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Auf Branchs Fernseher sah das alles aus wie die letzte Nacht auf Erden. Was es für viele Menschen auch war. Als die Sonne am folgenden Morgen aufging, beschien sie ein Szenario, das die USA seit den Tagen der Angst vor der Bombe befürchtet hatten. Sechsspurige Autobahnen waren von den zerfetzten, ausgebrannten Autos und LKWs derjenigen verstopft, die dem Chaos zu entrinnen versucht hatten. Es hatten sich erbitterte Kämpfe abgespielt. Banden hatten die Staus durchkämmt und ganze Familien erschossen und erstochen. Überlebende wankten im Schockzustand auf der Suche nach Wasser umher. Schmutziger Rauch wälzte sich über den Himmel urbaner Ansiedlungen. Es war der Tag der Sirenen. Wetterhubschrauber und ausschwärmende Sendewagen streiften an den Rändern zerstörter Innenstädte entlang. Auf allen Kanälen gab es nichts als Verwüstung zu sehen.

Im amerikanischen Abgeordnetenhaus verlangte der Mehrheitsführer C. C. Cooper, ein Selfmade-Milliardär mit Ambitionen in Richtung Weißes Haus, lauthals nach dem Kriegsrecht. Er hielt neunzig Tage für einen angemessenen Zeitraum, um wieder zur Besinnung zu kommen. Ihm widersprach als Einzige eine schwarze Frau, die Ehrfurcht einflößende Rebecca January. Branch hörte zu, wie sie seinen Antrag mit ihren behäbigen texanischen Vokalen auseinander pflückte.

»Nur neunzig Tage, mehr nicht?«, donnerte sie vom Podium herab. »Auf keinen Fall, mein Herr, nicht mit mir. Das Kriegsrecht ist eine Schlange, Herr Senator. Der Same der Tyrannei. Ich fordere meine verehrten Kollegen mit allem Nachdruck auf, gegen diese Maßnahme zu stimmen ...« Der Antrag wurde mit 99 zu 1 angenommen. Der Präsident, eingefallen und übernächtigt, griff mit beiden Händen nach dem politischen Schutzmäntelchen und rief das Kriegsrecht aus.

Um 13 Uhr EST setzten die Generäle Amerika unter Arrest. Die Ausgangssperre war von Freitag ab Sonnenuntergang bis Montag Sonnenaufgang angesetzt. Es war reiner Zufall, doch die Beruhigungsperiode fiel genau auf den kirchlichen Ruhetag. Seit den Tagen der Puritaner hatte das Alte Testament keine derartige Gewalt mehr über Amerika ausgeübt: Ehre den Sabbat, oder du wirst ohne Vorwarnung erschossen!

Es funktionierte. Die erste große Woge des Schreckens verebbte.

Eigenartigerweise war Amerika den Generälen dankbar. Die Autobahnen wurden freigeräumt, Plünderer niedergeschossen. Am Montag durften die ersten Supermärkte wieder eröffnen. Am Mittwoch gingen die Kinder wieder zur Schule. Fabriken öffneten ihre Tore. Der Gedanke war der, möglichst schnell zur Normalität zurückzukehren, wieder gelbe Schulbusse auf den Straßen fahren zu sehen, das Geld in Umlauf zu bringen, dem Land das Bewusstsein zu vermitteln, zu sich selbst zurückgekehrt zu sein.

Misstrauisch traten die Leute vor ihre Häuser und klaubten die Überreste der Krawalle aus ihren Vorgärten. In den Vorstädten halfen Nachbarn, die kurz zuvor einander an die Kehle gegangen waren, sich gegenseitig beim Wegrechen der Glasscherben und beim Auffegen der Asche. Prozessionen von Müllwagen zogen durch die Straßen. Das Wetter war prächtig für Anfang Dezember. In den Nachrichtensendungen sah Amerika wieder aus wie zuvor.

Quasi über Nacht blickte der Mensch nicht mehr zu den Sternen empor. Die Astronomen fielen in Ungnade. Es war an der Zeit, nach innen zu blicken. Diesen gesamten ersten Winter hindurch wurden große, eilig mit Veteranen, Polizisten, Sicherheitsdienstlern und sogar Söldnern aufgefüllte Armeen an den weit verstreuten Eingängen zur Unterwelt stationiert, wo sie ihre Gewehrläufe in die Dunkelheit richteten und abwarteten, dass die Regierungen und die Industrie weitere Rekruten und Waffen zusammenkratzten, um eine überwältigende Streitmacht aufzustellen.

Einen ganzen Monat lang ging niemand mehr hinunter. Das CEOS, Verwaltungsräte und religiöse Einrichtungen setzten den Generälen und Politikern zu, die Wiedereroberung und ihre Forschungsexpeditionen wieder aufzunehmen. Doch inzwischen belief sich der Blutzoll auf über eine Million Menschen, darunter fast die gesamte afghanische Taliban-Armee, die auf der Jagd nach ihrem islamischen Satan komplett in den Abgrund gegangen war.

