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»Wer bist du?«, fragte Branch.

Aus einem Auge des Wesens rollte eine Träne. Der Mann erinnerte sich. Er offenbarte seinen Namen, als überreichte er seinem Bezwinger sein Schwert. Er sprach so leise, dass Branch sich zu seinem Mund hinunterneigen musste.

»Ike.«

Stelle dir vor zum ersten,

 daß unten die Erde überall

ist mit Höhlen durchsetzt,

die von Winden durchweht sind,

daß sie sodann auch Seen

und zahlreiche Wasserbehälter heget

in ihrem Schoße und schroffes Geklippe,

daß auch viele verborgene Ströme

die Fluten und Steine unter dem Rücken der Erde

mit Macht fortwälzen, ist unglaublich.

LUKREZ;

Über die Natur der Dinge (55 v. Chr.)

6

Pappbecher

UNTER ONTARIO DREI JAHRE SPÄTER

Der gepanzerte Eisenbahnwagen bremste auf dreißig Stundenkilometer herunter, als er aus dem Wurmkanal in die riesige unterirdische Grotte einfuhr, in der sich Camp Helena befand. Die Schienen folgten dem gewölbten Klippenrand und senkten sich dann auf den Boden der gewaltigen Höhle. Im Inneren des Wagens wanderte Ike rastlos und mit gezückter Flinte auf und ab, wobei er über erschöpfte Männer, Kampfausrüstungen und Blutlachen steigen musste. Durch die vordere Scheibe erblickte er die Lichter der Oberwelt. Im Rückfenster entfernte sich das scheußliche, schmutzige Loch, das in noch fernere Tiefen hinabführte. Es kam ihm vor, als würde sein Herz zwischen Zukunft und Vergangenheit entzweigerissen.

Sieben dunkle Wochen lang hatte seine Gruppe in einem der Tunnel Haddie gejagt. Vier Wochen davon hatten sie mit dem Finger am Abzug gelebt. Eigentlich sollten firmeneigene Söldner die tieferen Stellungen bewachen, aber irgendwie war nun doch wieder das Militär daran beteiligt. Und kriegte dabei ordentlich was ab. Jetzt saßen sie auf den brandneuen kirschroten Plastiksitzen, die verdreckte Ausrüstung zwischen den Beinen und einen sterbenden Soldaten auf dem Boden vor sich.

»Endlich zu Hause«, sagte einer der Ranger.

»Wie schön für Sie«, erwiderte Ike und fügte ein verspätetes »Lieutenant«, hinzu. Sie waren wieder in der Welt, doch es war nicht die seine.

»Hören Sie mal zu«, sagte Lieutenant Meadows mit gesenkter Stimme, »was da passiert ist ... vielleicht muss ich nicht alles in den Bericht schreiben. Eine einfache Entschuldigung vor den Männern hier .«

»Sie wollen mir verzeihen?«, schnaubte Ike verächtlich. Die müden Männer blickten auf. Meadows zog die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen, und Ike nahm eine Gletscherbrille mit fast schwarzen Gläsern aus der Tasche. Er hakte sich die Bügel hinter die Ohren und legte das Plastik eng an die Tätowierung, die sich von der Stirn über die Wangen bis zum Kinn erstreckte.

Er wandte sich von dem Dummkopf ab und blickte aus den Fenstern hinaus auf die ausufernde Gefechtsstellung unter ihnen. Der Himmel über Camp Helena war ein Gewitter aus künstlichen Lichtern. Von diesem Zenit aus bildeten die hin- und herschwenkenden Laser einen rechteckigen Baldachin von ungefähr anderthalb Kilometern Seitenlänge. In der Ferne flammten Röhrenblitze auf. Seine auf Schulterlänge gestutzten Dreadlocks halfen Ike dabei, die Augen abzuschirmen, aber es reichte nicht. Ike, der in den finsteren Abgründen so energisch und kraftvoll war, schreckte vor dem Normalzustand zurück.

Auf Ike wirkten diese Siedlungen immer wie gestrandete Schiffe in der Arktis, kurz vor Einbruch des Winters, eine Erinnerung daran, dass eine Passage nur zeitlich begrenzt war. Jede Vertiefung, jeder Schacht, jedes Loch in den steil aufragenden Wänden des Gewölbes war von Licht durchflutet, und trotzdem konnte man immer noch geflügelte Tiere in dem domartigen »Himmel« herumflattern sehen, der sich hundert Meter über dem Lager spannte.

