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»Die Hölle existiert.« Er hob das Kinn. »Es gibt sie wirklich, es ist ein geologischer, historischer Ort direkt unter unseren Füßen. Und sie ist bewohnt. Von grausamen Kreaturen.« Seine Lippen wurden ganz schmal. »Den grausamsten überhaupt«, fügte er hinzu, und einen Augenblick war sein unbändiger Zorn sichtbar.

»Das ganze vergangene Jahr über führten die Vereinigten Staaten, in Absprache und in Allianz mit anderen Staaten, die systematische Untersuchung der Ränder dieses gewaltigen unterirdischen Territoriums durch. Auf meinen Befehl machten sich 43 000 amerikanische Soldaten an seine Erforschung und Durchsuchung. Unsere Erkundungen ergaben, dass das Gebiet jenseits dieser Grenzen von unbekannten Lebensformen bewohnt ist. Daran ist nichts Übersinnliches. Im Laufe der kommenden Tage und Wochen werden Sie sich wahrscheinlich fragen, wie es möglich ist, dass wir diese Wesen noch nie zuvor bemerkt, keines von ihnen je zu Gesicht bekommen haben. Die Antwort lautet: Wir haben sie gesehen. Seit Anbeginn der Menschheit haben wir ihre Anwesenheit mitten unter uns vermutet. Wir haben sie gefürchtet. Gedichte über sie geschrieben, Religionen gegen sie errichtet. Bis vor kurzem wussten wir nicht, wie viel wir tatsächlich wissen. Bis vor wenigen Tagen galten diese Kreaturen entweder als längst ausgestorben oder aber man ging davon aus, dass sie sich vor unseren militärischen Stoßtrupps zurückzogen. Jetzt wissen wir es besser.«

Der Präsident verstummte. Der Kameramann zog das Bild auf und wollte gerade ausblenden, als der Präsident noch einmal die Stimme erhob: »Verstehen Sie mich nicht falsch«, sagte er. »Wir werden dieses Reich der Finsternis niederzwingen. Wir werden diesen Erzfeind besiegen. Wir werden unser schreckliches Schwert auf die Mächte der Dunkelheit niederfahren lassen. Und wir werden gewinnen. Im Namen Gottes und der Freiheit! Wir werden siegen!«

Das Bild wechselte sofort zum Presseraum eine Etage tiefer. Der Sprecher des Weißen Hauses und ein PentagonBulle standen vor den sich dort drängenden Journalisten. Selbst im Fieber erkannte Branch General Sandwell, vier Sterne und eine Brust wie ein Fass.

»Elender Drecksack«, murmelte er dem Fernseher zu.

Eine Dame von der L. A. Times erhob sich, sichtlich erschüttert:

»Befinden wir uns im Krieg?«

»Bislang hat niemand einen Krieg erklärt«, antwortete der Sprecher.

»Krieg gegen die Hölle?«, fragte der Miami Herald.

»Kein Krieg.«

»Aber gegen die Hölle?«

»Wir sprechen von einer oberen lithosphärischen Umgebung. Einer abyssalen, von Löchern durchzogenen Region.«

General Sandwell drängte den Sprecher zur Seite. »Vergessen Sie alles, was Sie zu wissen glauben«, sagte er ins Mikrofon. »Es ist einfach nur ein Ort. Aber ohne Licht. Ohne Himmel. Ohne Mond. Die Zeit läuft ganz anders dort unten.« Sandy hat schon immer großen Unterhaltungswert gehabt, dachte Branch.

»Haben Sie Verstärkung losgeschickt?«

»Momentan verhalten wir uns abwartend und halten die Augen offen. Niemand wird runtergeschickt.«

»Müssen wir eine Invasion befürchten, Herr General?«

»Negativ.« Er blieb hart. »Jeder Eingang ist streng bewacht.«

»Aber . Kreaturen, Herr General?« Der Reporter von der New York Times schien beleidigt zu sein. »Sprechen wir hier von Teufeln und Dämonen mit Mistgabeln und Zangen? Haben unsere Widersacher Hufe und Schwänze und Hörner auf dem Kopf? Haben sie Flügel? Wie würden Sie diese Monster beschreiben, General?«

»Das ist noch geheim«, antwortete Sandwell. Aber die Bezeichnung »Monster« schien ihm sehr zu gefallen. Die Medien fingen bereits an, den Feind zu dämonisieren. »Letzte Frage.«

»Glauben Sie an den Satan, Herr General?«

»Ich glaube nur an den Sieg.« Der General schob das Mikro zur Seite und verließ den Raum mit energischen Schritten.