Die Generäle verwahrten sich dagegen, weitere Truppen hinunterzuschicken. Eine kleine Roboterlegion aus dem Marsprojekt der NASA wurde abkommandiert und in den Dienst der Untersuchung des neuen Planeten innerhalb des eigenen Planeten gestellt. Die Maschinen krochen auf metallenen Spinnenbeinen durch die Gänge und waren mit einer ganzen Phalanx an Sensoren und Videogeräten ausgerüstet, die es mit den unwirtlichsten Bedingungen auf weit entfernten Planeten aufnehmen konnten. Es gab dreizehn Roboter, jeder war an die fünf Millionen Dollar wert - und die Marsforscher wollten sie alle intakt zurückbekommen.

Die Roboter wurden von sieben verschiedenen Stellen aus immer paarweise losgeschickt - bis auf den verbleibenden Einzelkämpfer. Heerscharen von Wissenschaftlern kontrollierten jeden Einzelnen von ihnen rund um die Uhr. Die »Spinnen« hielten sich recht gut. Als sie tiefer in die Erde vordrangen, wurde die Verbindung immer schlechter. Ihre elektronischen Signale, die von den alluvialen Ebenen und den Polen des Mars einwandfrei empfangen werden konnten, wurden von den dicken Steinschichten gestört. Die Signale mussten computerverstärkt, interpretiert und zusammengesetzt werden. Manchmal dauerte es viele Stunden, bis eine Übertragung zur Oberfläche durchdrang, dazu mehrere Stunden oder gar Tage, um das elektronische Häcksel zu entwirren. Immer weniger Übertragungsdaten gelangten nach oben.

Was jedoch ankam, zeigte ein derartig phantastisches Erdinneres, dass die Planetologen und Geologen sich weigerten, ihren Instrumenten zu glauben. Die elektronischen Spinnen brauchten eine Woche, bis sie die ersten Bilder von Menschen sendeten. Tief in der Kalksteinwildnis von Terbil Tem unter Papua-Neuguinea waren Knochen als ultraviolette Stäbe auf den Computerschirmen zu sehen. Schätzungen reichten von fünf bis zwölf Skeletten in einer Tiefe von viertausend Metern. Einen Tag darauf fanden sie viele Kilometer im Inneren der vulkanischen Bienenwaben rings um den Akiyoshi-dai in Japan Belege dafür, dass man ganze Menschengruppen in zuvor unerforschte Tiefen getrieben und dort niedergemetzelt hatte. Andere Roboter fanden tief unter dem algerischen Djurdjura-Massiv, unter der Tiefebene des Nanxu in der chinesischen Provinz Kwangsi, weit unterhalb der Höhlen des Mt. Carmel und tief unter Jerusalem die Überreste von Kampfhandlungen in engen Kammern, Kriechgängen und gewaltigen Höhlen.

»Schlimm, sehr schlimm«, keuchten auch die abgebrühtesten Betrachter. Die Soldaten waren entkleidet und verstümmelt worden. Meistens fehlten die Köpfe ganz oder waren wie Bowlingkugeln zu Haufen aufgeschichtet. Schlimmer noch: Ihre Waffen waren verschwunden. Überall waren lediglich nackte Leichen zu sehen, die sich, unkenntlich gemacht, allmählich in bloße Knochenhaufen verwandelten. Man konnte nicht mehr erkennen, wer diese Männer und Frauen einmal gewesen waren.

Eine Spinne nach der anderen stellte ihre Übertragungen ein. Eigentlich hätten ihre Batterien noch viel länger halten müssen, und nicht alle waren bis zur Grenze ihrer Reichweite vorgedrungen.

»Die killen unsere Roboter«, vermuteten die Wissenschaftler. Ende Dezember war nur noch einer übrig, ein einsamer Satellit, der in Tiefen herumkroch, in denen eigentlich nichts mehr leben konnte.

Tief unter Kopenhagen fing das Roboterauge ein merkwürdiges Detail ein: die Nahaufnahme eines Fischernetzes. Die Computercowboys klackerten an ihren Geräten herum und versuchten, das Bild besser aufzulösen, doch es gab nicht viel mehr her als überdimensionierte Verknüpfungen von Schnüren oder dünnen Seilen. Sie befahlen der Spinne, ein Stück weit zurückzugehen, um einen größeren Winkel einzufangen. Es verging fast ein ganzer Tag, bis die Spinne zurückfunkte, und was sie zeigte, war so dramatisch wie damals, als das erste Bild von der Rückseite des Mondes empfangen wurde. Was zuerst wie Fäden oder Seile ausgesehen hatte, entpuppte sich als miteinander verbundene Eisenringe. Bei dem Netz handelte es sich um ein Kettenhemd, die Rüstung eines frühen skandinavischen Kriegers. Das Wikingerskelett darin war schon längst zu Staub zerfallen. Dort, wo ein verzweifelter dunkler Kampf stattgefunden hatte, war die Rüstung selbst mit einem Eisenspeer an die Wand gespießt.