»Kapier ich nicht. Kein Essen, kein Wasser ... Wie haben die überlebt?«
»Wir sind an einem Rinnsal vorbeigekommen.«
»Damit hätten wir Wasser. Aber ich hab keine Fische gesehen.«
»Da haben wir’s. Seht mal her. Dörrfleisch.« Einer der Ranger hielt ein etwa dreißig Zentimeter langes Stück Trockenfleisch hoch. Es sah eher wie ein vertrockneter Stock oder verschrumpeltes Leder aus. Sie fanden noch mehr solcher Stücke, die meisten hinter die Fesseln geschoben oder von den toten Händen umklammert.
Branch untersuchte ein Stück, bog es, roch an dem Fleisch.
»Ich weiß nicht, was das sein könnte«, sagte er. Aber er wusste es. Es war Menschenfleisch.
Man kam zu dem Schluss, dass es sich um eine Karawane gehandelt hatte, und zwar eine ohne Fracht. Niemand konnte sich vorstellen, was die Gefangenen geschleppt hatten, aber geschleppt hatten sie etwas, und zwar erst kürzlich und über weite Strecken. Wie Branch sogleich aufgefallen war, wiesen die ausgezehrten Körper frische Scheuerwunden auf Schultern und Rücken auf, Wunden, die jeder Soldat kannte, der schon viel zu lange mit viel zu schwerem Gepäck marschiert war.
Die Ranger gingen mit ernsten und zornigen Mienen zwischen den Toten herum. Auf den ersten Blick sahen die meisten dieser Leute aus, als stammten sie aus Zentralasien. Das erklärte die fremdartige Sprache. Afghanen, vermutete Branch der blauen Augen wegen. Für seine Leute waren es Brüder und Schwestern. Daran hatten sie mächtig zu kauen.
Also benutzte der Feind sie als Lasttiere? Die ganze Strecke von Afghanistan bis hierher? Sie befanden sich tief unterhalb von Bayern. Im einundzwanzigsten Jahrhundert. Die Folgerungen waren Schwindel erregend. Wenn der Feind dazu in der Lage war, ganze Kolonnen von Gefangenen über derartige Entfernungen zu treiben, dann konnte er auch seine Armeen so weit . Und das alles direkt unter den Füßen der zivilisierten Menschheit. Wenn sie hier unten wirklich über derartige Möglichkeiten verfügten, dann saßen die Menschen oben auf dem Präsentierteller wie Blinde, die nur darauf warteten, ausgeraubt zu werden. Der Feind konnte überall auftauchen, jederzeit, wie Präriehunde oder Feuerameisen.
Was war so überraschend daran? Waren die Kinder der Hölle nicht von Anfang an immer wieder inmitten der Menschen aufgetaucht? Hatten sich Sklaven geholt und Seelen gestohlen? Waren über den Garten des Lichts hergefallen? Diese Idee war zu folgenschwer, als dass Branch sie so einfach hätte akzeptieren können.
»Hier ist er. Ich habe ihn gefunden«, rief Washington vom anderen Ende des Leichenhaufens. Er stand knietief in den zerrissenen Leibern und zielte mit dem Gewehrlauf und seiner Lampe auf etwas auf dem Boden. »Klar, der muss es sein! Das ist ihr Boss. Ich hab den verdammten Saukerl.«
Branch und die anderen gingen eilig zu ihm und stellten sich vor dem Ding auf. Stocherten und traten eine Weile hinein.
»Es ist einwandfrei tot«, sagte der Sanitäter und wischte sich, nachdem er den Puls gesucht hatte, die Finger ab. Das beruhigte sie ein wenig. Sie rückten näher heran.
»Er ist größer als die anderen.«
»Der König der Affen.«
Zwei Arme, zwei Beine. Der Körper, der dort verdreht zwischen den anderen Leichen lag, sah lang gestreckt und durchtrainiert aus. Er war mit geronnenem Blut überzogen, das, seinen Wunden nach zu schließen, zumindest teilweise von ihm stammte.
»Ist das so eine Art Helm?«
»Er hat da Schlangen ... Dem wachsen Schlangen aus dem Kopf.«
»Ach was, schau doch hin. Das sind Rastalocken, verschmiert mit Dreck oder so.«
Das Haar war tatsächlich verfilzt und schmutzig, das reinste Medusen-Nest. Schwer zu sagen, ob einige dieser verkrusteten Haarschwänze auf seinem Kopf aus Knochen bestanden oder nicht, aber er wirkte eindeutig dämonisch. Und etwas in seinem Aussehen - die Tätowierungen, der eiserne Ring um den Hals ... Er war größer als diese Furien, die Branch damals in Bosnien gesehen hatte, und er wirkte viel kräftiger als die anderen Toten. Trotzdem war er nicht unbedingt das, was Branch erwartet hatte.
