»Wir müssen ein paar dieser Kadaver mit nach oben nehmen«, sagte Branch.
»Warum das denn, Major?«, fragte ein junger Kerl. »Das sind doch die Bösen.«
»Genau. Und sie sind tot«, meinte sein Kumpel.
»Sie sind ein positiver Beweis dafür, dass es sie überhaupt gibt. Und sie werden uns dabei helfen, mehr über sie in Erfahrung zu bringen«, erwiderte Branch. »Bislang kämpfen wir gegen etwas, das wir noch nie richtig gesehen haben. Wir kämpfen gegen unsere eigenen Albträume.« Die US-Army hatte bisher noch kein einziges Exemplar in die Hände bekommen. Die Hisbollah im Südlibanon behauptete, einen von ihnen lebendig gefangen zu haben, aber das glaubte niemand.
»Ich rühre diese Dinger nicht an. Nein, das sind Teufel, seht doch nur hin!«
Sie sahen wirklich eher wie Teufel als Menschen aus. Wie von Karzinomen überzogene Tiere. Wie ich, dachte Branch. Es fiel ihm schwer, ihre Menschengestalt mit den korallenartigen Hörnern in Verbindung zu bringen, die ihnen aus der Stirn wucherten. Nicht wenige sahen aus, als könnten sie jederzeit die Krallen ausstrecken und wieder lebendig werden. Er machte seinen Leuten aus ihrem Aberglauben keinen Vorwurf.
Sie hörten alle das Funkgerät gleichzeitig. Ein kratzendes Geräusch, das mitten in einem Haufen Trophäen ertönte. Branch wühlte sich vorsichtig durch Fotos, Armbanduhren und Eheringe, bevor er das Walkie-Talkie herauszog. Er drückte dreimal auf die Sendetaste. Es klickte dreimal zur Antwort.
»Da unten ist jemand«, sagte ein Ranger.
»Genau. Bloß wer?« Sie überlegten. Menschenzähne knackten unter ihren Stiefeln.
»Identifizieren Sie sich. Over«, sprach Branch ins Funkgerät.
Sie warteten. Die Stimme, die antwortete, sprach Amerikanisch.
»Es ist so dunkel hier drin«, stöhnte sie. »Lasst uns hier nicht zurück, Leute.«
Branch legte das Funkgerät auf den Boden und wich entsetzt zurück.
»Moment mal«, sagte der Schütze. »Das war doch die Stimme von Scoop D.! Den kenne ich! Aber er hat seinen Standort nicht durchgegeben, Major.«
»Still«, flüsterte Branch seinen Leuten zu. »Sie wissen, dass wir hier sind.«
Sie flohen.
Wie Arbeiterameisen, die jede ein großes weißes Ei vor sich hertrugen, eilten die Soldaten durch die dunkle Vene im Gestein. Nur dass es sich dabei nicht um Eier handelte, sondern um Lichtkugeln, die jeder Soldat aus seiner Stirnlampe vor sich hertrieb. Von den dreizehn Mann am Vortag waren nur noch acht übrig. Wie ausgelöschte Seelen waren die anderen mitsamt ihren Lichtern entschwunden, ihre Waffen dem Feind in die Hände gefallen. Einer der Verbliebenen, Sergeant Dornan, hatte mehrere gebrochene Rippen zu beklagen.
Seit fünfzig Stunden schon hielten sie immer nur ganz kurz an, um in der pechschwarzen Dunkelheit hinter ihnen Feuer zu legen. Jetzt ertönte Branchs geflüsterter Befehl von der tiefsten Stelle:
»Bildet hier die erste Reihe.«
Die Worte wurden vom stärksten Glied der Kette zum angeschlagensten weitergegeben. An einer Gabelung blieben die Ranger stehen. Diese Stelle hatten sie schon einmal passiert. Die drei orangenen Streifen Sprühfarbe auf den neolithischen Wandmalereien waren ein willkommener Anblick. Es waren die Leuchtmarkierungen ihrer eigenen Einheit; die drei Streifen zeigten ihr drittes Lager auf dem Weg nach unten an. Der Ausgang befand sich jetzt nur noch drei Tage weiter oben.
Sergeant Dornans leiser Seufzer der Erleichterung hallte in der Kalksteinstille wider. Der Verwundete setzte sich auf, bettete seine Waffe zwischen Armbeuge und Oberkörper und lehnte den Kopf an den Fels. Die anderen machten sich daran, ihre letzte Verteidigungsstellung einzurichten.
Ein Hinterhalt war ihre letzte Hoffnung. Wenn sie hier versagten, würde keiner von ihnen das Tageslicht jemals wieder sehen, das für sie inzwischen sämtliche Bedeutungen gewonnen hatte, die sie aus der Bibel kannten. Die Herrlichkeit der Erleuchtung.
