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Neun Monate vergingen. Tag für Tag trieben die Armeen ihr kollektives Wissen ein kleines Stück weiter, ein kleines Stück tiefer. Die Budgets der Armee- und Marinepioniere explodierten förmlich. Sie wurden zur Ausschalung von Tunnels, zur Konstruktion neuer Transportsysteme, zum Bohren von Versorgungsschächten, zum Bau von Aufzügen, zum Drillen von Kanälen und zur Einrichtung ganzer unterirdischer Lager eingesetzt. Sie pflasterten sogar Parkplätze, tausend Meter unterhalb der Erdoberfläche. Straßen führten durch Höhleneingänge tiefer in die Berge hinein, dienten als Zufahrten für Panzer, Humvees und Anderthalbtonner, die pausenlos Geschütze, Truppen und Nachschub ins Erdinnere transportierten.

Über ein halbes Jahr lang ergossen sich internationale Patrouillen zu Hunderten in die geheimen Winkel und Nischen der Erde. In den Ausbildungslagern wurde das Programm von Grund auf umgestellt. Alte Hasen saßen in Lehrfilmen für Bergarbeiter über Grundtechniken der Verstrebung und des Umgangs mit einer Karbidlampe. Ausbildungsleiter fingen an, ihre Rekruten zu mitternächtlicher Stunde zu den Schießständen zu treiben, um dort mit ihnen im Dunkeln Schießen und Abseilen mit verbundenen Augen zu üben. Assistenzärzte und Sanitäter wurden angehalten, ihre Studien der Histoplasmose zu widmen, eine durch Fledermaus-Guano ausgelöste Pilzinfektion, bei der die Lungen in sich zusammenfielen, außerdem Mulu-Fuß, eine tropische Höhlenkrankheit. Keinem von ihnen wurde mitgeteilt, welchen praktischen Nutzen das letztendlich haben sollte - bis sie eines Tages in den Schoß der Erde einfuhren.

Woche für Woche steigerte sich das Ausmaß dreidimensionaler, vierfarbiger Wurmfortsätze horizontal und vertikal unter der Landkarte Europas und Asiens. Ältere Unteroffiziere wollten ihrem glücklichen Schicksal kaum glauben: Vietnam ohne Vietnamesen! Der Feind stellte sich als Hirngespinst eines einzelgängerischen, entstellten Majors heraus. Niemand außer Branch konnte für sich in Anspruch nehmen, Dämonen mit fischweißer Haut gesehen zu haben.

Nicht, dass es keine »Feinde« gegeben hätte. Die Hinweise auf eine Besiedlung waren verblüffend, manchmal sogar schauerlich. Selbst in dieser Tiefe wiesen Spuren auf eine erstaunliche Vielfalt von Lebensformen hin, angefangen bei Tausendfüßlern über Fische bis hin zu einem etwa menschengroßen Zweibeiner. Ein Fetzen eines ledrigen Flügels ließ Spekulationen über unterirdische Flugwesen aufkommen und die Visionen des Heiligen Hieronymus von fledermausartigen dunklen Engeln aufleben.

In Ermangelung eines handfesten Exemplars hatten die Wissenschaftler den Feind auf den Namen Homo hadalis getauft, obwohl sie die Ersten waren, die zugaben, dass niemand sagen konnte, ob er überhaupt hominid war. Allgemein sprach man schon bald nur noch von den Hadal. Abfallhaufen bezeugten, dass diese affenartigen Kreaturen halbnomadische Gemeinschaftswesen sein mussten. Das Bild eines rauen, mühevollen Daseins entstand, das das entbehrungsreiche Leben der mittelalterlichen Landbevölkerung vergleichsweise angenehm erscheinen ließ.

Aber wer auch immer dort unten lebte - und die Beweise für eine primitive Besiedlung waren in den unteren Schichten unleugbar -, war verscheucht worden. Man traf auf keinerlei Widerstand, nicht der geringste Kontakt kam zu Stande. Kein einziges lebendes Wesen wurde gesichtet. Nur jede Menge Höhlenmenschen-Souvenirs: behauene Keile aus Feuerstein, zurechtgeschnitzte Tierknochen, Höhlenmalereien und stapelweise von der Oberfläche gestohlener Plunder wie zerbrochene Bleistifte, leere Cola-Dosen und Bierflaschen, Münzen, Glühbirnen und ausgebrannte Zündkerzen. Die Feigheit des Feindes wurde offiziell mit seiner Aversion gegen das Licht entschuldigt. Die Soldaten konnten es kaum erwarten, endlich zuzuschlagen.

Die militärische Inbesitznahme dehnte sich immer tiefer und weiter in der atemberaubenden Stille unter der Erde aus. Geheimdienste erfreuten sich an Nachrichtensperren für die Post nach Hause sowie Ausgangssperren für die Einheiten und einem Medien-Embargo.

