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»Ich weiß«, antworteten sie im Chor. Drei Wochen mit Branch an der Front reichten aus, um seinen Regeln bedingungslos zu folgen.

Der Funker schaltete sein Licht aus. Jenseits der Gabelung löschten auch die anderen Soldaten ihre Stirnlampen. Branch spürte, wie schwarze Dunkelheit sie überflutete.

Sie hatten ihre Gewehre voreingestellt. Branch wusste, dass in der schrecklichen Finsternis jeder Soldat im Geiste den gleichen Feuerstoß von links nach rechts probte. Ohne Licht waren sie blind, und später würden sie vom Licht geblendet sein. Ihr Mündungsfeuer machte ihre Fähigkeit, bei schwachen Lichtverhältnissen zu sehen, gleich wieder zunichte. Am besten war es, so zu tun, als könne man sehen und der Vorstellungskraft das Zielen zu überlassen.

Die Augen schließen. Erst aufwachen, wenn alles vorbei war.

»Näher«, flüsterte der Funker.

»Ich kann sie hören«, sagte Branch. Er hörte, wie der Funker sein Gerät vorsichtig ausschaltete, den Kopfhörer beiseite legte und seine Waffe schulterte.

Die Meute kam im Gänsemarsch auf sie zu. Die Weggabelung bestand aus zwei etwa mannsbreiten Röhren. Eine der Gestalten ging am Bison vorbei, dann eine Zweite. Branch verfolgte sie im Geiste. Sie trugen keine Schuhe, und der Zweite trottete sofort langsamer, als der Erste einhielt.

Können Sie uns wittern? Branch war besorgt, hielt den Befehl aber immer noch zurück. Es war reine Nervensache. Erst wenn alle drin waren, konnten sie die Tür zumachen. Dabei war er jederzeit bereit, die Claymores zu zünden, falls einer seiner Soldaten durchdrehte und das Feuer eröffnete.

Die Wesen stanken nach Körperfett, Mineralien, tierischer Wärme und verkrusteten Fäkalien. Etwas Knochiges schabte an einer Wand entlang. Branch spürte, wie sich die Kreuzung füllte. Sein Eindruck hatte weniger mit den Geräuschen als mit einem Gespür für die Luft zu tun. Der Luftzug hatte sich verändert, wenn auch kaum wahrnehmbar. Das vielköpfige Atmen sowie die Bewegung der Körper riefen kleine Luftwirbel im Raum hervor. Ungefähr zwanzig, schätzte Branch. Vielleicht dreißig. Möglicherweise Kinder Gottes. Aber jetzt gehören sie mir.

»Jetzt!«, stieß er hervor und drehte den Zünder um.

Die Claymores blitzten in einer einzigen farblosen Kaskade auf. Splitter spritzten gegen den Fels, ein tödlicher Schwarm winziger Geschosse. Acht Gewehre stimmten in den Hagel der Vernichtung ein und ließen ihre Garben in dem Dämonenrudel hin und her wandern. Die Mündungsblitze zuckten durch Branchs Finger, die er vor seine Brille hielt, und selbst als er die Augen nach oben verrollte, um sich nicht zu blenden, drang das Automatikfeuer immer noch durch. Nicht völlig blind, aber trotzdem ohne etwas zu sehen, zielte er mit stakkatoartigen Salven in den Feind.

Der Gestank des Pulverdampfs, der sich in den niedrigen Gängen sammelte, kratzte in ihren Lungen. Branchs Herz hämmerte wie wild. Eine der vielen schreienden Stimmen erkannte er als seine eigene. Gott steh mir bei, betete er mit der Wange am Gewehrkolben. In dem ohrenbetäubenden Getöse musste sich Branch in Erinnerung rufen, dass sein Gewehr erst dann leer geschossen war, wenn es nicht mehr gegen die Schulter zuckte. Zweimal wechselte er das Magazin. Beim dritten Wechsel legte er eine Pause ein, um den Stand des Gemetzels abzuschätzen.

Rechts und links von ihm feuerten seine Leute unablässig aus vollen Rohren in die Dunkelheit. Er wollte den Feind um Gnade winseln hören. Oder auch heulen. Doch was er stattdessen hörte, war Gelächter. Gelächter?

»Feuer einstellen!«, brüllte er.

Sie hörten nicht auf ihn. Im Blutrausch ballerten sie unvermindert drauflos, luden nach und ballerten weiter.

Er brüllte seinen Befehl noch einmal. Langsam kam einer nach dem anderen zu sich und hielt inne. Die Echos verhallten in den ferneren Gängen. Sofort breitete sich der beißende Geruch von Blut und frisch abgeplatztem Gestein aus, so intensiv, dass man ihn quasi ausspucken konnte. Das merkwürdig unschuldig klingende Gelächter hielt an.