Hin und wieder wurden die Tiere müde, schraubten sich zum Rasten oder zur Nahrungssuche herunter und wurden prompt beim ersten Kontakt mit dem Laserbaldachin gegrillt. Die Arbeitsstätten und Unterkünfte im Lager waren vor diesem Niederschlag aus Knochen und Kohle sowie vor gelegentlichem Steinschlag durch steile, fünfzig Meter hohe Dachfirste mit einem Außenrahmen aus Titaniumlegierung geschützt. Von Ikes Waggonfenster aus wirkte die Siedlung wie eine Stadt voller Kathedralen in einer gigantischen Höhle.

Gleichzeitig sah sie aus wie die Hölle. In den seitlichen Stollen verschwanden Förderbänder, Schornsteine ragten in großer Zahl und Form aus den Dächern und ein Leichentuch aus Petroleum bedeckte alles. Auf den Förderbändern bewegte sich ein unablässiger Strom von Lebensmitteln, Nachschub und Munition in die Stollen. Im Gegenzug kam Eisenerz in die Stadt gerattert.

Der Waggon hielt vor dem Haupttor. Die Ranger stiegen einer nach dem anderen aus. Angesichts von so viel Schutz und Sicherheit beinahe beschämt, zugleich jedoch versessen auf ein paar kalte Biere und ein warmes Bett, konnten sie es kaum erwarten, den Stacheldraht hinter sich zu lassen. Was Ike anging, wäre er mit einer ausgeruhten Mannschaft zufrieden gewesen. Er war schon wieder zum Abmarsch bereit.

Ein Sani-Team kam mit einer Trage herbeigeeilt, und als sie das Tor passierten, ließ sie ein Lichtstreifen von einer der Bogenlampen weiß wie Engel aussehen. Ike kniete sich neben seinen Verwundeten, einmal, weil sich das so gehörte, aber auch, weil er um seine Fassung rang. Die Bogenlampen waren so angebracht, dass sie alles und jeden, der sie passierte, in grelles Licht tauchten, und all das töteten, was sich dort unten mit Hilfe von Licht töten ließ.

»Wir übernehmen ihn«, sagten die Sanitäter, und Ike ließ die Hand des Jungen los. Er war der Letzte noch im Waggon Verbliebene. Die anderen Ranger waren einer nach dem anderen durch das Tor gegangen und hatten sich nacheinander in Explosionen gleißenden Lichts verwandelt.

Ike wandte sich dem Tor des Camps zu und kämpfte gegen den Impuls an, sofort die Flucht in die Dunkelheit anzutreten. Der Drang war so stark, dass er ihn schmerzte wie eine Wunde. Nur wenige Leute konnten das verstehen. Er hatte dieses radikale Stadium erreicht, bei dem es nur Dunkelheit oder Licht gab, und es hatte ganz den Anschein, als verfüge er über keinerlei Grautöne mehr. Mit einem leisen Aufschrei schützte er die Augen mit den Händen und sprang mit einem Satz hindurch. Das Licht bleichte ihn so fleckenlos rein wie eine zum Himmel emporsteigende Seele. Und so betrat er abermals das Lager. Die Prozedur kam ihm jedes Mal schwerer zu bewältigen vor.

Jenseits des mit scharfen Klingen versehenen Stacheldrahts und der Sandsäcke atmete Ike tief durch.

Vorschriftsgemäß zog er sein Magazin aus dem Gewehr und feuerte den Lauf in die Sandkiste neben dem Bunker leer. Anschließend zeigte er den in Kevlar-Schutzkleidung steckenden Wachtposten seine Marke.

CAMP HELENA, stand darauf. BLACKHORSE II. ARMORED CAV’ war ausgestrichen und durch WOLFHOUNDS, 27. INFANTRY ersetzt worden. Diese Beschriftung war wiederum von den Namen eines halben Dutzends weiterer hierher versetzter Einheiten übermalt worden. Der einzige Eintrag, der immer gleich blieb, war die Höhenangabe in der rechten oberen Ecke: Höhe: MINUS 5.410 M.

Unter seiner schweren Kampfausrüstung gebeugt, trottete Ike an Soldaten in Trainingsanzügen oder in FeldNinjas vorbei, schwarzen Tarnanzügen, die eigens für den Einsatz in der Tiefe entworfen worden waren. Doch egal, ob sie zum Training oder zum Kasino unterwegs waren, zum Basketballkäfig oder zur Kantine, um sich einen Sixpack Schokotrunk oder ein paar Kräutertees abzugreifen, sie trugen ausnahmslos Gewehr oder Pistole bei sich - in steter Erinnerung an das große Massaker vor zwei Jahren.