Die Militärexpedition ging in ihren zehnten Monat. Es hatte den Anschein, als sei diese neue Welt am Ende doch leer, und die Nationalstaaten müssten es sich einfach nur in ihren Kellergeschossen bequem machen, ihren Besitzstand katalogisieren und Feinabstimmungen hinsichtlich der neuen unterirdischen Grenzen vornehmen. Die Eroberung entpuppte sich als Kinderspaziergang. Branch mahnte immer wieder zur Vorsicht, doch die Soldaten hielten es schon bald nicht mehr für nötig, Waffen zu tragen. Patrouillen nahmen den Charakter von Picknickausflügen oder einer fröhlichen Suche nach Pfeilspitzen an. Es gab ein paar Knochenbrüche, den einen oder anderen Fledermausbiss. Hin und wieder brach eine Decke herunter, oder jemand verschwand in einem abgrundtiefen Nebenschacht. Insgesamt gesehen war es um die Sicherheit sogar besser als sonst bestellt. Bleibt auf der Hut, predigte Branch seinen Rangers, doch mittlerweile hörte er sich schon wie ein Gewohnheitsnörgler an, selbst in den eigenen Ohren.

Und dann passierte es. Am 24. November kehrten Soldaten aus dem ganzen Bereich des Subplaneten nicht mehr zu ihren Höhlencamps zurück. Suchtrupps wurden losgeschickt. Nur wenige kamen zurück. Sorgfältig installierte Verbindungsleitungen verstummten. Ganze Tunnel brachen ein.

Es war, als hätte der gesamte Subplanet die Klospülung betätigt. Von Norwegen bis Bolivien, von Australien bis Labrador, von weit vorgeschobenen Posten bis zu kaum zehn Meter vom hellen Sonnenlicht entfernten Lagern verschwanden ganze Armeen spurlos. Später sprach man von Dezimierung, was genau genommen den Tod eines jeden zehnten Soldaten bedeutete. Was am 24. November - und danach immer wieder - geschah, war jedoch das genaue Gegenteiclass="underline" am Ende kam im Schnitt weniger als einer von zehn Soldaten mit dem Leben davon. Es war der älteste Trick in der Geschichte der Kriegsführung. Man wiegt den Feind in Sorglosigkeit. Man lockt ihn immer tiefer aufs eigene Terrain. Dann schneidet man ihm den Kopf ab. Buchstäblich.

Unterhalb Polens fand man auf Minus Sechs einen Tunnel mit den Schädeln von dreitausend russischen, deutschen und britischen NATO-Soldaten. Dreihundert Meter unter Kreta wurden acht Teams von LRRPS und Navy SEALS in einer Höhle gekreuzigt aufgefunden. Sie waren an weit voneinander entfernten Orten lebendig gefangen genommen, zusammengetrieben und dann zu Tode gefoltert worden.

Wahlloses Morden war eine Sache, doch das hier schien auf etwas völlig anderes abzuzielen. Hier war eindeutig eine höhere Intelligenz am Werk. Die Untaten waren genau geplant, aufeinander abgestimmt und auf Kommando exakt durchgeführt worden. Jemand - oder eine bestimmte Gruppe - hatte auf einem Gebiet von dreißigtausend Quadratkilometern eine groß angelegte Schlächterei choreographiert. Es war, als wäre eine Rasse Aliens an den Gestaden der Menschheit gelandet.

Branch lebte, aber nur, weil er auf Grund einer immer wieder ausbrechenden Malaria krankgeschrieben war. Während sich seine Leute weiter in die Tiefe vorankämpften, lag er unter einem Berg Eisbeutel in der Krankenstation und halluzinierte. Als er die schrecklichen Nachrichten auf CNN hörte, glaubte er zunächst an eine weitere Ausgeburt seines Deliriums.

Halb im Fieberwahn verfolgte Branch am 2. Dezember die Ansprache seines Präsidenten an die Nation, zur besten Sendezeit. Diesmal erschien er ohne Make-up. Er hatte geweint.

»Liebe amerikanische Mitbürger«, verkündete er. »Es ist meine schmerzliche Pflicht ...« In düsteren Tönen gab das Staatsoberhaupt die Verluste bekannt, die das amerikanische Militär in der vergangenen Woche erlitten hatte: alles in allem 29 543 Vermisste. Man befürchtete das Schlimmste. Im Lauf von drei schrecklichen Tagen hatten die Vereinigten Staaten halb so viele Tote zu beklagen wie im ganzen Vietnamkrieg. Der Präsident ging mit keiner Silbe auf die weltweiten Verluste ein, die sich auf die unglaubliche Zahl von einer Viertelmillion Soldaten beliefen. Er hielt inne. Er räusperte sich unbehaglich, raschelte mit seinen Unterlagen, schob sie zur Seite.