrten Vorzeichen ab: Das medizinische Personal versuchte nämlich, die Entwicklung eines Monsters rückgängig zu machen.

An Branchs Verunstaltungen konnte man nichts ändern. Die künstliche Haut hatte ihm zwar das Leben, nicht aber sein gutes Aussehen gerettet. Das Gewebe war dermaßen zerstört gewesen, dass nach dem Heilungsprozess nicht einmal er selbst die Schrapnellwunden zwischen all den Brandnarben entdecken konnte. Sogar sein eigener Körper hatte Probleme, die Regeneration zu verstehen. Die Knochen heilten so rasch, dass die Ärzte keine Chance hatten, sie korrekt auszurichten. Narbengewebe bildete sich mit derartiger Geschwindigkeit auf seinen Verbrennungen, dass man Nähte und Schläuche durch frische Haut bohren musste. Einzelne Bruchstücke aus Raketenmetall verschmolzen mit seinen Organen und seinem Skelett. Sein Körper bestand fast nur aus Narben und Wundgewebe.

Branchs Überlebenswille und seine Metamorphose brachten die Mediziner völlig durcheinander. Sie redeten offen vor ihm über seine Verwandlungen, als wäre er ein außer Kontrolle geratenes Laborexperiment. Seine Zellenüberproduktion ähnelte in manchen Aspekten Krebs, nur erklärte das in keiner Weise die Verdickung seiner Gelenke, die neue Muskelmasse, den Marmoreffekt in der Pigmentierung seiner Haut, die kleinen, mit Kalzium angereicherten Wülste um seine Fingernägel. Kalziumwucherungen überzogen auch seinen Schädel. Sein Schlafrhythmus war völlig aus dem Gleichgewicht geraten. Sein Herz war vergrößert und er verfügte über doppelt so viele rote Blutkörperchen als normal.

Sonnenlicht und sogar Mondschein bereiteten ihm körperliche Qualen. In seinen Augen hatte sich Tapetum gebildet, eine reflektierende Schicht, die geringste Lichtquellen verstärkte. Bisher war der Wissenschaft nur ein höher entwickelter Primat bekannt gewesen, der als Nachttier durchging, nämlich der Aotus oder Nachtaffe. Branchs Nachtsehvermögen übertraf das des Aotus um ein Dreifaches. Das Verhältnis Kraft zu Körpergewicht schnellte bei ihm auf das Doppelte eines normalen Menschen herauf. Er war doppelt so belastbar wie halb so alte Rekruten und verfügte über die unglaublichen sensorischen Fähigkeiten sowie den Sauerstoffverbrauch eines Schimpansen. Irgendetwas hatte ihn in den Supersoldaten verwandelt, nach dem sie so lange gesucht hatten.

Die Weißkittel versuchten alles auf eine Kombination aus Steroiden, gepanschten Drogen und Geburtsfehlern zu schieben. Jemand stellte die Theorie auf, seine Mutationen könnten eine Spätwirkung von in vorangegangenen Einsätzen eingefangenen Nervengasen sein. Einer beschuldigte ihn sogar der Autosuggestion. In gewissem Sinne war er, da er der Zeuge unseliger Ereignisse geworden war, selbst zum Feind geworden. Seine Unerklärbarkeit machte ihn zu einer inneren Bedrohung. Er widersprach nicht nur ihrem Bedürfnis nach orthodoxem Denken. Seit jener Nacht in den bosnischen Wäldern war Branch ihr persönliches Chaos geworden.

Psychiater nahmen sich seiner an. Sie spotteten über seine Geschichte von Grauen erregenden Furien mit Frauenbrüsten, die sich zwischen den toten Bosniern erhoben hatten, und erläuterten geduldig, er habe durch den Raketenbeschuss eine extreme Traumatisierung durchlitten. Einer bezeichnete seine Geschichte als phantastische Vermengung nuklearer Kindheitsalbträume mit Sciencefictionfilmen und dem Morden, dessen Zeuge er geworden oder an dem er selbst teilgenommen hatte, eine Art großamerikanischer feuchter Traum. Ein anderer verwies auf ähnliche Erzählungen von »wilden Menschen« in den Waldlegenden aus dem mittelalterlichen Europa und vermutete, Branch plagiiere altbekannte Mythen.

Schließlich begriff er, dass sie nichts anderes wollten, als dass er widerriefe. Branch tat ihnen freudig diesen Gefallen. Jawohl, sagte er, das war alles nur Einbildung. Eine geistige Verwirrung. Zulu Vier hat sich nie ereignet. Aber sie nahmen ihm seinen Widerruf nicht ab.

