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»So ein Schwachsinn!«, sagte jemand.

Doch als sich die Spinne auf Befehl im Kreis drehte, sahen sie, dass die gesamte Höhle mit Waffen und zerbrochenen Helmen aus der Eisenzeit angefüllt war.

Also waren die NATO-Truppen, die afghanischen Taliban und die Soldaten eines Dutzend anderer moderner Armeen keinesfalls die Ersten, die in diese Höllenwelt vorgedrungen waren und die Waffen gegen die Dämonen der Menschen erhoben hatten.

»Was geht dort unten bloß vor sich?«, fragte der Einsatzleiter.

Nach einer weiteren Woche zeigten die sporadischen Übertragungen nur noch verwaschene Geräusche und elektromagnetische Impulse zufälliger Beben. Dann hörte die Spinne ganz zu senden auf. Man wartete noch drei Tage, dann wurde Befehl zur Auflösung der Station gegeben - als plötzlich doch noch ein »Piep« durchkam. Eilig wurden die Monitore wieder eingestöpselt.

Und endlich kriegten die Wissenschaftler ihr Gesicht.

Das statische Rauschen löste sich auf. Etwas bewegte sich über den Schirm, und im nächsten Augenblick wurde der Schirm schwarz. Sie spielten das Band in Zeitlupe ab und rangen ihm kleinste elektronische Teilchen eines Bildes ab. Das Wesen hatte allem Anschein nach mehrere Hörner oder ein Geweih und einen Schwanzstummel sowie je nach Kamerafilter rote oder grüne Augen. Dazu einen Mund, der vor Wut oder Entsetzen - oder aus mütterlichem Schutzinstinkt? - laut schreiend aufgerissen war, als sich die Kreatur auf den Roboter stürzte.

Es war Branch, der der Fassungslosigkeit ein Ende setzte. Sein Fieber ließ nach, und er übernahm wieder das Kommando über das, was inzwischen zu einem Geisterbataillon geworden war. Er beugte sich über die Karten und versuchte herauszufinden, wo sich seine Einsatzgruppen an jenem fatalen Tag aufgehalten haben mochten.

»Ich muss meine Leute finden«, funkte er seinen Vorgesetzten, aber sie wollten nichts davon hören.

»Bleiben Sie, wo Sie sind«, lautete ihr Befehl.

»Das ist nicht richtig«, sagte Branch, setzte sich aber nicht weiter mit ihnen auseinander. Er wandte sich vom Funkgerät ab, schulterte sein Sturmgepäck und schnappte sich sein Gewehr. Er marschierte an der Reihe deutscher Panzerfahrzeuge vorbei, die rings um den Eingang der Höhlen in den Leoganger Steinbergen in den Bayerischen Alpen geparkt waren, und achtete nicht auf die Offiziere, die lauthals »Halt!« brüllten. Die letzten seiner Ranger, insgesamt zwölf Mann, folgten ihm wie schwarze Gespenster, und die Besatzungen auf den LeopardPanzern bekreuzigten sich.

Vier Tage lang waren die Tunnel geisterhaft verlassen, nicht der geringste Hinweis auf Gewaltanwendung, kein Hauch von Kordit, keine einzige Kugelschramme an der Wand. Sogar die Glühbirnen an den Wänden und Decken funktionierten. Doch dann, in einer Tiefe von minus 4150 Metern, brannten die Lichter nicht mehr. Die Soldaten schalteten ihre Stirnlampen an. Ab jetzt ging es langsamer voran.

Schließlich, sieben Camps weiter unten, enträtselten sie das Geheimnis von Kompanie A. Der Tunnel weitete sich zu einer großen Kammer mit hoher Decke. Sie bogen nach links ab und erreichten ein ausgedehntes Schlachtfeld. Es sah aus wie ein abgelassener See voller ertrunkener Schwimmer. Die Toten lagen einer über dem anderen und waren in diesem wirren Knäuel vertrocknet. Hier und da waren Leichen aufrecht gesetzt worden, damit sie ihren Kampf im Jenseits weiterführen konnten. Branch führte seine Leute weiter, ohne den Toten große Beachtung zu schenken. Sie fanden 7,62mm-Munition für M16-Sturmgewehre, ein paar Gasmasken, einige zerschlagene Stahlhelme. Außerdem jede Menge primitiver Kultgegenstände.