Branch fiel in ständig neue Fieberträume. Ein junger Kerl mit einem gebrochenen Bein im Nachbarbett schaltete pausenlos durch die Kanäle. Die ganze Nacht über, jedes Mal, wenn Branch die Augen öffnete, zeigte das Fernsehbild ein anderes Stadium der Surrealität. Der Tag brach an. Die örtlichen Nachrichtensprecher waren gut vorbereitet worden. Sie verbannten jegliche Hysterie aus der Stimme und hielten sich strikt an den vorgefassten Text. Momentan haben wir nur sehr wenige Informationen. Bleiben Sie dran, wir geben jede neue Meldung sofort weiter. Bitte verhalten Sie sich ruhig. Am unteren Rand des Bildschirms lief pausenlos eine Textzeile durch, auf der für die Öffentlichkeit zugängliche Kirchen und Synagogen angezeigt waren. Zur Beratung der Angehörigen der vermissten Soldaten wurde von Seiten der Regierung eine Webseite eingerichtet. Die Börsenkurse stürzten radikal ab. Eine unselige Mixtur aus Kummer, Angst und Ausgelassenheit machte sich breit.

Nach und nach tauchten die ersten Überlebenden an der Oberfläche auf. Militärhospitäler nahmen blutbefleckte Soldaten auf, die wie kleine Kinder von Untieren, Vampiren, Zombies und Scheusalen plapperten. Aus Mangel an Worten für die finsteren Ungeheuerlichkeiten tief unten in der Erde, behalfen sie sich mit Bibelgeschichten, Horrorfilmen und Phantasien aus der Kindheit. Chinesische Soldaten sahen Drachen, buddhistische Dämonen. Jungs aus Arkansas sahen Beelzebub und Außerirdische.

Die Schwerkraft trug den Sieg über menschliche Zeremonien davon. In den Tagen, die auf die große Dezimierung folgten, sah man ein, dass man einfach nicht über die Möglichkeiten verfügte, alle Leichen an die Oberfläche zu transportieren, nur um sie anschließend wieder zwei Meter tief in der Erde zu vergraben. Es war nicht einmal genug Zeit, um in den Höhlen Massengräber auszuheben. Stattdessen wurden die Leichen in Seitentunnels aufgeschichtet und die Eingänge mit Plastiksprengstoff versiegelt. Bei den wenigen Beerdigungen mit richtigen Leichen blieben die Särge verschlossen, die Deckel unter dem Sternenbanner waren fest angeschraubt. »Keine Besichtigung.«

Die Aufklärung der Zivilbevölkerung wurde der Bundesnotstandsbehörde übertragen. Aus Mangel an handhabbaren Informationen holte man bei der BNB die antiquierten Broschüren mit den Verhaltensmaßregeln für Atomangriffe aus den siebziger Jahren aus der Mottenkiste und verteilte sie an Gouverneure, Bürgermeister und Stadträte. Lassen Sie Ihr Radio angeschaltet. Legen Sie sich Lebensmittelvorräte an. Sorgen Sie für ausreichend Wasser. Halten Sie sich von den Fenstern fern. Bleiben Sie im Keller. Beten Sie.

Diese Ratschläge hatten als böses Omen leer gekaufte Lebensmittelläden und Waffengeschäfte zur Folge. Bald begleiteten Kamerateams Nationalgardisten, die sich entlang der Schnellstraßen aufstellten und Ghettos einkreisten. Umleitungen führten zu Straßensperren, an denen Kraftfahrer durchsucht und um Waffen und Alkohol erleichtert wurden. Die Dämmerung senkte sich herab. Polizei- und Armeehubschrauber patrouillierten über den Himmel und tauchten potenzielle Krisengebiete in grelles Scheinwerferlicht.

Zuerst brach es eines Nachts in South Central Los Angeles los, was niemanden sonderlich überraschte. Dann kam Atlanta an die Reihe. Feuersbrünste und Plünderungen. Schießereien. Vergewaltigungen. Bandenkriminalität. Die ganze Palette. Es folgten Detroit und Houston. Miami. Baltimore. Die Garde sah dem Treiben aufmerksam zu, gemäß ihres Befehls, den tobenden Pöbel in seinen eigenen Stadtvierteln zu belassen und sich nicht einzumischen.

Dann gingen die Vorstädte in Flammen auf, und darauf war niemand vorbereitet gewesen. Von Silicon Valley bis Highlands Ranch und Silver Springs ließen die Pendler aus den Schlafstädten mal so richtig die Sau raus. Jetzt wurden die Gewehre ausgepackt, und mit ihnen der ganze unterschwellige Hass und Neid. Die so genannte Mittelschicht brach auseinander. Es begann mit Terroranrufen von Haus zu Haus, und der ungläubige Schrecken verwandelte sich rasch in die Gewissheit, dass der Tod direkt unter den Rasensprengern lauerte. Wie sich herausstellte, hatte sich auch in den besseren Wohnsiedlungen so einiges angestaut, was jetzt herauswollte. Die Brandstiftungen und Gewalttaten in den Vororten stellten sogar die Ghettos in den Schatten. Im Nachhinein blieb den Befehlshabern der Garde nichts anderes zu berichten, als dass sie gerade von den Leuten, die einen sauber gemähten Vorgarten ihr Eigen nannten, ein derartig unzivilisiertes Benehmen nicht erwartet hätten.