Nicht alle widmeten sich seinen Hirngespinsten mit solcher Hingabe. Ein aufsässiger Arzt namens Watts bestand darauf, dass die Heilung absoluten Vorrang habe. Gegen den Wunsch der Forscher versuchte er, Branchs Kreislauf mit Sauerstoff zu fluten und bestrahlte ihn mit ultraviolettem Licht. Schließlich beruhigte sich Branchs Metamorphose. Die Kalziumauswüchse auf seinem Kopf bildeten sich zurück. Seine Wahrnehmung näherte sich wieder normalen Werten an. Er konnte wieder bei Sonnenschein sehen. Trotz allem war Branch nach wie vor missgestaltet. Hinsichtlich seiner Verbrennungsnarben und seiner Albträume konnten sie nicht viel tun. Aber es ging ihm besser.

Eines Morgens, elf Monate nach seiner Ankunft, wurde Branch, dem es in grellem Tageslicht und an der frischen Luft nicht besonders gut ging, mitgeteilt, er könne seine Sachen packen und gehen. Man hätte ihn wohl einfach entlassen, doch die Army hatte etwas gegen Freaks mit Kriegsmedaillen, die auf Amerikas Straßen herumlungerten. Also schickte man ihn kurzerhand nach Bosnien zurück. Da wusste man wenigstens, wo man ihn bei Bedarf finden würde.

Bosnien hatte sich verändert. Branchs Einheit war längst weitergezogen. Camp Molly war eine schwache Erinnerung auf einer Hügelkuppe. Unten im Basislager Eagle unweit von Tusla wusste man nicht, was man mit einem Hubschrauberpiloten anfangen sollte, der nicht mehr fliegen konnte, und so teilte man Branch ein paar Fußsoldaten zu, verbunden mit der Aufforderung, sich irgendwie nützlich zu machen. Selbstverwirklichung in Tarnkleidung: Es gab schlimmere Schicksale. Mit dem Persilschein eines Verbannten machte er sich mit seinem Zug sorgloser Schützen auf nach Zulu Vier.

Es waren allesamt Kids, die erst vor kurzem das Saufen und Gammeln, das Herumhängen in Gangs oder die Internet-Surferei aufgegeben hatten. Keiner von ihnen hatte echte Fronterfahrung. Als sich herumsprach, dass Branch vorhatte, bewaffnet unter die Erde zu gehen, prügelten sich diese acht Jungs förmlich darum dabei zu sein. Endlich Action.

Zulu Vier war so weit zur Normalität zurückgekehrt, wie man das vom Schauplatz eines Massakers behaupten kann. Das Gas hatte sich verzogen. Das Massengrab war platt gewalzt worden. Die Stelle war von einer Betontafel mit einem islamischen Halbmond und einem Stern gekennzeichnet. Man musste sehr genau suchen, um noch Bruchstücke von Branchs fliegendem Schlachtschiff zu finden.

Die Hänge und Täler der Umgebung waren von Kohlebergwerken förmlich perforiert. Branch suchte sich irgendeinen Schacht aus, und die Jungs folgten ihm hinein. In späteren Geschichtsbüchern wurde ihre spontane Erforschung als erste Sondierung durch nationale Militäreinheiten berühmt. Sie markierte den Beginn dessen, was schon bald nur noch »der Abstieg« genannt wurde.

Sie gingen so vorbereitet an ihre Aufgabe heran, wie es in jenen frühen Tagen eben üblich war: mit HandTaschenlampen und einer einzigen Seilrolle. Einem Pfad der Bergarbeiter folgend, gingen sie - sämtliche Sicherheitsvorkehrungen ignorierend - aufrecht durch enge, mit Holzpfeilern und Deckenstützen ausgekleideten Tunnels. Nach drei Stunden kamen sie an einen Riss in der Wand. Da überall Steinschutt auf dem Boden verstreut lag, sah es ganz so aus, als habe sich jemand aus dem Stein herausgegraben.

Einer plötzlichen Eingebung folgend, führte sie Branch in diesen Nebentunnel. Entgegen aller Erwartungen verzweigte er sich zu einem immer weiter und tiefer reichenden Netzwerk. Diese Gänge hatte kein Bergarbeiter gegraben. Die Passage war kaum ausgebaut, aber uralt, ein natürlicher Spalt, der unablässig nach unten verlief. Weiter unten war der Weg hier und da ein wenig ausgebessert worden:    Enge Durchgänge waren breiter gekratzt, instabile Decken mit übereinandergestapelten Felsbrocken gestützt worden. Einigen Steinarbeiten haftete so etwas wie eine römische Qualität an, einige der Bögen verfügten über grobe Schlusssteine. An anderen Stellen hatte tropfendes, mineralisches Wasser Kalksteinstangen geschaffen, die von der Decke bis auf den Boden reichten.