»Packt ihn ein«, sagte Branch. »Dann nichts wie weg hier.«
Washington war nervös wie ein Rennpferd. »Besser, ich erschieß ihn noch mal.«
»Wozu soll denn das gut sein?«
»Ist besser so. Er hat die anderen getrieben. Er muss böse sein.«
»Er hat genug«, erwiderte Branch.
Murrend versetzte Washington der Kreatur einen kräftigen Tritt in die Herzgegend und wandte sich ab. Als erwachte ein Tier zum Leben, saugte der große Brustkorb einen großen Zug Luft ein, dann noch einen. Washington hörte die Atemgeräusche und warf sich mit einem Hechtsprung zwischen die Leichen.
»Er lebt! Er wird wieder lebendig!«, schrie er noch im Abrollen.
»Immer langsam«, schrie Branch. »Nicht auf ihn schießen!«
»Aber die sterben nicht, Major, schauen Sie doch hin!«
Das Wesen zwischen den Leichen rührte sich.
»Nicht durchdrehen!«, rief Branch. »Lasst uns die Sache vernünftig angehen, ein Schritt nach dem anderen. Mal sehen, was da los ist. Ich will ihn lebend.« Sie waren nicht mehr allzu weit von der Oberfläche entfernt. Wenn sie Glück hatten, konnten sie ein lebendes Exemplar mit nach oben bringen. Falls es unterwegs Schwierigkeiten gab, konnten sie ihren Gefangenen immer noch ausknipsen und weiterlaufen. Branch musterte das Ding im Licht ihrer Stirnlampen.
Irgendwie hatte es dieser eine geschafft, ihrem Feuerzauber zu entgehen. So wie Branch die Claymores gesetzt hatte, hätte eigentlich jeder in der Kolonne eine Ladung abkriegen müssen. Dieser hier musste etwas gehört haben, was den Sklaven entgangen war, und sich rechtzeitig unter den tödlichen Explosionen weggeduckt haben. Mit derartig hoch entwickelten Instinkten hatten sich die Hadal dem Zugriff der Menschen im Laufe der Geschichte immer wieder entziehen können.
»Sicher, der ist ganz klar der Boss«, sagte jemand. »Der muss es sein. Wer denn sonst?«
»Vielleicht«, meinte Branch. Ihr Verlangen nach Vergeltung war kaum zu bändigen.
»Sieht man doch. Sehen Sie ihn bloß an!«
»Erschießen Sie ihn, Major«, verlangte Washington. »Der stirbt sowieso.«
Es bedurfte nur seines Wortes. Noch einfacher: Es bedurfte nur seines Schweigens. Branch müsste sich lediglich wegdrehen, und die Sache wäre erledigt.
»Sterben?«, sagte das Ding, öffnete die Augen und sah sie an. Branch war der einzige, der keinen Sprung zurück machte.
»Freut mich, Sie kennen zu lernen«, sagte es zu ihm.
Die Lippen zogen sich zurück und entblößten weiße Zähne. Es war das Grinsen eines Mannes, dem nichts mehr als eben jenes Grinsen geblieben war.
Und dann fing er an zu lachen, dieses Lachen, das sie schon früher vernommen hatten. Die Heiterkeit war ungespielt. Er lachte über sie. Über sich. Über seine Qual. Seine verzweifelte Lage. Über das Universum. Es war die größte Unverfrorenheit, die Branch jemals untergekommen war.
»Macht das Ding kalt«, sagte Sergeant Dornan.
»Nein!«, fuhr Branch dazwischen.
»Ah, na los schon«, sagte das Wesen. Der Akzent war eindeutig amerikanischer Westen. Wyoming oder Montana.
»Macht schon«, sagte er. Und hörte auf zu lachen.
In die Stille hinein lud jemand durch.
»Nein«, sagte Branch. Er kniete nieder. Monster neben Monster. Nahm den Medusen-Kopf in beide Hände.
»Wer bist du?«, fragte er. »Wie heißt du?« Als nähme er jemandem die Beichte ab.
»Ist das ein Mensch? Ist das einer von uns?«, murmelte ein Soldat ungläubig.
Branch beugte sich näher heran und sah ein jüngeres Gesicht, als er erwartet hätte. Erst jetzt fiel ihnen etwas an ihm auf, das man keinem der anderen Gefangenen zugefügt hatte. Dort, wo der Hals auf den Schultern saß, stand ein Eisenring heraus, den man in seiner Wirbelsäule befestigt hatte. Ein kurzer Ruck an diesem Ring, und der Bursche verwandelte sich in einen Kopf auf einem toten Körper. Der Gedanke jagte ihnen einen heiligen Schrecken ein. Was für eine Willenskraft, wenn sie durch solch drastische Mittel gebändigt werden musste.