Einige der toten Kämpfer waren wie am Knochen gedörrt und ihre zu engen Hautsäcke hatten sie verzerrt. Die verbogenen Wirbelsäulen, die aufgerissenen Münder und die Verstümmelungen schienen die zwischen ihnen hindurchmarschierenden Gaffer anzukläffen und anzuheulen. Es war die Hölle, wie man sie Branch früher in der Schule beschrieben hatte. Goya und Blake hatten anscheinend ihre Hausaufgaben ausgezeichnet gemacht.

Der Trupp bewegte sich mit hin und her schwankenden Lichtstrahlen durch die grässliche Szenerie. »Major«, flüsterte der Maschinengewehrschütze. »Die Augen.«

»Schon gesehen«, erwiderte Branch und ließ den Blick über die sich aufbäumenden und umgestürzten Leichname wandern. Bei jedem Gesicht waren die Augen ausgestochen worden. Er hatte begriffen. »Nach dem Gefecht am Little Big Horn«, sagte er, »kamen die Frauen der Sioux und durchstachen die Ohren der Soldaten. Man hatte die Soldaten davor gewarnt, die Stämme zu verfolgen, deshalb öffneten die Frauen ihnen die Ohren, damit sie beim nächsten Mal besser zuhörten.«

»Aber ich sehe hier keine Überlebenden«, stöhnte ein junger Bursche.

»Ich sehe auch keinen Haddie«, sagte ein anderer. Haddie war ihr neuester Spitzname für die Hadal - ein schwächlicher Versuch, den Schrecken zu bannen.

»Haltet die Augen auf«, brummte Branch. »Und wenn ihr schon dabei seid, sammelt die Hundemarken. Zumindest können wir ihre Namen mit nach oben nehmen.«

Manche Toten waren von Unmengen durchsichtiger Käfer und Albinofliegen bedeckt. Bei anderen hatten sich rasch vermehrende Pilzsporen nur noch die Knochen übrig gelassen. In einer Mulde waren die toten Soldaten in einer mineralischen Flüssigkeit glasiert und verwandelten sich bereits in einen Teil des Bodens. Die Erde selbst zehrte sie auf.

»Major«, sagte eine Stimme. »Das müssen Sie sich ansehen.«

Branch folgte dem Mann zu einem steilen Vorsprung. Die Toten waren säuberlich in einer langen Reihe einer neben den anderen gelegt worden. Im Licht von einem Dutzend Lampen sah der Trupp, dass die Leichen mit einem hellroten, pudrigen Ockerstaub bedeckt und dann mit leuchtend weißem Konfetti überstreut worden waren. Es sah direkt schön aus.

»Haddie?«, keuchte der Soldat.

Unter der Ockerschicht lagen tatsächlich Leichen ihrer Feinde. Branch kletterte zu dem Vorsprung hinüber. Aus der Nähe erkannte er, dass es sich bei dem weißen Konfetti um Zähne handelte. Es mussten Hunderte, ja Tausende sein - und es waren Menschenzähne. Er hob einen auf, einen Eckzahn, und sah, dass er an einigen Stellen abgeplatzt war. Dort musste er mit einem Stein aus dem Mund eines GI ausgeschlagen worden sein. Vorsichtig legte er ihn wieder zurück.

Die Köpfe der Hadalkrieger waren auf menschliche Schädel gebettet. Zu ihren Füßen lagen Opfergaben.

»Mäuse?«, fragte Sergeant Dornan verwundert. »Vertrocknete Mäuse?« Es gab jede Menge davon.

»Nein«, erwiderte Branch. »Genitalien.«

Die Leichname waren unterschiedlich groß. Einige waren größer als die Soldaten und hatten Schultern wie Massai-Krieger. Neben ihren säbelbeinigen Kameraden nahmen sie sich merkwürdig aus. Einige von ihnen hatten seltsam geformte Klauen anstelle von Finger- und Zehennägeln. Abgesehen davon, was sie mit ihren Zähnen angestellt hatten, und von den aus Knochen geschnitzten Penishüllen, sahen sie beinahe menschlich aus.

Zwischen den toten Hadal verstreut lagen außerdem fünf schlankere Gestalten, grazil, feingliedrig, feminin, aber doch eindeutig männlich. Auf den ersten Blick hatte Branch sie für Jugendliche gehalten, doch die Gesichter unter dem roten Ocker waren genauso gealtert wie die der anderen. Alle fünf hatten verformte Schädel und abgeflachte Hinterköpfe, die durch enge Fesseln in der Kindheit hervorgerufen wurden. Bei diesen kleinsten Hadal waren die übergroßen Eckzähne auch am deutlichsten ausgeprägt; manche so lang wie bei ausgewachsenen Pavianen.