Zwei Tote, drei Vermisste, und Dornans gebrochene Rippen. Und ihr Maschinengewehr, um Himmels willen! Das Meisterstück von General Electric mitsamt der Munition, einfach spurlos aus ihrer Mitte geklaut. So eine Waffe verlor man nicht einfach. Nicht nur, dass ihre Truppe jetzt ohne massiven Feuerschutz auskommen musste, hinzu kam, dass eines schönen Tages Draufgänger wie sie in eine solide Wand aus Maschinengewehrsalven bester amerikanischer Qualität laufen würden.
Inzwischen war ihnen eine große Gruppe Verfolger immer näher gerückt. Die Mikrofone, die sie bei ihrem Rückzug versteckt hatten, kündigten ihre Anwesenheit über die Funkgeräte unzweifelhaft an. Selbst bei hochgedrehter Lautstärke bewegte sich der Feind leise, mit schlangenhafter Leichtigkeit, dabei unglaublich rasch. Hin und wieder streifte einer die Felswand. Wenn sich ihre Verfolger verständigten, dann in einer Sprache, die keiner dieser Infanteristen verstand.
Ein neunzehnjähriger Funkspezialist klammerte sich mit zitternden Fingern an seinen Rucksack. Branch ging zu ihm. »Hör nicht hin, Washington«, sagte er. »Versuch es gar nicht erst zu verstehen.«
Der verängstigte Junge sah auf. Und erblickte Frankenstein. Ihren Frankenstein. Branch kannte diesen Blick.
»Sie sind ganz nahe!«
»Nur keine Panik«, sagte Branch.
»Nein, Sir.«
»Wir drehen den Spieß einfach um. Jetzt bestimmen wir, was geschieht.«
»Jawohl, Sir.«
»Die Claymores, mein Junge. Wie viele hast du in deinem Rucksack?«
»Drei. Mehr sind’s nicht mehr, Major.«
»Mehr brauchen wir wohl auch nicht, was? Ich würde sagen, eine hierhin, eine dorthin. Da liegen sie richtig gut.«
»Jawohl, Sir.«
»Wir halten sie genau hier auf.« Branch hob die Stimme nur so weit an, dass ihn auch die anderen Ranger verstehen konnten.
»Hier ist die Grenze. Bis hierher und nicht weiter. Dann können wir nach Hause. Wir sind so gut wie draußen, Jungs. Ihr könnt schon mal die Sonnencreme auspacken.«
Auf solche Witze standen sie. Bis auf den Major waren sie alle schwarz.
Er ging die Verteidigungslinie Mann für Mann ab, ließ sie die Claymore-Minen optimal verteilen, wies jedem sein Schussfeld zu, bastelte sich seinen Hinterhalt so gut es eben ging. Der Kampfplatz dort unten war gespenstisch, selbst wenn man die hier und dort schimmernden Höhlenmalereien, die eigenartig geschnitzten Formen, die jäh abfallenden Felswände, die mineralisierten Skelette und die Minen einmal beiseite ließ. Der Ort selbst war der reinste Horror. Die Tunnelwände komprimierten das ganze Universum zu einer winzigen Kugel. Die Dunkelheit schleuderte es in freiem Fall weit von sich. Mit geschlossenen Augen konnte einen diese Mischung zum Wahnsinn treiben.
Branch sah seinen Leuten die Erschöpfung an. Sie waren schon seit zwei Wochen ohne Funkverbindung zur Außenwelt. Aber selbst wenn, hätten sie weder Artillerie noch Verstärkung noch Bergungskommandos anfordern können. Sie steckten tief unter der Erde, waren allein und wurden von Spukgestalten verfolgt, von denen nicht alle nur in ihrer Einbildung existierten.
Branch blieb neben einem prähistorischen Bison stehen, der an die Wand gemalt war. Aus der Schulter des Tieres ragten lange Speere heraus, in wilder Flucht zertrampelte es die eigenen Eingeweide. Es war tödlich getroffen, ebenso wie der Jäger, der es zur Strecke gebracht hatte. Von den langen Hörnern aufgespießt, kippte das Strichmännchen nach hinten um. Jäger und Beute, im Geiste vereint. Branch pflanzte die letzte seiner Claymores zu Füßen des Bisons auf ihr kleines Stativ.
»Sie kommen näher, Major.«
Branch sah sich um. Es war der Funker, mit aufgesetzten Kopfhörern. Ein letztes Mal kontrollierte er seinen Hinterhalt, malte sich aus, wie die Minen hochgingen, wo sich die Sprengkraft ungebremst entfalten, wo sie mit verhängnisvoller Wucht abprallen würde, und welche Nischen dem Inferno aus Licht und Metall womöglich entgingen. »Alles hört auf mein Kommando«, sagte er. »Vorher geschieht nichts.«