»Licht an!«, befahl Branch, der versuchte, die Oberhand zu behalten. »Nachladen. Bereithalten. Erst schießen, später nachsehen. Absolute Kontrolle, Jungs!«

Die Stirnlampen gingen an. Weißer Rauch hing im ganzen Tunnel. Frisches Blut klebte auf den Höhlenmalereien. Aus der Nähe betrachtet, war das Blutbad perfekt gelungen. Verzerrte Körper lagen in einer nebligen unkenntlichen Masse übereinander. Das warme Blut dampfte auf den Körpern und erhöhte die Luftfeuchtigkeit noch.

»Tot. Tot. Tot«, sagte ein Soldat. Jemand kicherte. Entweder das, oder er schluchzte. Sie hatten das angerichtet. Das hier war ihr ganz persönliches Massaker.

Mit nach links und rechts sichernden Gewehrläufen näherten sich die Ranger fasziniert ihrem dampfenden Wild. Am letzten Tag, dachte Branch, erblicket die Augen toter Engel. Er schob ein Reservemagazin nach, hielt im oberen Tunnel nach verborgenen Eindringlingen Ausschau und erhob sich dann. Mit größter Vorsicht schritt er den Raum in einer Kreisbewegung ab, leuchtete zuerst in den linken, dann in den rechten Tunnel hinein. Leer. Leer. Sie hatten das ganze Kontingent ausgeschaltet. Nirgendwo waren Versprengte zu sehen, keine verräterischen Blutspuren, die irgendwo hinführten. Abrechnung Hundert Pro.

Sie versammelten sich nicht weit von den Toten entfernt im Halbkreis. Dort, bei den übereinander liegenden Gefallenen, blieben seine Männer wie erstarrt stehen und hielten ihre Strahler zu einem gemeinsamen Lichtkreis nach unten. Branch drängte sich zwischen sie. Und genau wie sie erstarrte er.

»Verdammte Scheiße«, murmelte einer der Soldaten finster.

Auch sein Nachbar wollte nicht glauben, was er da sah.

»Was machen die denn hier? Was haben die denn verdammt noch mal hier verloren?«

Jetzt wurde Branch klar, warum sich sein Feind so demütig hatte abschlachten lassen.

»Herrje«, keuchte er. Auf dem Boden lagen mindestens zwei Dutzend Leichen. Sie waren nackt und sahen erbärmlich aus. Und menschlich. Es waren Zivilisten. Unbewaffnet. Obwohl sie von Gewehrsalven und Schrapnellsplittern durchsiebt waren, ließ sich noch erkennen, wie ausgemergelt sie waren. Ihre verzierte Haut spannte sich straff über die hageren Brustkörbe. Die Gesichter waren eine Studie des Hungers: eingefallene Wangen, tief in den Höhlen liegende Augen. Füße und Beine waren von Geschwüren übersät, die Lenden in alte Wollabfälle gehüllt. Es gab nur eine Erklärung für ihre Existenz.

»Gefangene«, sagte Washington.

»Gefangene? Wir haben doch keine Gefangenen gekillt!«

»Klar doch«, meinte Washington. »Das waren Gefangene.«

»Nein«, sagte Branch. »Sklaven.«

Stille.

»Sklaven? So was gibt’s doch gar nicht mehr, Major.«

Er zeigte ihnen die Brandzeichen, die Farbstreifen, die Seile, die von einem Hals zum anderen führten.

»Seht ihr diese offenen Stellen auf Schultern und Rücken?«

»Na und?«

»Abschürfungen. Sie haben schwere Lasten getragen. Gefangenenarbeit - Sklaven.«

Jetzt sahen sie es auch. Auf einen Wink Branchs hin schwärmten sie aus.

Entgeistert und mit vorsichtigen Schritten stelzten die Soldaten zwischen den Gliedmaßen herum. Die meisten der Gefangenen waren Männer. Abgesehen von den Stricken, die sie am Hals aneinander fesselten, waren viele mit Lederriemen an den Knöcheln gefesselt. Bei den meisten war eine Art Klammer durch die Ohren getrieben worden, oder die Ohren waren aufgeschlitzt oder ausgefranst, so wie Cowboys ihr Vieh markierten.

»Na schön, es sind Sklaven. Wo sind dann ihre Besitzer?«

Alle waren sich einig. »Einen Aufseher muss es doch geben. So eine Truppe braucht einen Aufseher.«

Sie durchsuchten den Leichenberg weiter, machten sich mit der Ungeheuerlichkeit vertraut und wiesen den Gedanken von sich, dass Sklaven womöglich selbst Sklaven hielten. Doch nachdem alle Leichen gesichtet waren, hatten sie immer noch keinen Sklavenaufseher gefunden.